„Wittgensteins Mätresse“ von David Markson

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55 Mal wurde David Marksons Manuskript zu Wittgensteins Mätresse angeblich abgelehnt, bevor sich doch noch ein Verlag fand, der mutig genug war, das unkonventionelle Sprach- und Denkexperiment 1988 erstmals zu veröffentlichen. Jetzt, 25 Jahre später, wurde die Mätresse endlich auch auf Deutsch übersetzt und vom Berlin Verlag mit einem Nachwort von Elfriede Jelinek und David Foster Wallace herausgebracht. Nichtzuletzt ist es auch Wallace zu verdanken, dass der Roman heute als ein Meilenstein der Postmoderne gilt.

Es ist ein Mittwoch oder ein Donnerstag, als die Malerin Kate – vielleicht heißt sie auch Helen oder ganz anders – aufwacht und feststellt, dass sie der letzte Mensch auf der Welt ist. Kate beginnt das zu tun, was sie „Ausschau halten“ nennt: Sie bereist Europa und Amerika auf der Suche nach anderen Menschen. Sie hinterlässt Botschaften in den Straßen von London, Paris und New York, sie schürt ein hübsches Lagerfeuer im Louvre, saust im Rollstuhl über die Flure des Metropolitan Museum, stochert in Mumien nach verlorenen Gedichten von Sappho, hockt in den Ruinen des alten Troja, rollt aberhunderte Tennisbälle die Spanische Treppe runter und signiert ihr eigenes Spiegelbild in der Damentoilette der Villa Borghese mit Lippenstift. Sie besucht auch das Grab ihres Sohnes in Mexiko. Zu diesem Zeitpunkt war sie wahnsinnig. Oder ist sie das vielleicht noch immer?

Das alles klingt, wenn man es zusammenfasst, nach einer stringenten Story. Nur dass es keine stringente Story gibt, sondern eher einen monologartigen Erzählfluss im Stil von Samuel Beckett. Alles was passiert, passiert in Kates Kopf. Und der ist ungeordnet, fragmentarisch, deduziert. Mittlerweile hat Kate ihre Suche aufgegeben und lebt an einem Strand irgendwo an der US-Ostküste. Sie tippt ihre Gedanken in eine Schreibmaschine (für wen?). Es sind Erinnerungsbruchstücke, Assoziationen, Reminiszenen, ohne Ansprüche auf Vollständigkeit oder Wahrheit. Es ist, wie Kate schreibt: „Das Gepäck, das einem im Kopf bleibt, das heißt, Reste von all dem, was immer man jemals wusste.“ Und dieses Wissen ist bevölkert von den großen Dichtern, Künstlern und Denkern des Abendlandes. Herodot, Spinoza, Rembrandt, Brahms, Cervantes, Heidegger, Kierkegaard…ihre Geister sind die einzige Gesellschaft, die Kate noch geblieben ist. Und wenn sie von den großen Meistern erzählt, klingt es häufig, als würde sie liebgewonnene Anekdoten von alten Bekannten zum Besten geben: „Das Instrument, das Ludwig Wittgenstein zu spielen pflegte, war eine Klarinette, nebenbei bemerkt. Die er aus irgendeinem merkwürdigen Grund in einem alten Socken herumtrug anstatt in einem Kasten. So dass jemand, der ihn die Straße hinuntergehen sah, gedacht haben könnte, da geht diese Person und trägt einen alten Socken. Und nicht die geringste Ahnung hat, dass Mozart da herauskommen könnte.“

„Wittgensteins Mätresse“ ist sicher kein Buch, dass man mit Worten wie „spannend“ oder „unterhaltsam“ beschreiben kann – auch wenn es voller Witz steckt. Der Wert dieses Avantgardewerks steckt in seiner herausragenden künstlerischen Leistung. David Markson hat etwas Beispielloses, Paradigmatisches in der Literatur geschaffen, das in seiner Offenheit schier unendliche Deutungsmöglichkeiten zulässt. Weshalb David Foster Wallace diese „philosphische Science Fiction“ auch als ein „INTERPRET-ME“ bezeichnet, das vom Leser dechiffriert werden möchte. Ein wichtiger Hinweis ergibt sich dabei natürlich aus dem Titel „Wittgensteins Mätresse“. Leser, die mit Ludwig Wittgensteins „Tractatuts Logico-Philosophicus“ vertraut sind, werden feststellen, dass Markson hier eine Welt nach der Logik und Metaphysik des großen österreichisch-britischen Philosophen geschaffen hat. Aber auch wer nicht so vertraut mit Wittgensteins Sprachphilosophie ist und sich dem Roman aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive nähert, wird schnell feststellen, dass er hier ein sehr kostbares und elegantes Meisterstück in den Händen hält, das ein Plätzchen im Kanon der Weltliteratur verdient hat.

Eine weitere lesenswerte Buchvorstellung findet ihr bei Sophie von Literaturen

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11 Kommentare zu “„Wittgensteins Mätresse“ von David Markson

  1. Das klingt doch mal nach einer wirklich interessanten Neuerscheinung! Ich hoffe, dass ich den Roman irgendwie in den nächsten Wochen unterbringen kann. Vielen Dank deshalb für deine Rezension!
    Vielleicht wirkt es nur auf mich gerade so, aber würdest du sagen, dass das ganze auch auf eine (kulturpessimistische?) Kritik des Wissensbegriffs herausläuft?

    • Also eigentlich ist es ja gar keine Neuerscheinung, da der Roman ja schon 25 Jahre alt ist 😉
      Puh, also ich glaube schon, dass eine Lesart wäre, den Wissensbegriff hier als obsolet, instabil oder wahrnehmungsbezogen zu begreifen, wenn es das ist, was du mit „kulturpessimistisch“ meinst?
      Ich habe es jedenfalls so verstanden, dass die Hauptfigur sich im Erinnern ihrer eigenen Existenz versichert. Es ist auch das Neuarrangieren von bekanntem Material eines kollektiven Gedächtnis (das es in einer Welt ohne Menschen, also ohne Geist nicht mehr gibt), wie es für den Postmodernismus typisch ist.
      Nichtzuletzt lohnt es sich, mit dem Existenzialismus aus solipsistischer Sicht auseinanderzusetzen, um Zugang zu dieser Lektüre zu finden: „Der erste Zugang zum Verständnis des Solipsismus ist, daß ein Subjekt nur träumt, daß es die Welt keineswegs erleben kann, daß es nichts über die Welt wissen kann.“ (Quelle: http://www.weltordnung.de/solipsismus.htm)

      • Okay, sagen wir Neuausgabe! 😉
        Obsolet oder instabil trifft meinen Punkt schon, wahrnehmungsbezogen eher nicht. Aber da wirst du, die das Buch ja gelesen hat, besser beurteilen können, was passt. Die Erinnerungsmetaphorik als Selbstversicherung und vor allem Selbstkonstruktion kann ich mir da gut vorstellen; das funktioniert natürlich auch ohne Kollektivität, ohne andere Menschen. Was dann aber versagt ist die Identitätsbildung über Gruppenbildung kraft dieses kollektiven Gedächtnisses. Also wieder eine postmoderne Thematisierung des individualisierten Menschen, der nur noch über nicht-anwendbares Wissen verfügt?
        Ob ich gleich so weit gehen würde einen (metaphysischen) Solipsismus zu unterstellen, weiß ich nicht, immerhin wird hier offenbar, wenn ich es richtig verstehe, ständig auf die erzählte (und die aktuale) Welt aus Figurenperspektive hingewiesen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der solipsistische Ansatz überhaupt produktiv sein kann, denn im Endeffekt läuft alles auf ein Nicht-Wissen hinaus. Aber ich denke auf jeden Fall nochmal drüber nach, wenn ich das Buch lese. Vielen Dank nochmals für die Rezension! 🙂

  2. Danke für diese interessante Besprechung, auf die ich schon ungeduldig gewartet hatte, seit ich sah, dass du dieses Buch gerade liest! Mich reizt es sehr, aber es hat mir auch ein bisschen Angst gemacht … dank deiner Eindrücke werde ich mich wohl doch einmal daran trauen! Mal schauen, wie es mir gefallen wird. 🙂

    • Ich weiß genau, was du meinst, Mara. Ich habe auch nicht alles verstanden an diesem Roman. Ganz ehrlich. Habe weder Wittgenstein gelesen, noch die alten Griechen. Aber nur Mut – die Themen im Buch sind nicht nur für den „Meganerd“ interessant, um es mal so auszudrücken, sondern auch für Leser, die offen für Experimente sind. DIe Nachworte von Elfriede Jelinek und David Foster Wallace geben zudem hilfreiche Denkanstöße und Einordnungen.

  3. Spannend … Du findest immer interessante Titel oder die Titel dich … Je nachdem. Wenn ich nicht den DFWallace derzeit hätte, der mich fesselt, dieser irre Typ ;), hätte ich großes Interesse „Wittgensteins Mätresse“ näher kennenzulernen … Wittgenstein kenne ich noch nur zu gut aus dem Philo-Studium …

    • Ich glaube, mit deinem Vorwissen zu Wittgenstein bist du bei diesem Buch klar im Vorteil bzw. hast du noch mehr davon! Vielleicht schaffst du es ja irgendwann, die Mätresse zu lesen. Bücher haben ja zum Glück keine Beine und laufen nicht weg. Viel Spaß mit dem Irren Wallace!

  4. Eine tolle Rezension, die ich jetzt, wo ich Markson auch gelesen habe, nur so unterstreichen kann. (Ich habe tunlichst vermieden, deine Rezension zu lesen, BEVOR ich die Lektüre beendet habe, ich lasse mich so unangenehm schnell und leicht in meiner Wahrnehmung der Dinge beeinflussen) Ich bin aber, schlussendlich, zu einem ganz ähnlichen Ergebnis gekommen wie Du. Ich habe mich dem ganzen eher von einer emotionalen Seite genähert, habe es als Aufforderung verstanden, mich mit gewissen Gedankenkonstrukten auseinanderzusetzen. Und damit ist schon viel angestoßen, was den wenigsten literarischen Werken gelingt!

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