„Mein fahler Freund“ von Isaac Marion

PicsArt_1361394289645

Ihr Lieben, hier ein letzter Post, bevor ich mich in eine zweiwöchige Pause verabschiede! Mitte März geht es dann mit frisch aufgeladenen Batterien weiter 🙂

Gerade ist in den deutschen Kinos der Zombie-Jux „Warm Bodies“ gestartet. Der Trailer verheißt nichts Gutes: Sieht aus wie lieblos hingerotzte Teenie-Unterhaltung mit schlechten, aber gut gestylten Jungschauspielern und poppigem Einkaufszenter-Soundtrack. Deshalb möchte ich schnell mal eine Lanze für die Romanvorlage Mein fahler Freund von Isaac Marion brechen, die auf Deutsch im Jahr 2011 erschienen ist. Eine gar nicht seelenlose bzw. hirnlose Hommage an das Frankenstein-Motiv und eine frische Blutinfusion für das festgefahrene Zombie-Apokalypse-Genre.

Die meiste Zeit steht er herum und stöhnt. Wenn der Strom funktioniert, fährt er am liebsten Rolltreppe in dem verlassenen Flughafen, in dem er lebt. Und natürlich frisst er Fleisch. Lebendiges menschliches Fleisch. Zombie R. (wie „Arrrh“ – das Lieblingswort der Zombies) und seine untoten Kollegen haben keine konkrete Erinnerungen an ihr früheres Leben, höchstens blasse Eindrücke, die „wie Phantomglieder fortbestehen“. Sie erkennen die Zivilisation wieder – Gebäude, Autos – aber sie spielen darin keine Rolle. Was sie sehen, lässt sie ahnen, dass die Welt an ihr Ende gekommen ist, denn „die Städte, die wir durchwandern sind so verrottet wie wir selbst.“  Die letzten Menschen haben sich in großen Sportstadien verschanzt, die wie straff organisiert riesige Militär-Basen funktionieren.

Als R. das Gehirn eines jungen Soldaten frisst, verliebt er sich „unsterblich“ in dessen Freundin Julie. Und es gelingt ihm tatsächlich, zarte Bande zu dem Mädchen zu knüpfen. Aber als ob die Liebe zwischen Mensch und Zombie nicht schon unglaublich genug wäre, passiert etwas noch ungeheuerliches: Nicht nur R. gewinnt mehr und mehr sein Bewusstsein zurück, Julies und R.s Verbindung führt dazu, dass auch die anderen Untoten ins Leben zurückfinden und sich ändern wollen.

Statt auf kitschige Romantik setzt Isaac Marion in seinem ungewöhnlich smart komponierten Horror-Fantasy-Debüt auf große literarische Traditionen: Frankenstein, Prometheus, Gilgamesch…wer will, kann hier gleich mehrere Motive und Mythen entdecken. Es geht um Menschlichkeit, Zukunftsglaube, Evolution. Auf fast poetische Weise geht die Geschichte der Frage nach: Was nützt einem das ewige Leben als Zombie oder das Überleben als Mensch, wenn es nichts Bewahrenswertes und Schönes mehr gibt?

Es ist völlig nachvollziehbar, dass sich diese Metaebene nicht in einer Liebeskomödie für junge Kinozuschauer vermitteln lässt. Eine weitere Schwierigkeit bei der filmischen Umsetzung liegt meiner Meinung nach darin, dass die Geschichte aus der Sicht von R. erzählt wird. Das ist im Roman aufregend und neu, weil Zombies sonst in der Popkultur immer nur als geist- und seelenlose Masse auftreten, die eine Bedrohung für den Helden darstellen. Im Buch kann man R. als Ich-Erzähler auch ohne Probleme akzeptieren, weil er nicht spricht. Im Film tritt er als Erzähler aus dem Off auf und es kommt irgendwie zum gefühlsmäßigen Bruch bei mir. R. kann sich nicht gegenüber seiner Umwelt artikulieren, warum kann er mit dem Zuschauer ganz normal sprechen? Darüber hinaus projiziert eine Stimme Persönlichkeit und Gefühlsregungen in die Figur des Zombie R., die er nicht hat. R. ist eine weiße Leinwand. Genau das ist seine Tragödie. Also bitte nicht von Hollywood, hässlichen Buchcovern oder Stephenie Meyer-Blurbs auf dem Buchumschlag abschrecken lassen: R. rocks!

Advertisements

Ein Kommentar zu “„Mein fahler Freund“ von Isaac Marion

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s