„Das Leben ist groß“ von Jennifer duBois

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„Mein Vater war ein Mann, der seinen Verstand liebte und wusste, dass er ihn eines Tages verlieren würde. / „Am Schluss erstickte er an seiner eigenen Spucke. So sollte man nicht sterben.“ Irina ist 22, als sie erfährt, dass sie wie ihr Vater an Chorea Huntington leidet. Einer degenerativen Krankheit, die einem erst die motorischen und dann die geistigen Fähigkeiten raubt –was fängt man also mit seinem Leben an, wenn man weiß, dass man dem Untergang geweiht ist?

Das Leben ist groß von Jennifer duBois ist ein vielschichtiger fast philosophischer Roman über das Leben und Sterben, dessen Handlung sich nur schwer in wenigen Worten zusammenfasssen lässt.  Denn es ist gleichzeitig ein hochbrisanter Thriller über den politischen Apparat des russischen Staatsoberhaupts Vladimir Putin, in dem sich Fakten und Fiktion vermischen.

Acht Jahre nach ihrer Diagnose findet Irina im Nachlass ihres Vaters einen Brief an Alexander Besetow, der mit 22 Jahren der jüngste Schachweltmeister der Welt geworden ist. Darin will ihr Vater von dem russischen Schachgenie wissen, wie er mit der Gewissheit umgeht, wenn er eine Schachpartie verliert. Irina beschließt nach St. Petersburg zu reisen, um Besetow die Antwort abzuringen, die ihrem Vater verweigert blieb. Doch Besetow ist nicht mehr derselbe Mensch wie zu UdSSR-Zeiten. Er ist jetzt Politiker und steckt mitten im Wahlkampf gegen den übermächtigen Präsidenten Vladimir Putin. Und jeder weiß, dass die angeblich demokratischen Wahlen vom Kreml manipuliert werden. Mit seiner heftigen Kritik an der Politik seines Widersachers bringt sich Alexander in Lebensgefahr und ist gezwungen, ein abgeschottetes Leben in seinem prächtigen Stadtpalais zu führen. Ein Leben wie im Mausoleum. Irina erkennt sich in Alexanders auswegsloser Situation fernab von Normalität wider und schließt sich seinem reformpolitischen Feldzug an, um ein letztes großes Abenteuer zu erleben.

Ich kann nicht glauben, dass Jennifer duBois dieses vollkommene Debüt mit Ende zwanzig geschrieben hat – und ich hätte nie gedacht, dass ein Roman über Schach mich so umhaut. Mein Freund hat mal versucht, es mir beizubringen – das Ergebnis war ne Migräne. Aber im Roman erscheint es als das Natürlichste der Welt, denn was selbst ich begreife, ist, dass es sich um ein Strategiespiel handelt, das schier unerschöpfliche Parallelen zum Leben aufzeigt: Pläne schmieden, Opfer bringen, Risiken kalkulieren, überraschend und unausweichlich zugleich.

DuBois kostet diese Metapher in allen Facetten aus: Schach gibt nicht nur das Thema, sondern auch die Struktur des Romans vor. Wenn die Perspektive zwischen Irina und Alexander hin- und herwechselt, wenn die beiden Spielzüge gegen ihren Widersacher Putin planen, wenn sich Ereignisse gegenseitig anstoßen. Diese Logik im Buch wirkt nicht konstruiert oder künstlich, sondern völlig organisch. Was wieder die Großartigkeit der Metapher Schach = Leben unter Beweis stellt. Vielleicht, weil es ein Sport ist, der sowohl Konzentration als auch Phantasie erfordert. Beides bringt duBois auch als Schriftstellerin mit. Sie besteht nicht nur aus kühlem Verstand, sondern schöpft gleichfalls aus einer schier unglaublichen Vorstellungskraft. Es gelingen ihr großartige Bilder und Sätze, die wie Türen in neue Räume führen wie: „Ihn trieb das ruhelose Gefühl, an einem neuen Ort zu sein, nach einem ganzen Leben an alten Orten. Er hatte noch keine Lust, die Schuhe auszuziehen.“

Wenn ich ein Buch lese, markiere ich mir besonders schöne Textstellen immer mit einem Bleistift am Seitenrand. Bei „Das Leben ist groß“ wollte ich den Stift gar nicht mehr aus der Hand nehmen und am liebsten alles markieren. Ein Roman, groß wie das Leben selbst.

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3 Kommentare zu “„Das Leben ist groß“ von Jennifer duBois

  1. Da ich das Buch selbst bald lesen möchte, habe ich deine Besprechung nur überflogen. Nach meiner Lektüre, werde ich sie noch mal genauer lesen. Hängengeblieben bin ich an folgender Stelle:

    „Wenn ich ein Buch lese, markiere ich mir besonders schöne Textstellen immer mit einem Bleistift am Seitenrand. Bei „Das Leben ist groß“ wollte ich den Stift gar nicht mehr aus der Hand nehmen und am liebsten alles markieren.“

    Wunderschön, wie du deine Begeisterung hier auf den Punkt bringst. Ich bekomme nach diesen Sätzen richtig Lust, das Buch bald in die Hand zu nehmen und zu lesen.

  2. Ich schließe mich Mara an, du formulierst deine Begeisterung sehr toll. Für mich war besonders dein Satz: „Es gelingen ihr großartige Bilder und Sätze, die wie Türen in neue Räume führen“ beeindruckend, nicht nur, weil ich die Raummetaphorik inmoment so liebe 🙂 Du machst auf jeden Fall sehr neugierig auf das Buch, auch wenn ich selbst bisher kaum mit Schach in Berührung kam. Und mit dem, was da derzeit in Russland passiert, wollte ich mich auch schon immer mal eingehender beschäftigen. Wie sehr steht denn das politische Geschehen im Vordergrund?

  3. @Mara: Super, dann bin ich schon gespannt auf deinen Leseeindruck!

    @Laura: Danke für dein Lob 🙂 Der Roman folgt der Lebensgeschichte von Alexander. Deshalb würde ich sagen, in der ersten Romanhälfte dominiert das Schachthema, in der zweiten die politische Lage in Russland. Jennifer duBois vermischt dabei sorgfältig recherchierte Informationen mit frei erfundenen Episoden, die auf der – nicht ganz haltlosen – Verschwörungstheorie beruhen, dass Putin die Bombenanschläge von 1999 in Moskau selbst initiiert hat, um dann die Tschetschenen zu beschuldigen. Wirklich sehr spannend.

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