„Paria“ von Dave Zeltserman

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Kyle Nevin ist ein Gangster wie er im Buche steht und das im wahrsten Sinne des Wortes: Dave Zeltserman erzählt in Paria eine gerissene Buch-im Buch-im Buch-Story, die mit jeder gelesenen Seite rasant an Fahrt aufnimmt, bis man am Ende richtig gut durchgerüttelt zurückbleibt. Der gute alte Noir-Roman ist tot, es lebe der Noir-Roman!

Acht Jahre hat Kyle Nevin wegen bewaffnetem Raub gesessen. Jetzt kennt er nur ein Ziel: Seinen Ex-Boss Red aufspüren und ihm heimzahlen, dass er ihn verraten und verkauft hat. Doch dafür braucht Kyle Geld, viel Geld. Der Leser, der noch ein Fünkchen Heroismus in Kyles schwarzer Seele vermutet hat, wird eines besseren belehrt, als eine Entführung völlig aus dem Ruder läuft. Nach einem spektakulären Gerichtsprozess zieht Kyle, das kaltblütige Schlitzohr, einen Millionen-Buchdeal an Land. Aus dem Mörder wird ein gefeierter Literaturstar.

Man merkt Dave Zeltserman seine Verehrung für die Pulp Magazine und Hard boiled Krimis der 50er, 60er auf jeder Seite an. Er spielt mit den archaischen Macho-Klischees von Gewalt, Sex und Verbrechen, überschreitet Grenzen, zitiert den Trash, ohne jemals selbst Trash zu sein. Eine wilde Sexorgie entpuppt sich beispielsweise im nächsten Moment als großkotzige Lüge, Folter- oder Mordszenen wirken besonders brutal durch ihre Aussparungen – für Kyle ist Gewalt so alltäglich wie Zähneputzen und damit keiner besonderen Rede wert. Dem Leser läuft es indessen eiskalt den Rücken runter und man sitzt in der Zwickmühle: Soll man mit Kyle mitfiebern oder ihm den Teufel an den Hals wünschen?

In einem Interview hat der preisgekrönte Zeltserman – der hierzulande wegen der wenigen deutschen Übersetzungen seiner Romane eher als Geheimtipp gilt – einmal gesagt, dass er seine Leser provozieren und herausfordern möchte. Und so ist „Paria“, was so viel wie „Ausgestoßener“ bedeutet, oberflächlich betrachtet zwar ein düsterer Crime Noir der alten Schule, hat aber auch etwas boshaft-intelligentes und subversives, das ihn äußerst modern und vielschichtig erscheinen lässt. Es ist auch ein satirischer Arschtritt gegen die gesellschaftliche Doppelmoral, das Justizsystem, die Medienkultur und den Buchbetrieb, wo die größten Psychopathen zu gefeierten Celebrities werden können. Dass das gar nicht so unrealistisch ist, zeigte etwa die Veröffentlichung von O.J. Simpsons Buch „If I did it“, in dem er den Mord an seiner Exfrau und deren Freund hypothetisch beschreibt. Ja, es ist eine kranke Welt, in der wir leben. Ab und zu braucht man einen diabolisches Plot wie in „Paria“, der einem diese Wahrheit ins Gesicht spuckt.

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6 Kommentare zu “„Paria“ von Dave Zeltserman

  1. Das Buch hört sich ja schon etwas anders als der andere Trash, den man überall bekommt 🙂
    Auf jeden Fall etwas besonderes, bist Du schon durch?
    Wie hast Du ihn denn so empfunden?

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