„Licht aus im Wunderland“ von DBC Pierre

IMG_20130526_112654Der Letzte macht das Licht aus. Doch bevor er seinem nichtsnutzigen Madenkörper durch Suizid den Garaus macht, will der 25-jährige Gabriel Brockwell nochmal Limbo in seinem ganz persönlichen „Limbus“ tanzen. Er steigt in ein drogenbefeuertes Zwischenreich am seidenen Faden hinab. Die bacchanale Odysee von London über Tokyo nach Berlin gipfelt  in einem Bankett, wie es das seit dem Fall des Alten Rom nicht mehr gegeben hat. In Licht aus im Wunderland von DBC Pierre zeigt sich der Kapitalismus von seiner dekadenten und delikaten Seite – in der Gestalt von Kugelfischen, Einhörnern und einer Galapagos-Schildkröte.

Er reist mit leichtem Gepäck: ein Dutzend Weinflaschen, ein „Jicky“-Parfumflakon, eine Miesbacher Joppe und Hut, ein Kunstpelz und eine wahre Schwemme von Drogen. Doch irgendwie hat sich Gabriel – Schokomilchfan, Mikrowellenkoch, abgebrochener Student und nach eigener Aussage ein Gestörter – seine Abschiedstournee im Diesseits ganz anders vorgestellt. Alt werden, will Gabriel in einer Welt der freien Märkte, Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Shopping-Imperien nicht mehr. Man soll gehen, wenn’s am schönsten ist. Aus einer Londoner Drogenklinik flüchtet Gabriel nach Tokyo mit einem Plan: „Ich werde den versiertesten Verschwender ausfindig machen, den ich kenne: meinen alten Freund Nelson Smuts, bei dem Wein und Ausschweifung nie weit sind. Mit ihm als Schützenhilfe werde ich meine letzten Stunden zu einer perfekten Miniaturausgabe des Zeitalters machen, das ich hinter mir lasse – zu nichts weniger als einem letzten, mutwilligen Sprung in die Besinnungslosigkeit.“

Am Ende des Abends steht aber nicht Gabriels Leben auf der Kippe, sondern Smuts. Denn der hat sich als Koch mit der halbkriminellen Unterwelt der Edelgastronomie eingelassen und fällt in Ungnade, nachdem er einen Jakuza-Boss mit Kugelfisch-Innereien vergiftet hat und dabei erwischt wird, wie er im Restaurantaquarium mit der Tochter des Chefs den Geschlechtsakt vollzieht. Smuts Schicksal liegt auf einmal in Gabriels Händen: In Berlin soll Gabriel für die verwöhnte Lebensmittel-Schickeria eine Partylocation ausfindig machen, die alles bis hierin Dagewesene übertrifft. Nur dann wird Smuts rehabilitiert. Und welcher Ort wäre für ein endzeitliches Gelage besser geeignet als Hitlers Flughafen Tempelhof, das perfekte Symbol für Größenwahn und Niedergang!

Für Fans von Bret Easton Ellis („American Psycho“), Chuck Palahnuik („Fight Club“) und Hunter S. Thompson („Fear and Loathing in Las Vegas“) ist „Licht aus im Wunderland“ sowas wie Pflichtlektüre! Es wurde bereits 2011 unter dem Titel „Das Buch Gabriel“ auf Deutsch bei Eichborn veröffentlicht und ist jetzt auch als preisgünstige Taschenbuchausgabe beim Aufbau Verlag erschienen. Dabei handelt es sich um den dritten Teil einer losen Endzeit-Trilogie. Der erste Teil „Jesus von Texas“ (Originaltitel: Vernon God Little) um einen Higschool-Amoklauf war DBC Pierres Debütroman und sorgte für Aufsehen, als er überraschend den Man Booker Prize 2003 abräumte. Dass ein Mann, dessen Pseudonym für „Dirty but Clean“ steht und der von den 50.000 Pfund Preisgeld erstmal seine Spielschulden bezahlte, Gewinner des wichtigsten britischen Literaturpreises wird, klang selbst nach einer buchreifen Geschichte – und nach einem Happy End für einen Taugenichts!

Genauso überraschend versöhnliche Töne stimmt DBC Pierre übrigens zum Schluss seines ganz vage autobiographischen Romans an (er selbst spricht von einer „Allegorie“). Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finde. Einerseits ist das Romanende ein wenig sehr optimistisch und bekehrend, zum anderen bricht DBC Pierre genau dadurch mit Erwartungen und Konventionen, die man sonst an abgefuckte Drogen- und Exzesssatiren stellt. Gabriel findet nicht in einer Therapie neuen Lebensmut, sondern im echten Leben, bei echten Menschen. Wie sagte Buffy einst: „The hardest thing in this world, is to live in it.“

Beim Lesen ist mir sofort „Frontier Psychiatrist“ von The Avalanches in den Sinn gekommen – der auf positive Weise verrückteste, gestörteste und bizarrste Song, den ich, glaub ich, je gehört habe. Passt daher super zur Lektüre!

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3 Kommentare zu “„Licht aus im Wunderland“ von DBC Pierre

  1. Hmm, das klingt abgedreht gut. (Der Song gibt ja schonmal einen guten Eindruck, hühühü) Da ich tatsächlich „Fight Club“ und „American Psycho“ Fan bin, komme ich wohl um die Lektüre nicht herum 😉 Und wenn es dann nicht so drogenverherrlichend daherkommt wie „Fear and Loathing“, prima! Dass du einem eher belehrenden Ende skeptisch gegenüber stehst, kann ich aber auch verstehen…

    • Autoren wie Hunter S. Thompson oder Bret Easton Ellis sind geniale, diabolische Erzähler, aber tatsächlich empfinde ich auch immer einen Zwiespalt zwischen Kunst und Moral/Ethik oder whatever – umso länger ich darüber nachdenke, umso eleganter finde ich daher DBC Pierres Lösung. Am besten machst du dir wirklich selbst einen Eindruck – da die Hälfte der Romanhandlung in Berlin spielt, dürfest du besonders viel Spaß beim Lesen haben 🙂

  2. Ein bloßes Stolpern über diesen Blog und schon das Gefühl eines Tropfens Jicky zwischen den Ohren. Rote Sonne heißt in dem Fall nicht kommunistische Allegorie. Fälschliche Annahmen muss ich natürlich überprüfen, glaube aber, dass sie der Analyse widerstehen. Ich werde Sie weiter besuchen (müssen).

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