„Die da kommen“ von Liz Jensen

PicsArt_1370185879063Es ist ein Plot wie er auch aus der Feder von Filmemacher M. Night Shyamalan stammen könnte (vor allem, wenn man an seinen Katastrophenfilm „The Happening“ denkt): Kinder töten ihre Familien, Erwachsene begehen Selbstmord. Eine globale Pandemie? Eine Massenhysterie? Das Ende der Welt? In ihrem düsteren Thriller Die da kommen verbindet Liz Jensen harten Realismus mit Horror-, Mystery- und Science Fiction-Elementen, dass einem das Blut in den Adern gefriert.

Ich-Erzähler ist der 36-jährige Hesketh Lock, leidenschaftlicher Origami-Bastler, Wörterbuchsammler und Anthropologe, der für die multinationale Anwaltskanzlei Phipss & Wexman arbeitet. Sein Metier ist die Fehlersuche: Hesketh beobachtet Verhaltensmuster am Arbeitsplatz und spürt Anomalien auf. Er ist ein Genie auf seinem Gebiet, denn Hesketh sieht Zusammenhänge, die andere nicht sehen:  Er leidet nämlich unter dem Asperger-Syndrom. Alles Zwischenmenschliche ist ihm dadurch so fremd und gleichzeitig auffällig wie dem Vulkanier Mr. Spock die Handlungsweisen seiner Kollegen auf der Enterprise. Das heißt aber nicht, dass Hesketh ein „Roboter aus Fleisch“ ist, wie seine Ex-Freundin Kaitlin behauptet. Er ist durchaus zu Gefühlen fähig, wie sich vor allem in seiner Beziehung zu Kaitlins kleinem Sohn Freddy zeigt, den er seit der Trennung schrecklich vermisst.

Hesketh ist einer der ersten Menschen, der einen Zusammenhang zwischen zwei mysteriösen Phänomenen erkennt: Während überall auf der Welt Kinder auf brutale Weise Erwachsene angreifen und danach zu völlig emotionslosen „Kreaturen“ mutieren (mit einem Heißhunger auf Insekten und Salz), erlebt Phipss & Wexmann eine nie dagewesene globale Sabotagewelle in großen Wirtschaftskonzernen. Hesketh wird auf die seltsamen Fälle angesetzt und nach und nach Zeuge, wie langjährige treue Mitarbeiter ihren Unternehmen erst Schaden zufügen, dann in tiefe Depressionen verfallen und sich schließlich in Heckselermaschinen werfen oder von Hochhäusern springen. Sie alle haben etwas gemeinsam: Vor ihrem Tod sprechen sie davon, dass Kinder von ihnen Besitz ergriffen haben. Aber wie genau gehören die kleinen Mörder und die lebensmüden Saboteure zusammen?

Der absolute Lesekiller wäre es, zu viel von der Handlung zu verraten! Es gibt jedoch von Anfang an Indizien, die Autorin Liz Jensen sparsam wie Brotkrumen streut und die eine gewisse Grundspannung halten, die einen zum Weiterlesen motiviert: Die Experimente des CERN-Forschungszentrum hebeln unsere bisherigen Vorstellungen von Zeit und Raum aus, die natürlichen Ressourcen werden langsam knapp, die Überbevölkerung wird zum ernsthaften Problem – Thematiken wie sie zufälligerweise auch gerade Dan Brown in seinem neuen Megaseller „Inferno“ beschäftigen. Neben der aktuellen Brisanz ihres durchaus wissenschaftlich durchdachten Zukunftsszenariums überzeugt Jensen auch durch ihr souveränes Storytelling: Sie bedient sich zwar erzählerische Kniffe aus dem Mystery-Genre, ihr Thriller ist aber keinesfalls Fantasyliteratur. Vor allem ist ihr mit dem vernunftgeleiteten und analytischen Hesketh ein perfekter Gegenpol zu den mysteriösen Ereignissen gelungen. Die Befürchtung, dass die Auflösung des Rätsels mich enttäuschen könnte, ist zum Glück nicht eingetreten. Noch jetzt, Tage später denke ich über das Ende des Romans nach und es läuft mir eiskalt den Rücken runter.

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3 Kommentare zu “„Die da kommen“ von Liz Jensen

  1. Als ich das Buch im Laden ausgepackt habe, habe ich erstmal geguckt wie ein Auto. Ich fand, es wäre irgendwas zwischen geschmacklos und spannend. Normalerweise interessieren mich solche Bücher ja überhaupt nicht, aber hier war, warum auch immer, mein Interesse geweckt, auch wenn es mich auf den ersten Blick eher an einen schlechten Horrorfilm erinnert hat. Deine Rezension entkräftet diesen Eindruck ja ein wenig .. hach, jetzt wüsste ich ja schon gern, was des Rätsels Lösung ist. Merkwürdige Strahlung? Verseuchtes Essen? 😉

    • Hey Sophie, das ist ja interessant, dass das Cover dich so abgschreckt hat – ich fand es halt so „typisch dtv Thriller“ 😉 Ich bin durch die euphorischen britischen Zeitungsrezensionen auf das Buch aufmerksam geworden. Wenn du auf kluge und durchaus tiefgründige Mystery/Horror/Drama-Stories stehst, dürfte dir der Roman gefallen. Mich hat es wie gesagt extrem an M. Night Shyamalan erinnert, dessen alte Filme ich sehr verehre.

  2. Vielleicht habe ich als alter Science Fiction Fan schon zu viel aus diesem Genre gelesen, jedenfalls bin ich der Lösung des Rätsels relativ schnell im Verlaufe des Buches auf die Schliche gekommen. Aber mehr hat mich gestört, daß so gar keine Erklärung geliefert wurde. Telepathisch veranlagte Kinder, die mit Ihrem Geist die Grenzen der Zeit durchdringen? Mir fehlt da das „Fleisch“. Ich bin zu analytisch veranlagt, als das mich diese hingeworfene Mysterie zufrieden stellen könnte.
    Der Hauptakteur hat mir gefallen – der war interessant gezeichnet in seiner Zerrissenheit und als Beobachter seiner eigenen eingeschränkten Emotionalität. Aber auch da muss ich sagen, ich hätte mir weniger Hilflosigkeit gewünscht. Aber wahrscheinlich ist diese ohnmächtige Beobachterrolle genau das, was Dich so gruselt, Caro? Ich habe das Buch am Ende etwas unbefriedigt zur Seite gelegt – aber gut unterhalten war ich jedenfalls 🙂

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