„Requiem“ von Eoin McNamee

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In einen David-Lynch-mäßigen, hypnotischen Abgrund fiel ich dieser Tage mit Requiem vom irischen Schriftsteller Eoin McNamee (spricht man in etwa „Owen MakNimmy“ aus). Für besonderen Nervenkitzel sorgt in diesem mysteriösen, eleganten Crime Noir die Tatsache, dass er ganz ähnlich wie James Ellroys „Die Schwarze Dahlie“ auf einem wahren Verbrechen beruht. Im Jahr 1961 wird in Nord-Irland der 26-jährige Robert McGladdery für den Mord an der 19-jährigen Pearl Gamble schuldig gesprochen und als letzter Mensch in der Historie des Landes zum Tode verurteilt und gehängt. Bis heute ist unklar, ob Robert die Tat wirklich begangen hat.

Von modernen CSI-Ermittlungsmethoden wie DNA- und Spurenanalyse können Inspektor Eddie McCrink und seine Kollegen der Polizeibehörde in den Sechzigern nur träumen. Alles was sie haben, sind Indizien. Doch außer dem vernunftgeleiteten McCrink , der die Ermittlungen am Fall Pearl Gamble in Newry als Außenstehender überwachen soll, scheint sich niemand an der fragwürdigen Beweislage zu stören. Die alleinstehende Bibliothekarin am Ort, mit der McCrink eine Affäre beginnt, bringt es auf den Punkt: „Sie werden nie herausfinden, was in jener Nacht geschehen ist. Sie können hängen, wen Sie wollen. Es ist Sache der Stadt, und die Stadt wird sich darum kümmern.“

Um sich in dieser Kleinstadt zurechtzufinden, die nicht nur auf einem Sumpf gebaut, sondern auch einer geworden zu sein scheint, braucht es mehr als eine Landkarte. Die Bewohner werden „Nyuk“ genannt, was im Slang der Zigeuner so viel wie „Dieb“ bedeutet. Eoin McNamee stellt die Struktur dieser archaisch-rauhen Stadt der Diebe mit großer Subtilität und atmosphärischer Dichte dar: „Er fing an, die Stadt zu begreifen, diesen Ort an der Grenze. Seine Bewohner mit Herzen, die unterwandert waren. Ihre Art, wie sie niemals Informationen anboten. Man musste nach ihn forschen, musste sie aus dem Verschwiegenen und Vorenthaltenen heraushören. Ihm war aufgefallen, dass die Leute dieser Stadt das Telefon abhoben, ohne sich zu melden. Am anderen Ende blieb einem nichts anderes übrig, als ins Leere zu reden.“

McNamee blickt tief in die verschütteten Seelen der Menschen, die wie Schachfiguren in einem morbiden Schattenspiel ihre Rollen erfüllen. Der befangene Richter mit erbarmungslosen Karrierezielen, dessen Tochter selbst Jahre zuvor auf ganz ähnliche Weise wie Pearl Gamble ums Leben kam. Die beste Freundin des Mordopfers, die die mitfühlende Aufmerksamkeit genießt. Die Mutter des Tatverdächtigen, die alt und verbittert dem Suff verfällt. Und nicht zuletzt Robert McGladdery selbst, den der Autor mit solch psychologischem Intensität beschreibt, dass man zwischen Mitleid und Abscheu, Sympathie und Antipathie hin- und herschwankt. Ein naiver und egozentrischer Halbstarker aus der Unterschicht, dessen Schicksal zum Scheitern verurteilt ist. Bis zum Schluss glaubt Robert daran, so wie die Helden in seinen geliebten Schundromanen als glorreicher Sieger aus der Geschichte hervorzugehen, und nicht als Opferlamm.

Die Frage um Schuld oder Unschuld des Angeklagten Robert McGladdery klärt dieser historische Justizkrimi selbstverständlich nicht. Er zeigt verschiedene Fährten auf, ohne sie bis zum Schluss zu verfolgen. Was bleibt, ist eine Ahnung, ein kurzer, schwindelerregender Blick in den Abgrund. Das stört jedoch nicht. Der Roman ist ein historisches Zeugnis seiner Zeit. Das Psychogramm einer Kleinstadt und der Menschen, die sie hervorbringt. Die Anatomie einer Gesellschaft. Ein Roman, von so schauriger Schönheit wie ein blankpolierter Knochen.

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