„Wie ich John Lennon die Haare schnitt…“ von Jürgen Vollmer

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Wer würde nicht gern mal auf einer Cocktailparty bei finnischem Jazz und einem eisgekühlten Tom Collins davon erzählen: Wie ich John Lennon die Haare schnitt, vor Romy Schneider davonlief und Catherine Deneuve zum Lachen brachte. Der heute 73-jährige Fotograf Jürgen Vollmer kann dies ohne Pinocchio-Nase behaupten. Nur, dass man Vollmer nie auf einer Party antreffen wird – schon komisch, dass ein Mann, der unter einer sozialen Phobie leidet, seine berufliche Bestimmung ausgerechnet an wuseligen Filmsets zwischen prätentiösen Schauspielstars und cholerischen Regisseuren findet. Vielleicht aber auch eines der Erfolgsgeheimnisse des Fotografen Vollmer, der bei Dreharbeiten häufig hinter Stuhllehnen und Couchecken kauerte, um auf den richtigen Moment zu lauern, den Auslöser zu drücken.

Berühmt ist Vollmer allerdings nicht nur für seine Starportraits und Filmplakate, sondern auch für seine Erfindung der Pilzkopffrisur. Es ist die bekannteste Anekdote seines Lebens, die auch den Auftakt zu den zwanzig Erzählungen bildet, die in diesem Text- und SW-Fotoband vereint sind. Als junger Rebell befreundet sich der Hamburger 1960 mit der damals noch unbekannten Kellerband The Beatles auf St. Pauli. Der Style der Kapelle besteht aus der typischen Halbstarkenkluft mit schwarzer Lederjacke und mächtig pomadisierter Rockertolle. Vollmer dagegen trug eine selbst geschnippelte Kreation mit glatt heruntergekämmten Fransen über der Stirn, die damals eine absolute Provokation gegen das Spießbürgertum war. Das gefiel auch John Lennon und Paul McCartney, die sich als erste vertrauensvoll in Vollmers Scherenhände begaben.

Vollmer ist ein erstaunlich uneitler und bescheidener, fast scheuer Erzähler, der mehr Vergnügen daran zu haben scheint, seine Pleiten, Pech und Pannen zum Besten zu geben, als von seinem Ruhm zu prahlen. Köstlich, wie sich auf einer Modenschau von Yves St. Laurent auf einmal alle Blicke des Publikums auf ihn richten, als er in einem zerbeulten Anzug vom Pariser Flohmarkt aus dem Vorhang heraustritt, weil er seine Kameratasche hinter dem Laufsteg vergessen hat. Oder wie er sich am Filmset von „Herr der Gezeiten“ nicht wie die distanzlosen Amerikaner traut, die göttliche Barbra Streisand mit Vornamen anzusprechen und deshalb lieber einen Hustenanfall vortäuscht, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Selbst die Geschichte, als Vollmer einst Selbstmord begehen wollte, gerät hier zum absurd-komischen Bonmot. Denn um an eine Waffe zu kommen, tritt Vollmer, der feingeistige Künstler, einem piefigen Schützenverein bei, wo er sich als schlechtester Schütze der Vereinsgeschichte herausstellt. Ein Anruf aus Paris beschert dem alternden Fotografen neue Aufträge und rettet sein Leben, ein Leben hinter der Kamera – show must go on.

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Nicht alle Texte in diesem autobiographischen Werk sind neu, dennoch handelt es sich um ein lohnenswertes Panorama zu Person und Arbeiten von Jürgen Vollmer. Der aufwendige Bildband  „From Hamburg to Hollywood“, mit dem er 1997 durch Talkshows und Radiointerviews von Tokyo bis Neuseeland tingelte, kostet um die 500 Tacken. „Wie ich John Lennon die Haare schnitt…“ bietet da mit 29,95 Euro eine kostengünstige Alternative, die von der Aufmachung ebenfalls extrem hochwertig und edel daher kommt. Etwas schade nur, dass hinter all den Menschen von Madonna bis Roman Polanski, die in diesem Buch Erwähnung finden, die Kunst ein wenig zu kurz kommt. Nur wenige Passagen handeln von Vollmers Fotostil, der voller Bewegung und Emotion steckt, oder wie William S. Burroughs es ausdrückte: „Vollmers Fotos sind realer als Fleisch und Blut, realer als der Tod.“

Da das Buch den Rock’n’Roll-Flair der Sechziger atmet, aber gleichzeitig modern und zeitgeistig wirkt, kann ich als unbedingte Musikempfehlung zur Lektüre nur die neue Platte von Mikal Cronin „MCII“ empfehlen. Exemplarisch für das Album steht der Eröffnungssong „Weight“:

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