„1913“ von Florian Illies

Florian Illies liefert pünktlich zum Weihnachtsgeschäft mit 1913: Der Sommer des Jahrhunderts das perfekte Geschenk für Kunst- und Kulturinteressierte ab. Das Jahr 1913 verwandelt sich unter seiner Regie zum Brennglas eines ganzen Jahrhunderts, das von großen Veränderungen geprägt ist. Wie bereits bei seinem Megaseller „Generation Golf“ (2000) statuiert Florian Illies an einer aufstrebenden Bevölkerungsgruppe ein Exempel. Hier sind es die Expressionisten aus Literatur und Bildender Kunst, die mit fiebrigem Eifer voranpreschen in ein neues, modernes Zeitalter.

Es ist das Jahr, in dem Nationalmythen begründet werden: In New York erscheint die erste Ausgabe der „Vanity Fair“; in Essen eröffnet die Mutter von Karl und Theo Albrecht den Prototyp des ersten Aldi-Supermarkts; in Detroit wird in den Ford-Automobilwerken erstmals ein Fließband eingesetzt; Prada eröffnet in Mailand seine erste Boutique.

Es ist das Zeitalter der Extreme. Selbstzerstörerisch, nervös, fiebrig. Es herrscht eine „ungeheure ungleichzeitige Gleichzeitigkeit“, die Florian Illies perfekt imitiert, indem er zwischen den vier Frontstädten der Moderne, Berlin, Paris, München und Wien, hin und her zappt, als ob es sich um eine aufwändige Soap Opera des 20. Jahrhunderts handelt. Die Penner-Prinzessin Else Lasker-Schüler verfällt dem Leichenaufschneider Gottfried Benn, der Maler Oskar Kokoschka brennt vor Eifersucht für seine Muse Alma Mahler, Carl Gustav Jung beginnt symbolischen Vatermord an seinem Mentor Sigmund Freud und in Österreich-Ungarn fahndet man nach dem Wehrdienstflüchtling Adolf Hietler (!), der lieber Aquarelle von der Marienkirche in München malt. Und wo steckt eigentlich Rilke? Schleimt sich wahrscheinlich gerade wieder bei irgendeiner Gönnerin ein, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Statt Werbeunterbrechungen gibt’s bei dieser Seifenoper köstliche Running Gags: Bis in den Dezember hinein gibt es den wiederholten Hinweis, dass die Mona Lisa aus dem Louvre verschwunden bleibt – bis sie unter einem Bett in Florenz wieder auftaucht.

Dieses Buch ist ein Kuriositätenkabinett. Pickepackevoll mit Anekdoten und Aphorismen, Fakten und Fiktionen, so dass sich die Künstlerrivalitäten der Avantgarde in nur einer Zeile verdichten lassen: „Picasso besitzt drei Siamkatzen. Marcel Duchamp nur zwei. Und so steht es auch bis heute zwischen den beiden großen Revolutionären: 3 zu 2.“

Wirklich etwas lernen kann man bei diesem boulevardesken Erzählstil nicht. Bis zur Reizüberflutung rauschen die Informationen an einem vorbei. Aber prächtig unterhalten wird man! Das Besondere an dieser opulenten Jahreschronik ist, dass sie Stimmungen und Strömungen zu transportieren versteht. Berühmtheiten der Geschichte haucht Illies wahrlich Leben ein. Er zeigt große Dichter und Denker nicht als Respekt einflößende Genies, sondern stellt sie nur allzu menschlich dar. Im stillen Kämmerlein, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, entlarven sie sich und ihre Neurosen auf fast rührende Weise selbst. Robert Musil notiert nach jedem Beischlaf mit seiner Frau ein „C.“ für Coitus in seinem Tagebuch. Der fünfzehnjährige Bertholt Brecht gibt täglich kurze Bulletins über sein Befinden zum Besten. Sein Diarium vermeldet Kopfweh, Rückenstechen, Nasenbluten: „Vormittags kam Doktor Müller. Trockene Broncheritis. Interessante Krankheit. Schnupfen kann jeder haben.“ Und der Philosoph Oswald Spengler stellt fest: „Ich habe nie einen Monat ohne Selbstmordgedanken gehabt. Innerlich habe ich mehr erlebt als vielleicht irgend ein Mensch meiner Zeit.“

Suizid als Bonmot. Tragik als Komik. Es mag an Illies leichtfüßiger Schreibe oder dem Abstand von hundert Jahren liegen, dass hier vieles als großer Witz erscheint, was damals ernstzunehmende Visionen von Verfall, Krieg, Untergang und Weltende bedeuteten. Es zeigt aber auch die Paradoxie unserer modernen Zivilisation bis heute zwischen Ironie und Pathos. Vor allem weckt Florian Illies wieder die Lust bei seinen Lesern auf Kunst, Geschichte, Poetik, auf Bildung allgemein.

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3 Kommentare zu “„1913“ von Florian Illies

  1. Liebe Karo, das klingt mal spannend für mich, da ich die Zeit nach der Jahrhundertwende mit ihren Secessionen kenne und liebe. Jedoch bin ich skeptisch: Präsentiert Illies das ganze zuu witzig und leichtfertig oder ist es auch für „Kenner und Liebhaber“ dieser Zeit interessant zu lesen (gerade weil es mal einen ironisch-lachenden Blick darauf wirft)? Neugierig bin ich auch, warum du es als Sachbuch einsortierst 🙂 …

  2. Liebe Laura, ich glaube 1913 wäre genau nach deinem Geschmack 🙂 Ohne Vorkenntnisse ist man in diesem Buch nämlich total aufgeschmissen. Florian Ilies ist ja selbst Kunsthändler und besitzt einen riesigen Wissensschatz, den er hier auch zeigt, ohne viel zu erklären.
    Wobei du als Rilke-Fan vielleicht ganz schön empört sein wirst – der selbst ernannte Frauenversteher kommt hier nämlich nicht so gut weg *höhö*
    Da es kein Roman ist, hab ich es unter Sachbuch eingeordnet (so wie der Verlag auch)…falls du nen treffenderen Vorschlag hast – immer her damit! 🙂

  3. Ich war schon etwas vorsichtig und hab „nur“ das e-Book erstanden. Vielleicht Vorurteil, vielleicht Informationsüberfluss: Ich habs nicht zu Ende gelesen. Auch ist mir wohl die Künstler- und Schriftstellerwelt der Zeit irgendwie völlig unbekannt. Ergo, fehlt mir der Zugang zu diesen, fehlt er vielleicht auch zum Buch. Vermutlich schade. Erklärung finde ich nun in deiner hier vorstehenden Meinung.

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