„Wenn die Nacht am stillsten ist“ von Arezu Weitholz

Die 90er sind zurück! Gerade noch entführte Zeit-Feuilletonchef Jens Jessen mit seiner großartigen Mediensatire „Im falschen Bett“ auf die schmierige Showtreppe der Münchner Schickeria vor der Jahrtausendwende, jetzt siedelt die Berliner Songtexterin Arezu Weitholz ihr Liebesdrama „Wenn die Nacht am stillsten ist“ um dieselbe Zeit in einer Hamburger Lifestyle-Redaktion an. Das ist vor allem dem Fakt geschuldet, dass sie damals selbst Teil des absolut angesagten Szeneblättchens „Max“ aus der Hansestadt war (und das es online immer noch gibt). Im Gegensatz zu heute, wo Musikjournalismus und Plattenkritiken hauptsächlich im Netz stattfinden, hatten Printmagazine vor der Webära noch richtig fetten Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung. Spannend sind aber auch die Parallelen zur Jetztzeit. Im Roman heißen die Hipster zwar noch „Poptrottel“ und man trägt weiße Nike-Sneaker zur Anzugjacke statt Röhrenjeans zum Jutebeutel, aber ansonsten ist alles gleich geblieben: „Deine Klamotte ist das Statement, und wer das nicht kapiert, ist selbst schuld.“

In diese Atmosphäre aus Coolness und Oberflächlichkeit setzt Arezu Weitholz ihre beiden Protagonisten Anna und Ludwig. Die beiden arbeiten in derselben Redaktion als Musikjournalisten. Und sie sind ein Liebespaar. Aber das darf keiner wissen. Denn „sie würden dich auseinandernehmen“, sagt Ludwig zu Anna und meint die Arbeitskollegen. Und meint eigentlich, dass sie ihn auseinandernehmen würden. Er, der intellektuelle Überflieger, unnahbar, unantastbar – die Jungs wollen sein wie er, die Mädchen himmeln ihn an. Ihm kann niemand das Wasser reichen, vor allem nicht Anna, die schon so viel Scheiße im Leben durchgemacht hat, dass auch die Flucht ans andere Ende der Welt ihr keine Erlösung gebracht hat. In Australien war Anna DJane, ihre Wild Card für den Job in der Redaktion. Aber da bleibt sie nur die schräge Außenseiterin, die Artikel über Blumenvasen schreiben darf.

Spannend ist, wie Arezu Weitholz die Anatomie der Beziehung zwischen Anna und Ludwig rückwärts erzählt: Als Abgesang auf die Liebe, als Detektivgeschichte, romantisches Drama ohne Romantik oder Drama. Am Anfang sitzt Anna neben dem schlafenden Ludwig am Bett und weiß nicht, ob er je wieder aufwacht. Ludwig hat eine Überdosis Schlaftabletten genommen. Erst langsam werden die Hintergründe klar, warum Ludwig so etwas getan hat…In einem atmosphärisch dichten Erzählstrom verbindet die Autorin unerschrocken Zeitgeist, Pop und Musikkultur mit den großen existientialistischen Themen, Alter, Krankheit, Sterben, Tod. Eben so, wie es die Popmusik auch tut. Die Pop-Sozialisierung merkt man auch dem Sprachstil der Autorin an: Killersätze, die man immer wieder lesen möchte. Poetisch, wütend, melancholisch, sehnsüchtig. Einfach wunderschön!

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