„Stromschnellen“ von Bonnie Jo Campbell

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Es riecht nach Fluss, nach Tannennadeln, Lagerfeuer, Tabak und Schießpulver, wenn man Bonnie Jo Campbells ungezähmten Freiheitsroman Stromschnellen liest. Hier, am Stark River im Norden von Michigan, werden die Gesetze noch von der Natur gemacht und von der Familie Murray, die sich einst am Flussufer angesiedelt hat und deren Leben Ende der 1970er noch fast so ursprünglich ist wie vor 100 Jahren. Es ist eine rauhe Männerwelt, in der sich das Mädchen Margo behaupten muss. Ihre Schönheit und Jugend macht sie in der testesterongeschwän-gerten Wildnis zur Beute. Wie gut, dass Margos Schießkünste mindestens genauso gut sind wie die der Wild-West-Legende Annie Oakley.

Ihr Großvater, der alte Murray, nennt sie „Elfe“. Ihre Cousins rufen sie „Nympho“. Ihre Tante hält sie für eine Wildkatze. Die schweigsame Margo, die eigentlich Margaret Louise heißt, ist tatsächlich mehr eine Naturerscheinung als eine normale 16-Jährige. Das findet ihr Onkel so anziehend, dass sein Begehren eine Kette von Ereignissen auslöst, die Margos Vater das Leben kostet und Margo selbst endgültig zur vogelfreien Vagabundin macht. Fortan lässt sich das Mädchen in ihrem Teakholzboot The River Rose über den Stark River treiben. Sie ist auf der Suche nach ihrer Mutter, die sich bereits vor längerem aus dem Staub gemacht hat, weil sie das harte Trapperleben nicht länger ausgehalten hat.

Einfach zu sagen, dass jetzt das wildromantische Abenteuer eines weiblichen Huckleberry Finn beginnt, würde dem Erzählstoff nicht gerecht werden. „Stromschnellen“ ist kein Hausbootroman auf dem Fluss. Vielmehr ist es ein Blockhausroman am Fluss. Denn um ihr Überleben zu sichern, sucht Margo Schutz  und Zuflucht bei den Männern, die den Stark River bevölkern. Manchmal bringt ihr das mehr Glück, manchmal weniger. Sie lernt die Liebe kennen und die Gewalt, sogar den Tod. Vor allem aber lernt sie sich selbst und den Wert der Freiheit kennen.

„Stromschnellen“ erzählt  eine Geschichte, die wie ein Whiskey reifen muss, bevor sie richtig gut wird. Margo ist eine Romanheldin, mit der man nur  langsam warm wird. Sie ist geschickt darin, einer Bisamratte das Fell über die Ohren zu ziehen oder jemandem die Zigarettenspitze aus zehn Schritten Entfernung aus dem Mund zu schießen, aber wenn es um ihre Gefühle oder Beweggründe geht, so bleibt Margo stumm. Erst durch die Begegnungen, die die Flussnymphe mit sehr unterschiedlichen Erwachsenen hat, lernt sie selbst allmählich das Menschwerden. Sie wird zutraulicher, aber niemals zahm. Eine Entwicklung, die unglaublich berührend zu beobachten ist, wenn man sich darauf einlässt. Frei von jeglicher Sentimentialität, ursprünglich, ungebändigt und ungestüm wie ein Wildfluss.

Ich finde, dieser Song von Johnossi transportiert perfekt die Stimmung des Buchs:

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6 Kommentare zu “„Stromschnellen“ von Bonnie Jo Campbell

  1. Vielend Dank für die schöne und vor allem auch die Sinne ansprechende Romanvorstellung. Die macht gleich Lust aufs Lesen. Das Thema des „Erwachsenwerdens“ in unwirtlicher Umgebung bietet ja immer Anlässe für ganz spannende Geschichten. So bereise ich gerade mit Benjamin in Merkels Roman „Bo“ ohne Koffer, ohne Pass und vor allem ohne Vater Liberia und bestehe die ein oder andere abenteuerliche Geschichte. Da passen die „Stromschnellen“ thematisch ja sehr gut :-)!

    • Liebe Claudia, ich finde Geschichten vom Erwachsenwerden auch immer spannend, weil es eine universelle Erfahrung ist und sicher eine der absolut prägendsten unseres Lebens. Ich habe von „Bo“ bisher nur gehört… wie ist es denn so? Habe sehr unterschiedliche Kritiken gelesen. Ich glaube, der größte Unterschied zu diesem Buch ist womöglich, dass Margo in „Stromschnellen“ gar nicht fremd in ihrer Umgebung ist. Eher wirken die anderen Figuren wie Eindringlinge in ihr Territorium. Die Naturverbundenheit von Margo hat mir jedenfalls sehr imponiert.

  2. Vielen Dank für diese wunderbare Besprechung. 🙂 Ich habe das Buch am Wochenende erhalten und freue mich nach deinen Eindrücken noch mehr auf die Lektüre. Im Moment muss ich nur noch das neue Buch von Michael Köhlmeier fertig lesen, bevor ich mich den Stromschnellen zu wenden kann.

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