„Das ist nicht wahr, oder?“ von Jenny Lawson

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Drei Millionen Menschen besuchen jeden Monat die Website The Bloggess von Jenny Lawson. Mit entwaffneter Ehrlichkeit und schrägem Humor lässt sie die Onlinegemeinde hier an ihrem Alltag zwischen Xanax, Wahnvorstellungen und einer Leidenschaft für ausgestopfte Tiere in Kostümen teilhaben. Für ihr erstes Buch hat die Netzqueen ein Best of der peinlichsten Momente ihres Lebens zusammengestellt, die häufig so absurd sind, dass man sich fragt: Das ist nicht wahr, oder?

Viele skurrile Situationen, die Jenny erlebt, ergeben sich aus der Tatsache, dass sie unter einer Angststörung leidet und sich deshalb häufig nicht ganz gesellschaftskonform verhält. Es verstört die Leute einfach, wenn man auf einer Dinnerparty Sätze raushaut wie: „Mir hat mal ein Serienmörder das Gesicht zerschnitten.“ Wer aber Jennys Erinnerungen an ihre Kindheit in einem Farmhaus in der texanischen Provinz liest, den wundert auch sonst nicht mehr viel. Das Wasser ist mit Radon verseucht, im Sommer planschen die Kinder in einer Schweinetränke, im Winter tragen sie Brotbeutel an den Füßen. Der Mann, mit dem Jenny jedoch die glücklichsten und gleichzeitig posttraumatischsten Erlebnisse ihrer frühen Jahre teilt, ist ihr Vater. Er ist nicht nur Meister im Gürteltierrennen, sondern auch Tierpräparator, der seinen kleinen Töchtern Handpuppen aus toten, blutigen Eichhörnchen bastelt. Neben allerlei verstorbenem Zeugs schleppt er auch gern Lebendiges ins Haus, das die Kinder zu Tode ängstigt: Wütende Opossums, Stachelschweine, Landstreicher oder einen gewalttätigen Truthahn namens Jenkins.

Es gibt im Buch zwar kein Beweisfoto davon, wie Jenny als Teenager eine Kuh mit einer Bratenspritze schwängerte, aber dafür ein paar andere Bilddokumente von niedlichen (lebendigen) Waschbären in Shorts und dem bizarren (toten) Hamlet von Schnitzel, einer ausgestopften Maus mit Shakespearescher Halskrause, Samtumhang und ausgebleichtem Mäuseschädel in der rechten Pfote. Denn mittlerweile lebt Jenny mit Mann, Kind und Mops – so wie in ihrer eigenen Kindheit – wieder in der texanischen Einöde (sehr wahrscheinlich auf einem alten indianischen Friedhof, denn hier spukts gewaltig) und pflegt wie ihr gelieber Dad die makabre Sammelleidenschaft für Tierpräparate. Und so schließt sich der Kreis.

Jenny Lawson gelingt es auf liebenswerte Weise, das Anderssein in ihrer Autobiographie zu feiern, ohne ihr Leben als eine überdrehte Freakshow zu inszenieren. Stattdessen begegnet sie den Absurditäten des Alltags mit viel positiver Energie und einem amerikanisch-neurotischen Humor, wie man ihn auch aus der Feder von Diablo Cody oder Miranda July kennt. Wie ihre Kolleginnen verkörpert Jenny Lawson mit ihrem schrägen Blick auf die Welt einen modernen Frauentypus, wie er in der Popkultur immer häufiger zu finden ist: Der Fem-Nerd. Also Frauen, die schön und schrullig, chaotisch und charmant, intelligent und tollpatschig zugleich sind. Und damit auch irgendwie richtungsgebend für den neu gegründeten Metrolit-Verlag aus Berlin, der dieses Schmankerl als allererstes Buch in seinem Programm präsentiert. Hier soll es in Zukunft zeitgeistige und skurrile Indieliteratur geben. Und da einer meiner absoluten Lieblingsverlage Walde+Graf seine Finger mit im Spiel hat, freue ich mich hier schon auf weitere Perlen der geschriebenen Popkultur.

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7 Kommentare zu “„Das ist nicht wahr, oder?“ von Jenny Lawson

      • : ) Sammeln nicht gerade, liebe Karo, ein paar wenige habe ich natürlich, unter anderem eine der ersten Arbeiten meines Vaters, ein Pärchen „Unzertrennliche“. Bei meinen Eltern hängt deutlich mehr, sehr schöne Arbeiten sind dabei. Heutzutage gibt es kaum noch Leute, die daran Gefallen finden. Es kommt ihnen skurril vor. Dabei können Präparate die reinsten Kunstwerke sein.

      • Dass da viel handwerkliches Geschick dahintersteckt, damit ein Präparat lebensecht aussieht, kann ich mir vorstellen. Aber, naja, es bleibt doch irgendwie eine Tierleiche, die man sich da als Deko ins Haus holt. Für Leute, die nicht damit aufwachsen, bleibt da, glaub ich, eine Art Alfred-Hitchock-Effekt bestehen 🙂

      • : ) Das geht sicher vielen so. Wobei man ja jede Menge Teile von Tierleichen an die Hände oder Füße zieht, sich umhängt oder einverleibt. Aber es stimmt schon, wenn man damit aufwächst und immer wieder zugesehen hat, wie vom kleinen Mäuschen bis zum Elefanten Präparate entstehen, hat das eine ganz andere Faszination. Interessanterweise widerstrebte es meinem Vater immer, Wolpertinger herzustellen, verkleidete Tiere wären gar nicht in Frage gekommen. Ihm ging es immer um die lebensechte Darstellung.

      • Wolpertinger! Der Begriff ist mir total entfallen. Ich glaube (hoffe), der Unterschied zwischen deiner Kindheit und der von Jenny Lawson ist, dass ihr Vater die Tiere von der Straße aufgesammelt hat, zu Hause ausgeweidet und dann im Schuppen präpariert hat?!

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