„Drüberleben“ von Kathrin Weßling

Die einen schreiben in ihrem Blog über Fashion, die anderen über veganes Kochen oder, auch sehr beliebt, über Bücher… Kathrin Weßling lässt die Welt seit zwei Jahren in ihrem Weblog drüberleben an ihren Depressionen teilhaben. Dafür wurde sie sogar zum „Bloggermädchen des Jahres 2010“ gekürt. Jetzt ist ihr gleichnamiges Romandebüt Drüberleben draußen. Das Buch erzählt zwar nicht direkt Kathrins Geschichte, aber es gibt natürlich deutliche Parallelen zwischen ihr und der fiktiven Ich-Erzählerin Ida. Warum nicht direkt ne Autobiographie schreiben? Naja, erstens gibt’s dafür ja den Blog und zweitens, ist Kathrin eine durchaus begabte Schriftstellerin, die in der Lage ist, nicht bloß Erlebtes zu reproduzieren, sondern ihre Erzählung um einige dramatische Elemente anzureichern, sodass ein spannender, dynamischer Plot entsteht.

Ida ist 24 und leidet seit sechs Jahren unter der Diagnose F.32.2: Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome. Als sie droht, wieder von so einem schwarzen Loch verschluckt zu werden, weist sie sich (nicht zum ersten Mal) selbst in die Psychiatrie ein. Ähnlich wie in Eva Lohmanns Roman „Acht Wochen verrückt“ beschreibt „Drüberleben“ den Alltag im absurden Klinik-Kosmos, der seinen ganz eigenen Regeln folgt. Der Tagesablauf wird fremdbestimmt durch Gruppensitzungen, Therapiestunden und Chefarztvisiten. Auf Station 1, wo Ida landet, werden allerdings nur depressive Patienten behandelt. Dementsprechend fokussiert und weniger „irre“ ist die Handlung.

Das Buch hat den etwas albernen Untertitel „Depressionen sind doch kein Grund traurig zu sein“. Das soll wohl dem ernsten Thema den Zahn ziehen. Wenn ich eins durch den Roman gelernt habe, dann dass Depressionen tatsächlich nicht nur traurig machen, aber witzig sind sie deshalb noch lange nicht: Sie fühlen sich zornig, trotzig, selbstzerstörerisch, verzweifelt, ohnmächtig an. Wenn sie überhaupt eine Art von Humor produzieren, dann Sarkasmus und Ironie. Dadurch, dass man sozusagen im Kopf der Romanheldin steckt, kriegt man ihre Gedanken und Gefühle unmittelbar um die Ohren gehauen. Das liest sich manchmal, als wenn man mit 180 Sachen auf ne Wand zu brettert. Kathrin Weßling kommt ursprünglich aus der Poetry-Slam-Szene. Das merkt man auch ihrer Sprache an, die sehr atemlos, sehr verdichtet auf Stimmungen und Bilder ist.

„Drüberleben“ ist sicher keine leichte Lektüre für den Strand. Es geht nunmal um Depressionen. Das zieht runter, das ist manchmal anstrengend und düster. Absolut empfehlenswert ist der Roman aber für Neugierige, die intensive Einblicke und mehr Verständnis über diese psychische Störung bekommen wollen.

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