„Cabo de Gata“ von Eugen Ruge

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An diesem Buch wird in den nächsten Wochen kein Feuilleton hinwegsehen bzw. -schreiben können. Denn nachdem Eugen Ruge mit seinem Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Deutschen Buchpreis 2011 gewonnen hat, dürften alle gespannt sein, womit der in der DDR-geborene Schriftsteller nachlegt. Es ist dann die recht schmale Novelle Cabo de Gata geworden, die die Meinungen der Literaturkritiker möglicherweise spalten dürfte. So geht es mir jedenfalls.

„I remember“ heißt ein Prosastück des New Yorker Künstlers Joe Brainard aus dem Jahr 1975. Darin beginnt jeder Abschnitt mit der Beschwörungsformel „Ich erinnere mich…“, darauf folgen gelebte Erfahrungen Brainards, die ihn spontan in den Sinn kommen. Heute gehört Brainards Gedächtnistechnik zu den Standards in Kursen für kreatives Schreiben – vor allem, um Schreibblockaden zu lösen. Mit den Worten „Ich erinnere mich“ beginnt auch Eugen Ruges autobiographischer Sehnsuchtsroman „Cabo de Gata“. Sie werden zum Mantra seiner Erzählung, das sich des öfteren wiederholt. Heißt das jetzt, Ruge steckt in einem kreativen Loch? Haben die hohen Erwartungen nach dem überragenden Erfolg seines Debüts ihn blockiert? Nein. Eugen Ruge liegt etwas auf der Seele, er hat ein Anliegen – zumindest lese ich das aus seinen Zeilen heraus. Dennoch ist seine Geschichte nicht meine Geschichte, seine Sehnsucht nicht meine Sehnsucht. Es geht um einen Mann Mitte Vierzig, der aus seinem Alltagstrott in Berlin in das kleines Fischerdorf Cabo de Gata in Andalusien flüchtet, um seinen ersten Roman zu verfassen. Er findet zwar keinen Anfang für sein Schreiben, dafür aber eine Katze.

Genau wie in seinem Erstling verarbeitet Eugen Ruge Selbsterlebtes in diesem Buch, dem der Satz: „Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.“ vorangestellt ist. Aber im Gegensatz zu „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ verwebt er nicht das persönliche Schicksal einer DDR-Familie mit den großen historischen Zusammenhängen, sondern zieht sich ganz in die Stille des Individuums und der Subjektivität zurück. Sein namenloser Ich-Erzähler bricht alle Zelte in seinem alten Leben in Ostberlin ab, um einen lang gehegten Traum zu verwirklichen. Er will ein Buch schreiben und wo würde dies besser von der Hand gehen als weit, weit weg im sonnigen Süden. Von Andalusien hat er bisher nur im Film „Der andalusische Hund“ gehört: Ich „hielt es für eine Art Phantasie-Adjektiv, dessen Bedeutung ich in der Nähe von wunderbar oder zauberhaft wähnte. Andalusien, das klang nicht nur fern und fremd wie die Namen all jener Orte, die unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang lagen, es war, so glaubte ich, ein Märchenort, eine Erfindung.“ Bis er in einem Wetterbericht davon liest und den kleinen Flecken Cabo de Gato entdeckt.

Das romantische Fischerdorf entpuppt sich jedoch als vermüllte, vereinsamte und trostlose Geisterstadt. Das Warmwasser in der Pension funktioniert nicht, die Einwohner würdigen den Fremden keines Blickes, streunende Hunde fletschen die Zähne. Doch der Ich-Erzähler bleibt. Er richtet sich in diesem unwirtlichsten aller Orte ein, wärmt sich in der blassen Februarsonne, geht am Meer spazieren, trinkt Rotwein oder spielt Billard. Nur bringt er keine vernünftige Zeile aufs Papier. Dann begegnet er der Katze. Ein rotgetigertes Weibchen, das ihn bis auf sein Zimmer folgt. Von da an tut sich eine geheime Parallelwelt auf: „Ich erinnere mich an Katzenorte. Orte, an denen die Katzen von Cabo de Gata eine schattenhafte Existenz, eine Existenz an der Grenze zur Unsichtbarkeiten führten.“ Ob es an seiner Einsamkeit oder Verzweiflung liegt, jedenfalls beginnt der Mann Botschaften in den Begegnungen mit der Katze zu suchen. Und lernt tatsächlich eine wichtige Lektion über das Leben.

Es wird dem Buch nur unzureichend gerecht, wenn man seinen Inhalt einfach nur nacherzählt. Es ist ein Stimmungsroman, der von Sehnsucht, Sinnsuche und Selbstentfremdung handelt. Selbst Personen wirken hier manchmal wie Orte und umgekehrt. So ganz schlau bin ich aus diesem irgendwie allegorischen Stück nicht geworden – ich jage genau wie der Protagonist einer tieferen Botschaft hinterher. Dennoch habe ich „Cabo de Gata“ gern gelesen. Es hat mich aber weniger auf einer emotionalen, als auf einer handwerklichen Ebene bewegt, denn sprachlich ist es fließend wie aus einem Guss gemacht. Dennoch wirkt es flüchtig und bruchstückhaft, eher wie eine Fingerübung des Schriftstellers Ruge – eben ähnlich wie eine Hausaufgabe aus einem Creative Writing-Kurs zum Thema Memotechnik. Letzt endlich ist es aber vielleicht die kühle, von sich selbst entfremdete, sachliche Erzählweise, die mich als Leser immer distanziert auf Abstand gehalten halt. Sie passt hervorragend zur Geschichte, aber nicht zu mir.

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7 Kommentare zu “„Cabo de Gata“ von Eugen Ruge

  1. Liebe Karo,
    oh schön und wie passend: eine Besprechung pünktlich zum Erscheinungsdatum. Ich habe in der letzten Ausgabe der literarischen Welt bereits eine Besprechung dazu gelesen, die das Buch als ziemlichen Fehlgriff bewertet. Mir hatte ja bereits sein Erstling nicht wirklich gefallen können, so dass ich dieses hier wohl eher nicht lesen werde, auch wenn es nichtsdestotrotz reizvoll klingt.
    Liebe Grüße
    Mara

    • Ich wollte extraschnell sein, damit ich unvoreingenommen an die Lektüre gehe 😉 Meine Leseerfahrung von Cabo de Gata war dann auch eher ambivalent, aber zum Schmökern im Café oder im Park reicht dieses kurzweilige und kluge Büchlein allemal. Aber wenn du Ruges Erzählton eh nicht so magst – Finger weg, lohnt nicht!

  2. So, so, du hast mich also gehört, liebe Karo. 😉 Ich habe mich heute Morgen beim Auspacken des Buches neugierig gefragt, wie es wohl sein wird. Was für eine Geschichte finde ich dort zwischen den Seiten? Werden Ruges Fans glücklich sein? Jetzt bin ich viel schlauer und dankbar für diesen feinen Einblick! Meins wird es aber nicht werden, denn ich habe in sein Debüt bereits nicht hineingefunden.

    Herzlich,
    Klappentexterin

    • Aber sicher habe ich deinen stummen Schrei nach Orientierungshilfe vernommen, liebe Klappentexterin! Eine gute Tat am Tag, weißte doch 😉 Nur schade, dass ich jetzt deine Meinung zum Roman wohl nicht mehr zu lesen kriege…lg, Karo

  3. Deine Besprechung liest sich so, als müsste ich den neuen Ruge nicht lesen. Es stehen ja noch so viele andere Bücher auf meinem Programm, da ist deine Rezension ja auch mal eine gute, weil sehr entlastende Nachricht.
    Viele Grüße, Claudia

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