„Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ von Ned Beauman

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In seinem Debüt „Flieg, Hitler, flieg“ (2010) ging es um okkulte Geheimwissenschaften der Nazis, Preisboxen und Mutantenkäfer. Mit seinem gerade erschienen Nachfolgeroman beweist Ned Beauman, dass er noch mehr schräge Überraschungen bereit hält. Auf Deutsch trägt das Buch den schnappatmungsverursachenden Titel Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort, oder man hälts mit dem englischen Original und spricht einfach von: Der Teleportationsunfall.

Das Berlin der 1930er, wo die Geschichte beginnt, unterscheidet sich nicht viel von der Hauptstadt der Jetztzeit: Jeder macht was mit Kunst, man feiert exzessiv in still gelegten Fabrikhallen, führt Café-Debatten über den Dilletantismus im kulturellen Leben und ist ständig auf der Suche nach guten Partydrogen. So auch Egon Loeser, ein junger Aufsteiger in der experimentellen Theaterszene – so sieht er es jedenfalls. Sein großer Coup soll der Nachbau der Teleportationsvorrichtung des Bühnenbildners Lavicini aus dem 17. Jahrhundert werden. Dass Lavicini damals das halbe Pariser Théatre des Encornets in Schutt und Asche gelegt hat, stört Loeser nicht weiter. Doch bevor er sein Werk vollenden kann, durchkreuzt eine 18-jährige Femme fatale seine Pläne, die ausgerechnet Adele Hitler heißt.

Partyluder Adele macht’s mit jedem: Impotenten, Schwulen, Frauen, einbeinigen Kriegsveteranen, Brecht. Nur mit Loeser macht’s Adele nicht. Für den ist das der Anfang einer frustrienden sexlosen Durststrecke, die bis zum Ende seiner rasanten Odyssee von Europa in die USA anhalten soll. Denn als Gerüchte die Runde machen, Adele sei aus Berlin abgereist, folgt Loeser seiner Angebeteten Hals über Kopf zunächst ins verrückte Schickimicki-Paris und später in die glamouröse Traumfabrik Los Angeles, wo er schlussendlich nicht nur Adele, sondern auch geheimen Forschungsarbeiten der US-Regierung an einem Teleportationsapparat auf die Spur kommt.

So unberrechenbar und turbulent sich Loesers haarsträubend-komische Abenteuer auch gestalten – in Paris wird er in eine gefakte Schönheits-OP verwickelt, in seinem Bungalow in Kalifornien wird er Zeuge übernatürlicher Dessousbotschaften eines Hausgeistes – so viel Spaß macht es, wie hier gleichzeitig das Prinzip der Wiederholung um sich greift. Denn egal, wo Loeser auftaucht, die alten Wegbegleiter sind schon da: Ob es die alten Künstlerfreunde sind (auch sie haben Berlin wegen Hitler verlassen, aber wegen einem anderen Hitler) oder der Geist von Lavicinis Erbe, der alles umweht. Ned Beauman variiert seine Motive mit einer Spielfreude, dass einem beim Lesen nie langweilig wird oder man sagen kann, was als nächstes passiert. Gleichzeitig offenbart sich darin eine clever durchdachte Komplexität des Romans, die beweist, dass es Beauman nicht bloß um das Zünden eines anarchistischen Granatfeuers geht, sondern auch um eine Zivilisationssatire höchster Güte, die gleich zu Anfang des Buchs mit den Worten auf die Gleise gesetzt wird: „Es hatte nun schon so viele Goldene Zeitalter gegeben, und Loeser war überzeugt, dass sie alle gleich ausgesehen hatten“. History repeats itself. Dass die Hipster in dieser Geschichte zum Beispiel die Modedroge Ketamin schnupfen, die erst dreißig Jahre später erfunden wird, ist dabei nur einer von vielen gewollten Anachronismen. Und wenn die Teleportationsapparatur erstmal erfunden ist, dann sind Fragen von Raum und Zeit sowieso hinfällig….Auf jeden Fall bin ich nun endgültig zum Beauman-Fan geworden und schon gespannt, welchen durchgeknallten Plot er als nächstes ausheckt.

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5 Kommentare zu “„Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ von Ned Beauman

  1. Danke, für diese tolle Rezensionen eines Buches, auf das ich im bisherigen Bücherfrühling noch gar nicht aufmerksam geworden war. Titel und Cover hatten mich nämlich nicht sonderlich angesprochen, aber deine Besprechung macht richtig Lust auf die Lektüre! 🙂

  2. Yeah – der neue Beauman, auf den ich auch schon ganz gespannt bin. Ich hatte ja letzthin „Flieg, Hitler, flieg“ gelesen, wie du weißt =). Toll. Ned Beauman ist einfach geil und schreibt so wahnwitzig irre mit einer enormen Lust an der Kolportage, das es nur so kracht – aber es wird nie zuviel, er ist einfach irre, irre gut, er traut sich an Themen, die bei uns nur mit Samthandschuhen angefasst werden wie Hitler und gestaltet diese zu Schießbudenfiguren … Herrlich. ich freu mich, dass du ihn gut fandest, also lohnt es sich wirklich, den nächsten Beauman auch zu lesen. Und außerdem @Mara – don’t judge a book by it’s cover, nicht abschrecken lassen, Cover werden überbewertet.
    Ich finds übrigens besonders spannend, dass er übers Berlin der 30er Jahre schreibt, wo ich ja in Berlin lebe und die ganzen Szene, Yuppies täglich vorbei flanieren. Ihm, also Beauman, sollte man hierzulande mehr Aufmerksamkeit widmen! Dafür bin ich, jawoll!

    • Hey Katja, also mir gefällt der Egon Loeser sogar besser. Er ist vielleicht weniger wild und definitiv weniger eklig als „Flieg, Hitler, flieg“, aber man merkt, dass Beauman jetzt genauer weiß, wo er hin will. Ich bin gespannt, wie du das empfindest…
      Mit dem Berlin der Dreißiger muss man natürlich vorsichtig sein, weil es definitiv kein historischer Roman ist – zwar liebe auch ich dieses Element des Rückwärtsgewandten in Beaumans Büchern, aber er benutzt es ja eher, um klar zu machen, dass sich gesellschaftlich nicht so viel verändert hat. Es ist eher Retro-Chic als echte Historizität.
      Was den Umgang mit Hitler angeht: Ich habe es zwar nicht selbst gelesen, aber was ist denn mit Timur Vermes „Er ist wieder da“? Ich denke schon, dass wir Deutschen viel lockerer mit dem Thema umgehen. Aber ich persönlich glaube, dass uns einfach der coole britische Humor fehlt, den Beauman dagegen mit Löffeln gefressen hat.

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