„Shades of Grey“ von E.L. James

Dass der Inhalt von „Shades of Grey“ schmutzig ist, weiß man ja. Folgendes habe ich aber auch noch nie gehört: Eine Kollegin von mir, die sich den dritten und letzten Band der erfolgreichsten Erotik-Trilogie aller Zeiten „Shades of Grey – Befreite Lust“ bestellt hat, bekam jetzt vom größten Onlinebuchdealer eine schockierende Nachricht: „Wir haben vom Verlag die Mitteilung erhalten, dass ein Teil der an den Handel ausgelieferten Erstauflage beschädigt ist. Unsere Qualitätskontrolle hat ergeben, dass die beschädigten Bücher nicht den Qualitätsansprüchen von Amazon genügen. Mängel des Produktes können beispielsweise Bindefehler, mit Druckerschwärze verschmutzte Seiten oder auch fehlende Seiten sein.“ Von den Mängeln einer fehlenden Handlung ist hier leider nicht die Rede. Ich frage mich aber, nachdem ich alle drei Teile gelesen habe, ob ich es überhaupt merken würde, wenn eine Seite mit geseufztem „Oh, Christian!“ – „Oh, Ana!“ fehlt.

Wie man sicher merkt, bin ich keine große Liebhaberin der „Shades of Grey“-Sexsaga. Umso herausfordernder war für mich die Aufgabe, im letzten halben Jahr fürs Radio die Bücher vorzustellen. Denn, keine Frage: Eine Buchreihe, die sich über 50 Millionen Mal auf der ganzen Welt verkauft hat, ist eigentlich über jede Kritik erhaben. Egal, ob sich das Feuilleton die Haare über den grottenschlechten Schreibstil der Autorin E.L. James rauft oder Boulevard-Blätter titeln „Dieses Buch ist schärfer als Porno“ – den Fans ist das große Gewese um Sinn oder Unsinn einer Sadomaso-Softporno-Liebes-Groschenoper herzlich egal. Sie kriegen einfach nicht genug von dem sexy Knistern zwischen dem schüchternen Bücherwurm Ana und ihrem attraktiv-abgefuckten Selfmade-Milliardär Christian Grey mit den 50 Facetten. Viele Leserinnen träumen sich hier in eine perfekte Welt, in der sich der von allen Frauen heißbegehrte Traumtyp in die unscheinbare Außenseiterin verliebt und sich daraufhin für sie vom dunklen in den weißen Ritter verwandelt. Diese Träumereien finde ich völlig legitim. Bücher sind immer Fluchten. Mir persönlich genügt dieser Plot allerdings nicht, um 1.885 Seiten zu füllen.

„Ich habe jungen Leuten, Berufsanfängern, gesagt, dass sie nicht gut schreiben können. In Wirklichkeit waren das alles potenzielle Mega-Bestseller-Autoren, und ich bin der Volldepp“, schreibt Zeit-Redakteur Harald Martenstein über „Shades of Grey“. Die Bücher sind in der Tat ein literarischer Verkehrsunfall: Man ist abgestoßen und fasziniert zugleich. Was ich der Hausfrau und Mutter E.L. James hoch anrechne: Sie träumte nie davon, eine Starautorin zu werden. Sie ließ einfach ihrer Phantasie freien Lauf. Es waren andere Frauen, die James frühe Version von „Shades of Grey“ als Twilight-Fan Fiction im Netz lasen, und sie ermutigten, ihre Story in größerem Stil zu veröffentlichen. Ein Buch von Fans für Fans also. Dafür gemacht, das große und meist züchtige Geschmachte zwischen Bella und Edward in den „Biss…“-Jugendromanen den bieder-braven Zahn zu ziehen.

Ich werde häufig gefragt, ob ich die „Shades of Grey“-Lektüre  weiterempfehle oder nicht – das ist in etwa so, als ob man gefragt wird: „Glaubst du, dieser Porno würde mich antörnen, oder eher nicht?“ Natürlich ist „Shades of Grey“ nicht wirklich ein Porno, aber auch hier gehts darum, Phantasien zu beflügeln. Liebe, Romantik, Erotik haben noch viel mehr als 50 Facetten und jeder bevorzugt hier eine andere. Deshalb sollte sich hier jeder selbst ein Urteil bilden – wem selbst die 12,99 Euro für den ersten Band „Geheimes Verlangen“ zu viel sind: Ich bin mir sicher, es gibt irgendwo eine Freundin in eurem Bekanntenkreis, die das Ding auf dem Nachttisch liegen hat und es euch gerne ausleihen wird…

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