„Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ von E.M. Delafield

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Ein Name wie ein Gedicht – Edmée Elizabeth Monica de la Pasture. Eine Herkunft zwischen blauem Geblüt und la Bohème – der Vater ein französischer Graf und die Mutter Schriftstellerin. Kein Wunder, dass Elizabeth, die nach der Heirat kurz E.M. Delafield wird,  in den 1930ern selbst zur populären Kolumnistin und Autorin in England aufsteigt. Ihr autobiographisch gefärbtes Tagebuch einer Lady auf dem Lande erscheint jetzt in deutscher Neuübersetzung  und entführt in eine nostalgische Welt zwischen Haushaltspflichten, Tee-Partys, Dorfklatsch, Dinnergesellschaften und Wohltätigkeitskomitees. Desperate Housewives meets Jane Austen.

Irgendwo in der südwestlichen Provinz der Grafschaft Devon lebt in den 1930ern eine patente Dame vom Land mit ihrem Mann und zwei süßen Kindern und versucht eisern die Contenance beim Bewältigen des alltäglichen Wahnsinns als Mutter und Hausherrin zu bewahren. Was ihr nicht immer anstandslos gelingt. Sie steht auf Kriegsfuß mit der Gartenarbeit, dem englischen Wetter, der Bank, ihrer Konkurrentin Lady Boxe und – wie fast jede Frau – mit ihrem Kleiderschrank. Und wie fast jede Frau reagiert sie auf Widrigkeiten wie folgt: „Das Leben ist ganz und gar unerträglich, und ich beschließe auf der Stelle, mir einen neuen Hut zu kaufen.“

Es sind triviale Dinge, Gespräche und Anekdoten, die sie ihrem Tagebuch anvertraut. Doch durch ihren scharfen Verstand und Witz gibt die Lady kuriose und höchst vergnügliche Einblicke in das provinzielle Gesellschaftsleben. Besonders auffällig dabei ist der Kontrast zwischen äußerem Schein und wahrem Ich. Während die Lady häufig in der Öffentlichkeit verblüfft über die Tiefgründigkeit und Ausdrucksfähigkeit anderer Leute stumm bleibt, liegt sie nachts wach und entwirft flammende Ansprachen an ihr Hauspersonal – die natürlich nie gehalten werden.

Diese Lektüre ist so britisch wie 5-Uhr-Tee. Eine kurzweilige, harmlose Zerstreuung, die ohne große Gefühlsausbrüche oder dramatische Fügungen auskommt. Was für die Tagebuchform ja durchaus in Ordnung  ist. Allerdings fehlt es einfach an Entwicklungen. Was auch der Tatsache geschuldet sein mag, dass der Roman zuerst als wöchentliche Zeitungskolumne veröffentlicht wurde und gar nicht dafür gedacht war, in einem Rutsch gelesen zu werden. An Modernität steht dieser Klassiker dagegen sowohl sprachlich als auch inhaltlich heutigen Zeiten in wenig nach. So manche verzweifelte Hausfrau und Chaosqueen wird sich in den Schilderungen der Lady wiederfinden.

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