„Häschen in der Grube“ von Maria Sveland

Maria Sveland_Häschen in der Grube

Ich bin Feministin. Und ja, ich trag gern kurze Röckchen, heule bei Liebesfilmen und parke schlecht ein. Ich bin für Gleichberechtigung der Geschlechter, nicht Gleichmachung. Ich bin für Frauen in Führungspositionen, die nicht versuchen, die noch härteren Männer zu sein. Ich bin für weibliche Solidarität, Empathie und Intuition. Wie man vielleicht merkt, hab ich immer das Bedürfnis, mich für diese Einstellung verteidigen zu müssen. Das mag daran liegen, dass die meisten in Deutschland beim Thema Feminismus an bekannte Gesichter wie Alice Schwarzer, Charlotte Roche oder Lady Bitch Ray denken. Erste gilt als piefig, zweite als radikal, dritte als billig. Ich habe das Gefühl, dass Feministin hierzulande ein Schimpfwort ist, ein Pseudonym für männerhassende Emanze. Warum ich das alles erzähle? Weil ich mir mehr Schriftstellerinnen wie die Schwedin Maria Sveland wünsche. Schriftstellerinnen, die über Frauen schreiben, die am Ende nicht von Mr. Right gerettet werden, über Frauen, die kritisch ihre Rolle in der Gesellschaft hinterfragen, über Frauen, die verdammt cool sind. Neben Sofi Oksanen aus Finnland ist Maria Sveland eine der aufregendsten feministischen Stimmen der Jetztzeit, die das hinkriegen.

Skandinavien gilt ja als besonders liberal und fortschrittlich, aber selbst hier löste Maria Svelands Debüt „Bitterfotze“ 2007 einen Skandal aus. Ein furchtbarer Buchtitel, der sitzt, weil er die beiden bösesten Beleidigungen verbindet, mit denen man eine Frau abstrafen kann. Niemand will eine verbitterte F*** sein. In ihrem zweiten Roman Häschen in der Grube (im schwedischen Original „Att springa“ = „Laufen“) begegnet Maria Sveland (die übrigens ein bisschen wie Maggie Gyllenhaal aussieht) dem Mythos der selbstbestimmten modernen Frau weniger buchstäblich und autobiographisch, dafür aber umso verstörender. Denn es geht um sexuellen Missbrauch, psychische Gewalt und Unterdrückung von Frauen.

Die besten Freundinnen Emma und Julia wachsen in den Achtzigern in einem Vorort auf. Doch die Leben der beiden zwölfjährigen Mädchen könnten nicht unterschiedlicher sein. Emma wohnt mit ihrer alleinerziehenden Mutter Annika in einem freundschaftlichen, wenn auch manchmal chaotischen Verhältnis zusammen, Julia dagegen wächst in einer scheinbar wohlbehüteten, gutbürgerlichen Familie auf. Doch der Schein trügt. Während sich Mutter Gisela dem Putzwahn und Schminkorgien hingibt, missbraucht der Vater Julia bei nächtlichen Besuchen im Kinderzimmer. Als das schreckliche Geheimnis herauskommt, könnte man meinen, der Alptraum findet ein Ende. Tut er aber nicht. Emma und Julia, Annika und Gisela sehen sich einem Ansturm von Anfeindungen, Verleumdungen und Ignorantentum gegenüber, der immer tiefgreifender ihr Leben verändert. Bis sie völlig allein da stehen.

Als Leser, egal ob männlich oder weiblich, fühlt man die Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, die Niederlagen aber auch die kleinen Triumphe und Siege der Hauptfiguren hautnah mit. Ich hatte manchmal einen richtigen Klumpen Wut im Bauch. Das schöne ist, dass Svelands tragische Heldinnen nicht nur stark oder schwach, ängstlich oder mutig, gut oder schlecht sind – sie sind authentisch und vielschichtig. So fiebert man auch bis zum Schluss mit, ob die Geschichte nun ein gutes oder schlechtes Ende findet. Auf jeden Fall macht die Lektüre einen nachdenklich und ja, ein bisschen bitterfotzig.

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Ein Kommentar zu “„Häschen in der Grube“ von Maria Sveland

  1. Ich kann nur hoffen, dass es viele Menschen wachrüttelt und nachdenklich macht. Denn wer immer nur wegsehen will, weil es so schön bequem ist, der macht sich mit schuldig! Mich hat das Buch mächtig mitgenommen, da ich selbst gerade in keiner guten Verfassung war.

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