„Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

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Seit den großen Welterfolgen von „Ziemlich beste Freunde“ von Philippe Pozzo di Borgo oder „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green hat die Belletristik die Themen Krankheit und Behinderung für sich entdeckt. Tragisch soll es sein, aber bitte auch humorvoll und positiv und natürlich schonungslos ehrlich und total authentisch. Aber umso mehr Romane in diese Kerbe schlagen, desto größer wird der Verdacht, dass es hier gar nicht um Toleranz und Offenheit geht, sondern ums Geld.

Auch an Jojo Moyes Liebesroman Ein ganzes halbes Jahr haftet leider dieser Trendschnüffler-Makel, obwohl sie sich große Mühe gibt, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Trotzdem bleibt es nicht mehr als beim netten Versuch, vielleicht weil es ihrer Geschichte an Mut, Frechheit und Selbstbewusstsein fehlt. Das spiegelt sich auch in der weichgespülten Marketingstrategie für das Buch wider, welches nicht als Tetraplegiker-Roman, sondern als romantische Liebesgeschichte zwischen einem ungleichen Paar beworben wird. Inklusive rotem Klatschmohn auf dem Buchcover, der wie kleine Herzchen aussieht. Und tatsächlich ist das eigentlich eine sehr ehrliche Vermarktung: Es hätte ein großartiges zu Tränen rührendes Drama sein können, stattdessen ist es einfach nur Unterhaltungsliteratur, die sich zwar gut wegliest, aber im Endeffekt so trivial und lieblich wie Nicholas Sparks ist.

Es geht um die 26-jährige Lou, die noch zu Hause bei ihren Eltern in der Abstellkammer haust, weil das Geld knapp ist. Ein ungewöhnliches Jobangebot soll die Familienkasse aufstocken: Lou soll für die reiche Familie Traynor ein halbes Jahr lang den Babysitter für ihren erwachsenen Sohn Will spielen, ein früherer Londoner Banker und Weltenbummler, der nach einem Verkehrsunfall von der Brust an gelähmt ist. Doch Will ist ein echter Stinkstiefel, der jegliche Freude am Leben verloren hat und deshalb auch allen anderen das Leben vermiesepetert. Als Lou jedoch erfährt, dass Will sich nach Ablauf der sechsmonatigen Frist in der Schweiz das Leben nehmen will, ist sie erst entsetzt und dann entschlossen, Will umzustimmen. Den Rest kann man sich denken: Die beiden verlieben sich, aber alles ist hoffnungslos, bla, bla.

Es gibt viel Nettes über diesen Roman zu sagen, das sich vor allem mit dem Wort „nicht“ umschreiben lässt: Er ist nicht kitschig, nicht langweilig, nicht (wirklich) vorhersehbar, nicht dumm (auch wenn die Sprache manchmal echt erschreckend holprig und floskelhaft ist, aber das könnte an der deutschen Übersetzung liegen). Das Entscheidende ist jedoch, dass er mich nicht wirklich berühren konnte, weil Jojo Moyes beim Schreiben in genauso einen blinden Aktionismus verfällt wie ihre Hauptfigur Lou, die versucht Will zu bespaßen. Moyes will einfach zu viel und stößt dabei an ihre schriftstellerischen und kreativen Grenzen, z. B. versucht sie sich zwischendurch in Perspektivwechseln und haut dabei völlig daneben, weil alle Figuren gleich klingen.

Allerdings möchte ich noch  erwähnen, dass das englischsprachige Original „Me before you“ in den USA und Großbritannien bereits ein großer kommerzieller Erfolg ist. Es scheint also viele Fans von Moyes‘ Roman zu geben. Er steht auf der New York Times Bestsellerliste, hat in England bereits 500.000 gedruckte Exemplare sowie weltweit 250.000 E-Books verkauft. Und die Filmrechte hat sich MGM vor kurzem eingeheimst. Ich „freue“ mich schon auf Zac Efron oder Ian Somerhalder als C5/C6-Tetraplegiker. Das wird sicher oscarreif.

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25 Kommentare zu “„Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

  1. Oh, schön, auch einmal eine etwas kritischere Rezension zu lesen. ich hatte von dem Buch eigentlich schon Abstand genommen, was vor allem an der Vermarktung und Aufmachung lag – dann gab es in den letzten Tagen aber viele tolle Besprechungen dazu, so dass ich heute eigentlich losstiefeln und mir ein Exemplar kaufen wollte. Dank deiner klugen Besprechung, werde ich das Geld nun sparen und danke dir dafür. 😉

    • Also ich kann ja nur von meiner Leseerfahrung sprechen…aber ich glaube, Mara, du wärst definitiv intellektuell unterfordert mit „Ein ganzes halbes Jahr“!!!!

      • Danke für die Warnung, dann werde ich wohl doch eher Abstand nehmen von der Lektüre! 🙂 John Green habe ich übrigens letztes Jahr gelesen und es hat mir ausgezeichnet gefallen. Der Text beruht ja auch auf Erfahrungen des Autors und einer wahren Geschichte, da hatte ich nicht das Gefühl, dass eine Krankheitsgeschichte für ein seichtes Buch verbraten wird.

    • *räusper* Also Greens Buch beruht ja ähnlich wie das von Pozzi di Bogo auf authentischen Erfahrungen mit krebskranken Jugendlichen. Ich habe deine Rezi zu Green aufmerksam gelesen, aber kann deinen Leseeindruck nicht teilen. Außer vielleicht, dass es etwas konstruiert wirkt. Trotzdem hatte ich da nicht das Gefühl, emotional über den Tisch gezogen zu werden. Bei Jojo Moyes seh ich das Problem, dass sie einfach nicht genau weiß, wovon sie schreibt. Über Schwerstbehinderung oder tödliche Krankheiten kann man meiner Meinung nach nur glaubhaft berichten, wenn man entweder ein literarisches Genie ist oder so etwas selbst hautnah miterlebt hat. Diese Kriterien erfüllt sie beide nicht.

      • Ich würde Green auch keine bösen Absichten unterstellen wollen aber mich hat sein Roman einfach kalt gelassen, weil er zu konstruiert war.
        Moyes Buch werde ich mir dann erst recht sparen :o)

  2. Ich habe es auch gelesen und hatte sogar eine Rezension dazu geschrieben. Aber veröffentlicht habe ich sie nicht, weil ich das Buch schon wieder vollkommen vergessen habe. Dieses Buch ist geschriebenes Popcornkino, man liest es weg wie einen seichten Film und vergisst es.

  3. So, die Entscheidung ist gefallen. Ich danke dir, liebe Karo, für deine kritische Stimme. Wie Mara wollte ich ebenfalls in dieses Buch tauchen, obwohl ich hin- und hergerissen war. Jetzt jedoch nicht mehr. Also, auf zum nächsten Buch!

    Sonnige Sonntagsgrüße,
    Klappentexterin

  4. Ich bin auch schon einige Zeit hin- und hergerissen, einerseits: es muss ja irgendeinen Grund geben, warum es so gehypt wird, andererseits fällt es nicht wirklich in mein Beuteschema. Danke also für deine kritische Rezension!

  5. Dieses Buch hat meiner Meinung nach etwas wirklich Außergewöhnliches: Die Figuren entwickeln ein starkes Eigenleben. Sprachlich ist es wirklich nicht von gehobenem Niveau. Die Protagonisten allerdings führen ein Leben getrennt von den sprachlichen Mitteln des Autors. Die Welt der beiden hat nichts mit den gedruckten Lettern zu tun.

  6. lass dich nicht von kritikern beirren! ich finde gut, dass du’s so vertrittst und verstehe auch die sprachlichen mängel (ich hoffe!!, dass das an der übersetzung liegt). da ich mir von dem roman nichts erwartet habe (dachte es sei eine superseichte lovestory) hatte es mich dann schon überrascht und im griff. aber so stark gefühlt wie bei the fault zum beispiel habe ich keinen funken. ich musste auch nicht so richtig losschluchzen oder so. es war nur eine traurigkeit da, die ich nicht ganz bestimmen konnte. mit dem „muss will kein schöner millionär sein“ ist eine tolle aussage!!

  7. Also ich war zutiefst begeistert von diesem Buch. Ich fand es unglaublich berührend und zugleich tieftraurig. Keinesfalls ein Buch, was man innerhalb ein paar Tagen vergisst. Es regt zum Nachdenken an und besitzt eine unerwartete Tiefe. Kann mich euren Meinungen also keinesfalls anschließen 😉

  8. Ich finde die Behauptungen in deiner Rezi nur zum Teil gerechtfertigt. Es stimmt schon, dass das Krankheitsthema in manchen Büchern nur dafür genutzt wird, dieses besser zu verkaufen, jedoch auf keinen Fall bei „Ein ganzes halbes Jahr“. Wenn man zu kritisch an das Buch herangeht und sich vorher zu viele Rezensionen durchliest, dann ist es keinesfalls verwunderlich, wenn man über die vermeintlich holprige Schreibweise der Autorin stolpert. Es gibt sicher bessere Bücher, das stimmt, aber dieses Buch ist eine wahnsinnig ergreifende Liebesgeschichte, die man, wie ich finde, gelesen haben muss. Ein Buch, dass Menschen zum Lachen und Weinen bringt, kann doch so schlecht nicht sein, oder?
    Falls dir die deutsche Übersetzung nicht gefällt, versuch es doch mal mit dem englischen Original. Ich habe beides gelesen, auf Englisch wirkt es meiner Meinung nach authentischer als auf Deutsch, was teilweise sicher auch an der Übersetzung liegt.
    Ich werde dieses Buch so schnell nicht vergessen, es steht in meinem Bücherregal in meiner Reihe der „ewigen Lieblinge“ 😀
    Viele Grüße
    Jana

    • Liebe Jana, es ist schön, dass hier auch mal jemand kommentiert, den der Roman tief berührt hat – dieser Tage wurde das 1 Millionste Exemplar von „Ein ganzes halbes Jahr“ in Deutschland verkauft. Es gibt also wirklich viele Leser, die wie du absolut begeistert sind – da finde ich, darf man als Gegengewicht auch mal wie ich polemisch sein 😉
      Ich bin damals total unvoreingenommen an die Lektüre gegangen. Habe den Roman bereits vor dem deutschen Verkaufsstart gelesen. Also ist mir der schlechte Schreibstil selbst aufgefallen. Und die Story find ich immer noch hanebüchen: Warum muss der Romanheld ein gutaussehender Millionär sein? Wäre ein „normaler“ Gelähmter nicht liebenswert genug gewesen? Was vermittelt das eigentlich für ein Bild von Behinderung, wenn sich jemand teure Reisen, Pflegepersonal und einen Hightech-Rollstuhl leisten kann? Realistisch ist das meiner Meinung nach leider nicht. Dass muss eine Liebesgeschichte natürlich auch nicht unbedingt sein. Vielleicht bin ich da zu hart.
      Jojo Moyes neuer Liebesroman „Eine Handvoll Worte“ dagegen hat mir wirklich sehr gut gefallen, wie ich hier gepostet habe 😉 https://deepread.wordpress.com/2013/10/08/eine-handvoll-worte-von-jojo-moyes/
      Herzliche Grüße und noch einmal danke für dein Feedback, Karo

  9. Das Buch „Ein ganzes halbes Jahr“ ist meiner Meinung nach lesenswert. Hat mich total begeistert das Buch und tut es immer noch!!

  10. Ich finde es ehrlich gesagt schade, wenn ich die ersten Kommentare lese, die auf Grund deiner Kritik zu der Entscheidung kommen, ein Buch nicht zu lesen.
    Ich bin gerade mit dem Hörbuch durch und habe dabei laut gelacht und es hat mir auch das Herz zerrissen. Für mich hat Jojo Moyes es geschafft, dass ich mich absolut in die Lage von Louisa Clark versetzen konnte. Da finde ich, dass ein Buch, dass so Emotionen übertragen kann, nicht sprachlich perfekt sein muss.

  11. Welche Person verfasst so eine Kritik??? Hier muss anstelle des Herzens ein Stein sein….. Ich bin entsetzt über so ein urteil!!!

    • Eine Person, die mit einem schwerst behinderten Bruder aufgewachsen ist und mit der wenig realistischen Darstellung im Roman ihre Schwierigkeiten hat.

  12. hab das buch gelesen und fand es mega.hab gelacht und paar tränen verloren. meine kolleginnen waren ebenfalls begeistert. können es kaum erwarten das der film abgedreht wird.

  13. Dieses Buch ist meiner Meinung nach mit das beste Buch was ich es gibt/ich je gelesen habe! Ich bin eigentlich was Bücher und Filme angeht kein wirklich emotionaler Mensch aber bei diesem Buch bin ich jedes mal nachdem ich es gelesen habe total fertig und kann an gar nichts anderes mehr denken!! Ich finde es ist ein MUSS dieses Buch gelesen zu haben und es hat überhaupt nichts mit “ziemlich beste Freunde” zu tun außer halt das es um einen Querschnittsgelähmten geht!

  14. Die holprige Sprache kann sein, dann müsste man vielleicht das Buch einfach mal auf englisch lesen. Vielleicht ist das Original ja besser geschrieben.
    Klar ist es eine Liebesgeschichte, aber ich finde es gar nicht so schlecht, dass das Thema mal aufgegriffen wird auch wenn ich finde, dass zu kurz kommt wie kompliziert alles im Rollstuhl ist und was man beachten muss.
    Ein guter Freund sitzt seit einem Jahr im Rollstuhl nach einem Verkehrsunfall (wo einfach auch verdammt viel Pech dabei war). Und was in dem Buch beschrieben wird die Blicke von den Leuten, wie die wenigsten damit umgehen können, das ist wirklich so…und ich kann mich absolut gut in Lou reinfühlen und finde das Buch absolut lesenswert

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