„Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere“ von Marina Lewycka

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Ich hätte wissen müssen, dass ich von einem Roman, der mit dem Slogen „Hamster, Hedgefonds und die Weltrevolution“ überschrieben ist, besser die Finger lassen sollte. Aber hey, Marina Lewycka stand mit ihrem skurril-charmantem Familienroman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ 2010 wochenlang in den deutschen Bestsellerlisten, wurde in 33 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.Ich hatte ähnlich große Taten von ihrem neuesten Werk Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere erwartet, aber irgendwie blieb nur eine angestaubte Alt-68-er-Persiflage und eine sehr ambitionierte Finanzkrisen-Kritik übrig, sprich ein sehr konventioneller Versuch auf komische Weise Kommunismus gegen Kapitalismus in einer britischen Familie auszuspielen.

Verkörpert werden diese beiden Pole durch die Hippie-Rentner Marcus und Doro, die Gemüse gern in ansprechende Formen schnitzen und Statement-T-Shirts wie „Lasst 100 Blumen blümen“ tragen, und durch ihren Sohn Serge, der heimlich sein Mathestudium in Cambridge geschmissen hat, um in London als Investmentbanker das große Geld zu scheffeln. Das Irritierende ist, dass es kaum Berührungspunkte zwischen den beiden Welten gibt. Denn die Kapitel, die die Figuren abwechselnd in der dritten Person begleiten, stehen seltsam unverbunden nebeneinander. Dazwischen gibt es noch Serges große Schwester Clara, die bereits als altkluges Kind in der damaligen Kommunen-Patchwork-Großfamilie die Verantwortung für Kind, Kegel und Haustiere (die ihr leider immer wegstarben) übernommen hat. Da ist es nur logisch, dass aus der erwachsenen Clara eine  überambitionierte aber mittlerweile ziemlich desillusionierte Lehrerin geworden ist. Und da ist das Nesthäkchen Oolie-Anna, eine Teenagerin mit Down-Syndrom, die gerade ihre Libido entdeckt, und endlich von Hause weg will, um ungestört Pornos gucken zu können.

Vielleicht liegt es an der Erzählperspektive in der dritten Person, dass zwischen Leser und Figuren immer ein letzter Rest Distanz bleibt. Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass der Roman mit Doros und Marcus Heiratsplänen nach Jahrzehnten wilder Ehe beginnt. Dadurch erwartet man, dass sich eine gewisse Dynamik in der Chaosfamilie entwickelt, die lange Zeit nicht eintritt. Jedenfalls hat mich der Roman nicht wirklich berührt oder unterhalten, obwohl es viele positive Ansätze gibt. Dazu zählt die Darstellung von Oolie-Anna, weil hier offen mit dem Tabuthema geistige Behinderung und Sexualität umgegangen wird. Am meisten zweifeln lassen haben mich aber die seitenlangen Ausführungen über Serge Welt, die aus Hedgefonds, Kreditderivate und SmallCap-Aktien besteht. Da habe ich mich dann auch mit Verlaub zurückgeblieben gefühlt. Das zeigt, dass man sich als Autor auch tot recherchieren kann und dadurch den Leser zu Tode langweilt. Ich hab’s aber überlebt – im Gegensatz zu den vielen Kaninchen und Hamstern, die in Claras Obhut zu Grunde gegangen sind. Wahrscheinlich eine Metapher im Buch, deren Witz mir ehrlich gesagt auch entgangen ist.

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11 Kommentare zu “„Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere“ von Marina Lewycka

  1. Ach ja, Marina Lewycka… ehrlich gesagt, konnte mich die Geschichte des Traktors schon nicht überzeugen. Dann lieber Lilly Brett lesen, da gibt’s ähnliche Themen, nur, dass die ironische Doppelzüngigkeit bei ihr echt wirkt und wirkliche Komik entwickelt. Und bei ihr müssen auch keine armen Hamster dran glauben 😉

      • Oh ja, „Chuzpe“ ist großartig! Es geht um das Alter Ego der Autorin – eine erfolgreiche New Yorker Texterin, deren über 80-jähriger Vater aus Polen sie besuchen kommt. Sie macht sich schreckliche Sorgen um seine angebliche Unselbstständigkeit während er mit seiner neuen Freundin ein Klops-Restaurant eröffnet. Das Thema ähnelt also dem in der Geschichte des Traktors auf ukrainisch, aber der Humor ist viel feiner und subtiler. Wirklich großartig!

  2. Ich muss gestehen, dass ich nicht mal die Geschichte von Traktor von Marina Lewycka kenne. Irgendwie ist sie immer an mir vorbeigegangen als Autorin, ich hatte nicht wirklich große Ambitionen ihre Bücher zu lesen. Deine Besprechung macht mir auch nicht gerade Mut, etwas daran zu ändern. Da lese ich dann doch lieber ein Buch von Lily Brett, danke für den tollen Tipp! 🙂

  3. Von Lily Brett sei der neue Roman „Lola Bensky“ empfohlen. Witzig und tieftraurig in einem: Pop goes Holocaust, so werde ich demnächst wohl meine Rezension übertiteln. Aber Lily Brett verbindet das auf eine Art, daß es nicht effekthascherisch wirkt, sondern es zeigt sich in dem Schicksal der Lola Bensky eine tiefe Verzweiflung und zugleich doch eine Lust am Leben, ein Leben nach Auschwitz. (Sofern das überhaupt geht.) Das Buch steht sicherlich in der Tradition einer Post-Holocaust-Literatur wie sie u.a, Louis Begley oder Robert Bobert schrieben.

    „Lola Bensky“ ist, schon von den Initialen her als ein autobiographisches Buch zu lesen. Ich kann dieses Buch nur empfehlen zumal sich, wie ich hier lese, die Blogbetreiberin für Pop-Musik interessiert. (Hier bei Brett sind es die 60er Jahre. Großartig dort im Buch das Interview mit Jimi Hendrix oder mit Mick Jagger.)

    • Wir wollen aber Jimi Hendrix und die Stones jetzt nicht als Pop-Musik bezeichnen! —excuse me while i kiss the sky—Das klingt aber interessant. Dann wär das Buch ja doch was für mich …

      @Karo Ich finde den Buchtitel wahnsinnig niedlich, weil ich was für Kleintiere übrig habe, aber sonst lockt es mich nicht so wahnsinnig …

      • Naja, die Definition „Popliteratur“ ist ja etwas weitergestreut als der Begriff „Popmusik“. Ich weiß also, was Bersarin meint 😉

        Schöne Buchtitel oder Cover können neugierig machen, aber auch ganz schön täuschen. Neben „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ von Kevin Wilson ist „Die Werte der modernen Gesellschaft…“ zumindest sicher einer der längsten, die existieren 🙂

  4. Ich weiß auch, was Besarin meint, dennoch stört mich einfach dieser Begriff der Populärmusik, aber gut … Jimi Hendrix selbst mochte es gar nicht, als Star oder Pop-Musiker bezeichnet zu werden. Aber stimmt … Zu Jimis Zeiten sah die Pop-Musik noch anders aus und fing ja vorher so richtig erst mit den Beatles an … Ich lese gern Biografien dieser Künstler, derzeit eine englische Jimi-Hendrix-Biografie, daher bin ich da so insistierend … Hast du übrigens schon je einmal ein Buch wegen des Covers gekauft? Das finde ich befremdlich, in erster Linie kaufe ich Bücher wegen der Geschichten, die sie beinhalten, außer natürlich bei Comics, Graphic Novels oder illustrierten Büchern, da lockt mich natürlich der künstlerische Aspekt. Daher mag ich auch die Bücher des Wilden Dutzends, die ja meist illustriert sind … Mich nervt bei vielen Verlagen, dass sie so sehr auf das Cover achten und bei der Gestaltung Verkaufszwecke so wichtig sind … Aber das ist eine persönliche Disposition …

  5. @ katja1982
    Das Thema Pop-Musik ergäbe zwischen uns sicher eine interessante Debatte. Wir sollten diese Differenzen irgendwann mal vertiefen. (Ich bin leider – oder zum Glück? – sehr streit-, nein disputsüchtig, was das Thema Pop betrifft.

    Tja, die Gestaltung von Büchern it einen Sache für sich: Es gibt leider viel zu wenige, die gekonnt, formschön, ansprechend, sinnlich, mit einem Wort: die gelungen gestaltet sind, so daß sich Form und Inhalt entsprechen. Am schlimmsten war es in den 90ern, als die Buchverlagefür ihre Cover sämtliche Museen der Welt plünderten, um dort die Gemälde abzubilden. Grauenvoll. Aber heute ist es kaum besser. Es müssen überall Bilder draufgepappt werden, und zwar solche ohne Sinn und Verstand und zumeist sehr vordergründige, die auf die eindimensionale Interpretation setzen.

    Sehr gut gefiel mir übrigens die Gestaltung des Buches „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky. Aber Schalansky ist eben auch Buchgestalterin und damit vom Fach.

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