Interview zu „Verspielte Jahre“ mit Laura Karasek

Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich die bezaubernde Laura Karasek zum 1LIVE-Interview getroffen. Die Tochter von Hellmuth Karasek, einem der wichtigsten Literaturkritiker Deutschlands, hat gerade ihren ersten Roman Verspielte Jahre vorgelegt. Von Promi-Kind-Allüren war jedoch überhaupt nichts zu spüren. Als ich nach einer halben Stunde lockerem Geplauder gemerkt habe, dass mein Mikro ausgegangen ist *aaargh* meinte Laura nur total entspannt: „Och, dann machen wir das noch mal! Ist doch egal!“ Zum Glück waren die ersten zehn Minuten Gespräch aber „auf Band“ und hier könnt ihr das 3/4-Interview nachlesen.

Laura, wegen deines berühmten Vaters hast du für deinen Debütroman schon vor der Veröffentlichung viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Skepsis entgegen gebracht bekommen. Ist es für dich eine Genugtuung, dass das Buch jetzt so positiv aufgenommen wird?

Ja. Weil natürlich der Druck weg ist, dass ich es nicht drauf habe. Im Internet hat irgendjemand so was geschrieben. Das ist schon schmerzhaft. Deshalb ist es eine Genugtuung, dass das Ding schön läuft.  Ein Buch verkauft sich nicht wegen eines Namens, sondern weil die Leute das gern lesen. Ob ich jetzt Laura Karasek oder Laura Müller bin. Es ist schön, dass ich so eine tolle Resonanz kriege. Auch gerade über Facebook und von Leuten, die mich überhaupt nicht kennen. Ich bekomme Emails, darin steht: „Ich hab gelacht, ich hab geweint, ich war berührt.“ Von Typen, die sagen: „Endlich versteh ich die Frauen heutzutage! Danke für deine Aufklärung!“ Das ist eigentlich das coolste, was einem passieren kann.

Wie würdest du deine Romanheldin beschreiben?

Theresa ist ein Mädchen, das sehr, sehr intensiv leben möchte und immer von allem ganz viel will. Sie ist gierig. Sie ist ungenügsam. Sie ist aber auch eine typische Person unserer Generation, also der Kinder, die in den 80er Jahren geboren sind. Weil sie selbst sehr unverbindlich ist – was sie auch unsympathisch macht – sie aber gleichzeitig darunter leidet, dass andere mit ihr so unverbindlich sind. Die Männer wollen sich entweder nicht auf sie festlegen oder zu sehr. Sie will immer geliebt werden, aber weiß nicht so richtig, wie stellt man das an? Wie führt man das richtige Leben? Sie kann mit Körben und Zurückweisungen nicht wirklich gut umgehen. Dann geht sie aus Trotz vielleicht auch mal fremd, verhält sich egozentrisch. Auf der anderen Seite ist sie sehr bedürftig und eigentlich auch sehr traurig. Sie ist ein Mädchen, das schon auch über sich selbst lachen kann und um ihre eigenen Makel und ihre Trotteligkeit weiß, wenn sie den Männern hinterher hechtet. Sie hat eine Selbstzerstörungswut in sich. Sie raucht zu viel, sie trinkt zu viel, sie macht ihre Beziehungen kaputt. Sie vernichtet vieles, woran sie eigentlich glaubt.

Aber du liebst deine Protagonistin so wie sie ist?

Ich liebe sie sehr. Weil sie mir auch leid tut. Weil sie natürlich viel von mir hat. Weil ich es gut finde, dass sie so extrem ist. Ich mag keine Mitläufer. Ich mag keine grauen Mäuse. Sie ist jemand, der seine Gefühle lebt und die auch borstig und garstig ist. Und sich auch mal schreiend auf den Boden wirft, wenn sie sich mit ihrem Freund streitet. Die sich wirklich entblößt. Die keine Scheu davor hat, sich zu zeigen und auch ungezogen zu sein. Die auch ihre Lust auslebt und sagt: Ich will diesen Mann jetzt! Sie ist keine angepasste Maus. Sie ist wirklich eine starke Persönlichkeit, die sehr intensiv lebt. Ich bewundere das. Ich bin natürlich nicht ganz so krass wie sie, aber ich hab auf jeden Fall auch die Veranlagung zum Junkie genauso wie sie.

Ich erlebe Theresa gar nicht stark. Ich sehe da ganz viele Selbstzweifel und Ängste, die sie hinter einer Fassade versteckt…

Natürlich hat sie Ängste. Sie steht unter dem Druck, erfolgreich zu sein, sich für das richtige Leben zu entscheiden. Sie möchte nichts falsch machen. Sie legt viel zu viel Wert auf die Meinung anderer. Ihre ganzen Unsicherheiten versucht sie dadurch zu kompensieren, dass Männer sie toll finden. Insofern ist sie keine starke Person, aber ich finde sie stark in dem Sinne, dass sie sich nicht verstellt. Sondern sie lebt das, was sie ist. Sie sagt auch mal: Nein, das mach ich nicht! Sie verurteilt auch ihre Freundinnen für eine gewisse Konformität. Sie ist ängstlich und macht sie Gedanken über den Tod, über die Vergänglichkeit. Natürlich ist sie auch ein kaputtes Mädchen.

Theresa leidet unter einer Augenkrankheit, an die sie irgendwann erblinden wird. Was hat es damit auf sich?

Ich habe gedacht, es muss irgendwo herkommen,  dass sie so schnell leben will und so rastlos ist. Weil sie immer denkt, heute könnte mein letzter Tag als sehendes Mädchen sein. Wir Frauen wissen sowieso, dass wir irgendwann älter werden und dann eine gewisse Strahlkraft nachlässt. Nicht nur äußerlich, sondern auch gesundheitlich macht der Körper nicht mehr alles mit. Bei Theresa wollte ich das verstärken, dadurch, dass sie ihre Vergänglichkeit ganz deutlich spürt. Dann habe ich diese Augenerkrankung gewählt, weil das Erblinden ein schleichender Prozess ist. Sie leidet ja auch an Todesängsten, die jeder Mensch kennt. Mir haben viele Freunde geschrieben: „Krass, dass das mal jemand aufschreibt, wie oft man nachts wach im Bett liegt und denkt, das kann doch nicht wahr sein, dass in hundert Jahren hier nichts mehr von mir ist.“

Trotzdem spielt jeder Mensch in seinem Leben die Hauptrolle und nimmt sich superwichtig.

(lacht) Das denkt Theresa ja auch zwischendurch. Sie denkt an die Truman-Show. Sie denkt, alles dreht sich um mich und wenn ich nicht im Bild bin, haben die anderen Schauspieler gerade Drehpause. So nimmt sich doch jeder wahr, der ein bisschen selbstverliebt ist, aber sich auch selber hasst. Sie hat ja auch beides. Sie ist sehr selbstverliebt, aber sie findet sich eigentlich auch selbst unerträglich. Und sie findet das Leben an sich ja auch zum Teil unerträglich.

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