„Die Sonne war der ganze Himmel“ von Kevin Powers

IMG_20130324_135300Ich dachte, Soldaten sind Befehlsempfänger, keine Denker. Ich dachte, Soldaten sind Kämpfer, keine Dichter. Ich dachte, Kriegsromane interessieren mich nicht, weil ich Pazifistin (und ein Mädchen) bin. Kevin Powers hat all meine Vorurteile weggefegt. Selten habe ich zu einer Romanfigur eine so intensive Verbindung gefühlt wie zu seinem Ich-Erzähler, Private John Bartle. Wenn ich Kevin Powers jetzt gegenüberstehen würde, hätte ich erstmal das Bedürfnis, ihn ganz fest zu drücken und Danke zu sagen, dass er es geschafft hat, Worte für das Unsagbare zu finden. Worte, voller Schönheit und Schrecken. Davon, wie junge Männer vom Schlachtfeld zurückkehren. Körperlich gesund. Seelisch verletzt. Ohne Heimat. Ohne Hoffnung. Ohne Deckung. Und ihr ganzes Leben liegt noch vor ihnen.

Es ist auch die Geschichte von Kevin Powers selbst. Sein Debüt Die Sonne war der ganze Himmel ist der erste Roman über den Irakkrieg, der auf authentischen Erfahrungen beruht. Powers, heute 32, war als US-Soldat im Irak stationiert, wo er als Maschinengewehrschütze in Mosul und Tal Afar kämpfte. Er hat aber auch studiert und besuchte Schreibkurse. Warum lässt sich so jemand freiwillig verpflichten? In den Worten seines Romanhelden lautet die Antwort: „Wir hatten bescheidene Leben geführt, uns nach etwas gesehnt, das bedeutsamer war als schlechte Straßen und kleine Träume. Also waren wir zur Army gegangen, denn dort schien das Leben einfach, und man sagte uns, wer wir zu sein hatten.“ In diesem Sinne ist Powers Roman eine Coming-of-Age-Geschichte. Eine drastische, adoleszente Affekthandlung auf die Erschütterungen des Erwachsenwerdens, genau in die Gegenrichtung des anderen ur-amerikanischen Motivs von Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Und diese Jungs – manche so jung, dass sie noch nicht mal auf dem College waren – müssen dann später damit klar kommen, dass ihre Mamas ihnen dafür applaudieren, dass sie unschuldigen Männer, Frauen und Kindern in den Rücken geschossen haben.

„Der Krieg wollte uns im Frühling töten“, heißt es direkt im ersten Satz. Es ist ein Spiel aus Angst und Ampehtaminen, das der 21-jährige Private John Bartle und sein 18-jähriger Truppenkamerad Murph jeden Tag spielen. Sie zählen die Toten von einem Häuserdach, auf dem sie Stellung bezogen haben. Ein Dach in der fiktiven Provinzstadt Al Tafar. Eine Szenerie aus Staub und Beton wie in einem Videokriegsspiel. Keiner will der Tausendste Gefallene sein. Es geht nicht darum, dem Tod zu entkommen, denn der ist allgegenwärtig. Es geht darum, dem Geschoss oder der Sprengfalle auszuweichen, auf der dein Name eingeritzt ist. Letztendlich ist es die Zeit, die Murph immer mehr zermürbt und später tötet. Er knickt ein. Und mit ihm John. Denn vor der Abreise hat er Murphs Mutter versprochen, auf ihren Sohn aufzupassen. Ein leicht hingesagtes Versprechen, an dem er zerbricht.

Dieser autobiographisch gefärbte Roman ist keine politische Anklage an das US-Militär, die amerikanische Regierung oder das Militär. Es ist im allerbesten Sinne ein sehr persönliches Schicksal, das aber gerade weil es kein Einzelfall ist, für sich steht. Powers findet für Johns Zerrissenheit eine überraschend literarische Sprache, die einen mitten ins Herz trifft. Sensibel, einfühlsam, melancholisch, intim. Eine große Bereicherung. Wer annährend wissen will, wie Krieg sich über die Fakten hinaus anfühlt, der kriegt hier eine ungefähre Vorstellung.

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7 Kommentare zu “„Die Sonne war der ganze Himmel“ von Kevin Powers

  1. Ich habe erst letztens von Karl Marlantes „Matterhorn“ gelesen, einen Kriegsroman über den Vietnamkrieg – zuvor hätte ich nie geglaubt, so etwas lesen zu können, doch dann hat es mich rettungslos in diese Geschichte gezogen. Zum Glück habe ich das Buch von Kevin Powers hier schon im Regal stehen … ich freue mich auf die Lektüre! 🙂

  2. Diesen Roman habe ich auch vor kurzem gelesen und war hin und her gerissen. Powers Stil ist um einiges poetischer, als ich das aufgrund des Themas erwartet hatte. Aber die Kriegsbeschreibungen zehrten mich gleichzeitig irgendwie auf – wie könnten sie das auch nicht. Meine Rezension muss ich noch schreiben, aber im Grunde teile ich Deine Einschätzung.

    LG, Katarina 🙂

    • Liebe Katarina, ich muss sagen, dass ich den Roman mit immer mehr Abstand auch immer besser fand – ich glaube, ich musste ihn irgendwie erstmal verarbeiten. Bin schon sehr gespannt, deine Rezension zu lesen 🙂 Herzlichst, Karo

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