„Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ von Taiye Selasi

IMG_20130401_145109„Home is where the heart is“, heißt es in zahlreichen Popsongs. Aber was ist mit schwarzen Migranten, die zum Beispiel in Nigeria geboren sind, in Tokyo studiert haben und in Berlin arbeiten? Woran machen sie ihre Heimat fest? An geographischen Breitengeraden, an kulturellen und nationalen Winkeln oder an den Koordinaten ihrer Hautfarbe? Diese Fragen sind es, die die Fotografin und Schriftstellerin Taiye Selasi umtreiben. Ihre Eltern kommen aus Westafrika, sie ist in London geboren, lebt in den USA. Sie ist Afropolitin. Was das bedeutet, hat sie bereits 2005 in dem Essay „Bye Bye Babar“ definiert: Eine junge Generation afrikanischer Auswanderer, die eine „lustige Kombination von Londoner Mode, New Yorker Jargon, afrikanischer Wertvor-stellungen und akademischer Erfolge“ in sich vereinen.

Genau um solche Menschen geht es auch in Selasis Erstlingsroman Diese Dinge geschehen nicht einfach so. Die Familie Sai ist „eine Familie ohne Schwerkraft, komplett ungebunden. Sie haben kein Fundament“. Da ist Olu, der perfekt-penible Erstgeborene, der wie sein Vater zum begnadeten Chirurg in Boston aufsteigt. Kehinde, der neue Star der Londoner Kunstszene, und seine Zwillingsschwester Taiwo, deren Schönheit und Intellekt alles überstrahlt. Und Sadie, das Nesthäkchen und fleißige Musterschülerin. Sie sind „Titel hamsternde, stipendien gewinnende, Gutes tuende Androide, ein Beispiel an Perfektion, Neue-Immigranten-Perfektion“. Doch glücklich sind die Sai-Kinder dabei nicht.

Es gibt ein tief sitzendes Trauma, einen großen Riss, der durch die Familie geht. Es beginnt damit, dass Vater Kwaku seinen Job in einer Bostoner Klinik verliert. Er ist der beste Operateur im Haus, aber er ist schwarz. In einem Akt verletztem männlichen Stolzes lässt er seine Familie im Stich und verschwindet über Nacht. Kwaku kommt nie wieder. Jetzt, sechzehn Jahre steht das einstige Familienoberhaupt sterbend im Garten seines Hauses in Ghana. „Das gebrochene Herz, vor dem er weggelaufen ist, hat ihn eingeholt. Endlich.“ Und die restlichen Sais sindgezwungen – vielleicht ein letztes Mal – zusammenzukommen und sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Dieser schwermütige Familienepos lebt von Perspektivwechseln und Rückblenden, die das zerbrochene Wesen des Sai-Clans auch erzählerisch wunderbar erfahrbar machen. Mit großem Einfühlungsvermögen und Detailreichtum gelingt es Selasi, ihre Romanfiguren lebendig und komplex wirken zu lassen, auch wenn sie dafür manchmal nur wenige Pinselstriche braucht. Oder vielleicht sollte man eher von Bildkompositionen sprechen, denn als Fotografin zeigt Selasi ein feines Gespür für Räume und ihre Stimmungen. Sie gewährt  tiefe Einblicke in die Welt  amerikanisch-westafrikanischer Identitätssuche, die für die meisten Leser fremd und dadurch extrem aufregend sein dürfte. Dadurch hebt sich das Buch deutlich von der Masse anderer Familienromane ab und ist eine echte Bereicherung – gerade für jemanden wie mich, der noch nie weiter als von Essen nach Dortmund „ausgewandert“ ist.

Eine weitere ausführliche Rezension findet ihr hier bei Claudia von Das graue Sofa!

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8 Kommentare zu “„Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ von Taiye Selasi

  1. Klingt nach einem sehr interessanten Roman! Ich hatte ihn auch schin mehrfach in unserem Laden in der Hand, aber dann habe ich doch immer andere Sachen vorgezogen. Danke für diesen Einblick! (:

    • Liebe Sophie, es lohnt sich reinzulesen, denn der Roman unterscheidet sich thematisch schon sehr von dem, was sonst gerade den Buchmarkt bestimmt. Ist halt mal was anderes 🙂

  2. Ich kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen. Kürzlich las ich im Literatur-Magazin der „Zeit“ einen interessanten Beitrag über die Autorin und wurde sehr neugierig. Seitdem schwanke ich, da eine Freundin von mir in diesen Roman nicht ganz hineingefunden hat. Nun werde ich mir einfach einen eigenen Eindruck verschaffen. In diesem Sinne, danke ich herzlich für den Schubs.

    Viele Grüße,
    Klappentexterin

    • Liebe Klappentexterin, ich könnte mir vorstellen, dass deine Freundin vielleicht deswegen nicht ganz in den Roman gefunden hat, weil er in die fremde Welt einer schwarzafrikanischen Familie führt…das fand ich jedenfalls gewöhnungsbedürftig, aber spannend. Den Anfang der Geschichte muss man sich zudem etwas erarbeiten, weil man mitten in Kwakus sich überschlagende Gedankenwelt hineingeschmissen wird (schließlich hat er gerade einen tödlichen Herzinfarkt). Aber Namen und Orte konnte ich mir ziemlich schnell erschließen und dann habe ich die Figuren mit all ihren Schmerzen, Ängsten und ihrer Liebe füreinander ins Herz geschlossen.

  3. Liebe Karo,
    ich habe denselben Artikel gelesen wie die Klappentexterin und mir das Buch kurzerhand gekauft. Leider habe ich es bisher noch nicht geschafft, es zu lesen – ich stecke gerade noch mitten in Bonita Avenue – werde aber hoffentlich bald dazu kommen. Deine Besprechung macht mich noch neugieriger! 🙂

  4. Liebe Karo,
    ich habe auch den Zeit-Artikel gelesen und das Buch liegt auch bei mir schon zum Lesen bereit, muss aber noch ein bisschen warten. Nun freue ich mich nach Deiner schönen, positiven Besprechung sehr auf die Lektüre, immerhin habe ich schon ein bisschen in dern Roman heineingelsen und bin schon mit Kwaku aus dem Schlfazimmer zum Balkon gegangen.
    Liebe Grüße, Claudia

  5. Tja, ihr Lieben, ich würde sagen wir können bezüglich dieses Buches bald einen blogübergreifenden Lesezirkel eröffnen! Ich hoffe jedenfalls, ihr teilt mir alle eure Leseeindrücke mit!

  6. Pingback: Best of Young British Novelists | Buzzaldrins Bücher

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