„Ein Mann von Welt“ von Antoine Wilson

IMG_20130428_154644 Als Kind fliegt Oppen Porter über den Lenker seines Rollers, weil er nachsehen will, ob das Licht funktioniert. Er hätte auch einfach die Hand davorhalten können, aber wie sein Vater es ausdrückt: Oppen ist der Typ Mensch, der Primärquellen braucht. Landläufig würde man Oppen wohl als Dorftrottel bezeichnen. Das ist okay, findet Oppen, denn er ist ja kein Spielverderber. Egal, ob die anderen Bewohner seines Heimatkaffs Madera ihn nur spöttisch mit Bürgermeister ansprechen oder sich einen Spaß daraus machen, ihn mit ihren Autos in den Straßengraben abzudrängen – Oppen erträgt alles mit stoischer Sanftmut. Wie aus dem Dorftrottel ein weiser Alltagsphilosoph wird, erzählt Antoine Wilson in seinem gutgelaunten Anti-Helden-Roman Ein Mann von Welt.

Alles beginnt mit einem Missverständnis. Eigentlich sogar zwei. Das erste Missverständnis: Oppen liegt im Krankenhaus im kalifornischen Madera und glaubt, sterben zu müssen. Bevor es aber mit ihm zu Ende geht, will er noch schnell seinem ungeborenen Sohn Juan-George ein paar Lebensweisheiten mit auf den Weg geben. Die nimmt er auf ein paar alten Bibelkassetten auf. Gern würde er Juan-George von den Freuden des Fahrradfahrens berichten, aber da ihm ja bald der Exitus droht, erzählt er Juan-George lieber schnell, wie er einst auszog, ein Mann von Welt zu werden.

Wobei wir beim zweiten Missverständnis wären. Denn nachdem Oppen seinen verstorbenen Vater neben den Familienhunden Atlas und Ajax im Garten vergraben hat – so wie sich der alte Mann das gewünscht hatte – steht die Polizei vor der Haustür. Oppen muss – mit wohlgemerkt 27 Jahren – zu seiner Tante Liz nach Panorama City ziehen. Doch wie sich herausstellt, haben er und Tante Liz sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie seine Zukunft als wertvolles Mitglied der Gesellschaft aussehen soll.

Statt seinen Job als Burgerbrater in einem Fast-Food-Restaurant nachzugehen, schiebt Oppen lieber verwaiste Einkaufswagen zurück zu ihrer Supermarkt-Heimat. Statt bei der Leuchtturmgemeinde seine Rettung in Jesus zu finden, lässt er sich von der schönen Hellseherin Maria auf dem Parkplatz gegenüber aus der Hand lesen. Und statt sich bei seinen Therapiesitzungen mit Dr. Rosenkleig zu öffnen, sucht Oppen Rat bei seinem Freund Paul Renfro. Paul Renfro, ein wunderlicher und polizeilich gesuchter Aufschneider im schäbigen Anzug, stellt sich Oppen auf der Busfahrt nach Panorama City als professioneller Denker vor. Er bleibt bis zum Schluss ein herrlich undurchsichtiger Charakter, der Oppen als einziger Mensch ernst nimmt und selbst erstaunlich hellsichtige Einsichten über das Establishment zum Besten gibt: „Gerede davon, etwas im Keim zu ersticken, verwandelt Menschen in Pflanzen, jeder, der davon spricht, dein Verhalten im Keim zu ersticken, will, dass du eine Pflanze wirst.“

Antoine Wilsons Schreibe ist so unerhört zurückgelehnt und lässig – wahrscheinlich hat er sich das beim Reiten der pazifischen Wellen angeeignet. Denn wie es sich für einen South Cali-Dude gehört, ist Wilson nicht nur Schriftsteller, sondern auch Surfer. Deshalb liest sich sein Außenseitermärchen „Ein Mann von Welt“ auch wie ein Jack-Johnson-Song sich anhört: sonnig, entspannt, optimistisch, eingängig. Ein paar nachdenkliche Töne dürfen natürlich auch nicht fehlen – Oppens rührendste Einsicht: Wenn er selbst die Zielscheibe für Spott und Hohn im kleingeistigen Madera ist, dann muss kein anderer diese undankbare Rolle übernehmen. Ansonsten kratzt die Sozialkritik auf typisch amerikanische Weise mehr an der Oberfläche und wird von einem warmherzigen Optimismus einfach weggelächelt. Das Gute siegt in Oppens Welt. Das ist doch mal eine schöne Nachricht.

Weitere Buchkritiken zu „Ein Mann von Welt“ von Antoine Wilson gibts bei Buzzaldrins Bücher und Literaturen.

Und weil’s passt wie Arsch auf Eimer, hier noch der passende Song zum Buch:

Advertisements

10 Kommentare zu “„Ein Mann von Welt“ von Antoine Wilson

  1. Eine sehr sympathische Besprechung! Und in der Tat, es ist ein leichtes Buch, auch Oppen nimmt es eben leicht, alles fügt sich. Das ist doch auch mal eine gelungene Abwechslung zu realitätschweren Geschichten. Alles hat seine Vorzüge. (;

    • Ich fand es auch sehr erfrischend, mal wieder einen so positiv gestimmten Feel-Good-Roman zu lesen. Wahrscheinlich ist die Message wirklich, alles nicht so schwer zu nehmen. Das ist vielleicht banal, aber trotzdem klug 🙂

  2. Ich danke dir fürs Verlinken und gratuliere zu dieser zauberhaften Besprechung! 🙂 Ein leichtes Buch in der Tat, die Lektüre habe ich nichtsdestotrotz als sehr lohnens- und lesenswert empfunden.

    • Liebe Mara, ich habe deine Rezension extra erst gelesen, nachdem ich meine eigene Buchvorstellung geschrieben habe – und dennoch finde ich es witzig, wie ähnlich sie doch im Grunde sind 🙂

  3. Von diesem Roman habe ich schon viel gutes gehört. Jetzt kann ich es gar nicht erwarten ebenfalls in den Genuss der ‚unerhört lässigen Schreibe‘ des Antoine Wilson zu kommen – genial formuliert übrigens 😀

    LG, Katarina 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s