„Das Schwein unter den Fischen“ von Jasmin Ramadan

Skandal! Letzte Woche war ich mal ohne neue Rezensionsexemplare – das hat mir Gelegenheit gegeben, mal endlich was aus der Backlist meines Bücherregals zu konsumieren. Und da „Soul Kitchen“-Autorin Jasmin Ramadan schon lange auf meiner To-do-Liste stand, hab ich zugeschlagen – und wurde von Das Schwein unter den Fischen nur so ein klitzekleines bisschen enttäuscht…

Stines Familie heißt nicht Flodder, sondern Fehrmann. Trotzdem benehmen sie sich die meiste Zeit wie liebenswerte, aber asoziale Proleten mit einem Faible für 80er Jahre Mode und Hard Rock Musik. An Stines  13. Geburtstag verrenkt sich Alki-Stiefmama Ramona einen Halswirbel, beim Versuch, ihrer Teenagertochter zu zeigen, „wie das mit den Tampons geht“. Vater Reiner, Hobby-Nudist mit dünner werdender Langhaarmatte, therapiert Stine’s Klaustrophobie, indem er sie in Toiletten, Besenkammern oder Kellern einschließt. Weil die Familie eine Imbissbude in Hamburg besitzt, gibt’s jeden Morgen Mettbrötchen mit lustigen Gurken-Gesichtern, schwarzen Kaffee und Mentholkippen.

Kein Wunder, dass auch Stine zu einer nicht ganz normalen jungen Frau heranwächst, die sich wenig für Gleichaltrige und deren typischen Freizeitaktivitäten interessiert. Für deren Amüsierlust hat sie nur den trockenen Kommentar übrig: „Man kann auf viele Arten jung sein, leben und sterben. Verpassen tut dabei jeder was. Alles bestens also.“ Stine hat Sehnsüchte, aber keine Ambitionen. Sie hat Zukunftsängste, aber keine Träume. Also steigt sie nach dem Abi im Familienbetrieb ein und fragt sich, ob das schon alles gewesen ist. Trotzdem bringt sie es nicht übers Herz, ihrem Vater zu sagen, dass sie mehr vom Leben will, als nur hinter fettigen Herdplatten zu stehen.

Jasmin Ramadan gelingt das besondere Kunststück, die Selbstentfremdung ihrer Ich-Erzählerin sprachlich greifbar zu machen: Stine ist eine scharfe Beobachterin, die sich und ihr Umfeld schonungslos und mit viel Sarkasmus analysiert, dennoch bleibt sie selbst schlecht fassbar wie ein Fisch, weil sie ihre eigenen Bedürfnisse hinter denen ihrer egozentrischen Verwandtschaft so stark zurücknimmt. Trotzdem empfindet man große Sympathie für sie und die irren Freaks, die sie umgeben. Hier tauchen so viele liebenswerte Chaoten und exzentrische Selbstdarsteller auf, dass jeder Leser seine ganz eigene Lieblingsfigur findet. Bei mir ist es der schwule Arzt Dr. Ray, der nur Rollkragenpullis mit Kunstdrucken drauf trägt, und in den Stine heimlich verliebt ist.

Leider ist dieser durchgeknallte Familienroman so gemischt wie Gehacktes halb-halb. Denn er besteht aus einer starken ersten und einer schwachen zweiten Hälfte. Irgendwie geht der Geschichte zum Ende hin die Luft aus: Eine Italienreise mit der ganzen Familie entwickelt sich zu einer etwas zu abgedrehten, an den Haaren herbeigezogenem Odyssee und schließt dann mit einem  rührseligen Hollywood-Happy-End. Ein bisschen weniger Gefühlsdusel hätte der Glaubwürdigkeit, die den fulminanten ersten Teil auszeichnet, auf jeden Fall gut getan.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s