„Geister, Cowboys“ von Claire Vaye Watkins

Die Wüste flirrt. Der Himmel leuchtet quecksilbern. Und die scharfen Kanten der staubigen Berge zerreißen die Luft. Im Erzählband Geister, Cowboys von Claire Vaye Watkins erwachen die kargen Landschaften Nevadas zum Leben. Die Menschen trinken Kaffee mit Whiskey, rauchen Joints am Lagerfeuer und zocken Videopoker in dunklen Spielcasinos. Es ist der sehnsüchtige, nie enden wollende Nachhall des Wilden Westens, der die zehn Kurzgeschichten magisch wie Goldstaub durchzieht.

Claire Vaye Watkins ist jung, aber ihre Seele ist alt. Wie soll man auch unbeschwert aufwachsen, wenn der eigene Vater Paul Watkins ist? Der Mann, der die „rechte Hand“ des berühmten Serienkillers Charles Manson war. In der Titelstory „Geister, Cowboys“ ihrer lakonischen Geschichtensammlung geht es genau darum: Wie es ist, von fanatischen Manson-Verehrern, Hollywood-Drehbuchautoren und hungrigen Journalisten aufgespürt zu werden und nach den immer gleichen Schauergeschichten zu ihrem Vater befragt zu werden.

Auch in den anderen Short Storys sind die Figuren in Geschichten verwickelt, die nicht ihre eigenen sind, und irgendwie doch. Die Geschichten der Vergangenheit, der Orte. Die Orte enthalten Hinweise auf Fragen, aber keine Antworten. Eine Tatsache, an denen die Figuren straucheln, sich aufreiben, zerbrechen. So wie der Familienvater Thomas Grey, der auf einem Seitenstreifen am Highway die Spuren eines Autounfalls vorfindet, darunter auch ein Pillenfläschchen mit einem Namen und einer Adresse. Fortan schreibt er dem unbekannten Pillenbesitzer Briefe. Oder die drei Freunde Danny, Julie und Iris, die immer wieder nach Virginia City fahren, um in der Zeit zurückzureisen. In einigen Texten finden sich unschöne Brüche zwischen allwissendem Erzähler und Figurenperspektive: Manchmal haben die Protagonisten ein Detailwissen, das sie gar nicht haben können. Das wirkt dann unglaubwürdig, ist aber zu verzeihen.

Vom Interview-Magazin gefragt, was ihre Intention beim Schreiben ist, antwortet Watkins: „Ich mag es, Menschen zu bewegen.“ Das ist ihr bei mir gelungen. Die Orte, an denen ihre Geschichte spielen, sind faszinierend und geheimnisvoll, ihre Figuren sind sympathisch-zerrissene Outlaws und Träumer, ihre Sprache ist flirrend und melancholisch, aber dennoch handfest. Eine echte Entdeckung.

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