„Das Jahr meiner zweifelhaften Erlösung“ von Jacques Strauss

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„Mit elf war ich so schlau, Sex mit einer Shampooflasche haben zu wollen. Und als ich darin stecken blieb und in Panik geriet, war ich alt genug, um zu kapieren, dass meine Mutter, wenn sie es sähe, genau wüsste, was ich getan hatte, sie wüsste es einfach. Aber ich rief sie trotzdem…“ Herzlich willkommen in der verwirrenden, vorpubertären Welt von Jack! Eine Welt, in der He-Man-Figuren zwar noch cool sind, aber geschlechtsreife Organe noch viel cooler. Einer Welt, in der man zwar schon  „verdammt“ und „scheiße“ sagt, aber niemals das F***-Wort! Eine Welt, in der der Tod der Großmutter lange nicht so schwer wiegt, wie der Verlust eines Mercedes-Benz-Matchboxautos. Kurzum: Eine Welt, in der sich die großen und kleinen Tragödien noch alle um einen selbst drehen. In Das Jahr meiner zweifelhaften Erlösung verarbeitet Jacques Strauss Erinnerungen an seine behütete Kindheit in einem Vorort von Johannesburg, Südafrika, und wie sein kleines Paradies ins Wanken geriet.

Es ist das Jahr 1989. Immer wieder erschüttern blutige Unruhen zwischen Regierungsgegnern, die für die Rechte der schwarzen Bevölkerung kämpfen, und dem Apartheidsregime das Land. In den Schulen lernen die Kinder an aufwendigen Schautafeln, die wie militärische Pop-up-Bücher aussehen, wie sie Bomben und Landminen von Spielzeug unterscheiden. Doch in dem beschaulichen Örtchen Linden am nördliche Rand von Johannesburg ist die Welt noch in Ordnung. Es herrscht eine Idylle des Friedens, von dem Prothesenmacher mit seinem kunstvoll im Schaufenster drapierten Arm- und Beinprothesen einmal abgesehen. Fast alle Familien in Linden beschäftigen ein eigenes Dienstmädchen. Wozu einen Geschirrspüler anschaffen, wenn es doch auch „ein bisschen schwarze Magie“ tut? “ Die Zulu-, Sotho- oder Xhosa-Mädchen sind so etwas wie die guten Geister des Hauses. Sie waschen, bügeln, kochen, putzen, betüddeln die Kleinen und wenn mal nichts zu tun ist, plauschen sie über die Gartenzäune hinweg mit den anderen guten Geistern in ihrer jeweiligen Muttersprache oder essen Maisbrei vor ihren Hütten in den Hinterhöfen.

Auch Jacks Familie hat ein Dienstmädchen. Doch Susie Mafisa ist sehr viel mehr als nur eine Hausangestellte. Jack wächst halb burisch und halb englisch auf, wobei die englische Seite mit ihren aufgeklärten liberal-demokratischen Ansichten dominiert. Susie wird also als Mitglied der Familie behandelt und nicht wie eine Haussklavin. Sie ist eine Zweitmama für Jack und seine beiden Schwestern. Jack liebt Susie mit derselben besitzergreifenden Innigkeit, mit der er seine leibliche Mutter liebt. Und auch Susie, die Jack von Klein auf großgezogen hat, schimpft den Jungen am liebsten mit den Worten: „Ich hab dich so lieb. Ich hau dich.“ Dass Susie aber auch noch eine „richtige“ Familie hat, ein richtiges Zuhause und ein richtiges Leben, verdrängt Jack  solange, bis ihr 16-jähriger Sohn Percy auf der Matte steht. Percy ist auf den bestem Wege ein Tsotsi, ein Ghettogangster, zu werden und zieht für eine Weile im Gartenhäuschen bei Susie ein, damit sie ein Auge auf ihn hat. Jack fühlt sich durch den ungebetenen Gast mehr als beunruhigt: „Was hielt Percy davon ab, mich in den Pool zu zerren und zu ertränken? Wollte er seine Mutter nicht zurückverlangen von diesem Jungen, der zwei Mütter brauchte, ja für sich beanspruchte? Weshalb forderten nicht alle schwarzen Jungen ihre Mutter zurück?“

Jacques Strauss beschäftigen in seinem Roman zwei große Themen: Die Pubertät und die Apartheid. Diese beiden prägenden Erfahrungen fallen in einem entscheidenden Moment zusammen: Als Jack gerade Sex mit der Einlaufdüse des Swimmingpools hat und dabei auch noch zu allem Überfluss den Namen eines männlichen Klassenkameraden ausruft, ertappt Percy ihn auf frischer Tat und lacht ihn aus. Jack ist so peinlich berührt von der Situation, dass er Percy bei seinen Eltern mit einer Lüge anschwärzt. Percy muss daraufhin das Haus verlassen und gerät dadurch endgültig auf die schiefe Bahn. Als Jack sein egoistisches Verhalten begreift, ist es bereits zu spät. Susie verlässt die Familie. Ihr Weggang wird zum Markstein für das Ende einer unbeschwerten Kindheit.

Seit ich in diesem Jahr Urlaub in Südafrika gemacht habe, mache ich mir vermehrt Gedanken über die Apartheid. Zwar wurde die gesetzliche rassische Trennung zwischen Schwarz und Weiß 1994 aufgehoben, aber das heißt nicht, dass sie nicht mehr existiert. Weiße Familien halten sich immer noch schwarze Haushälterinnen, Townships erstrecken sich kilometerlang an den Highways entlang. Und egal, ob am Strand, auf der Straße oder im Park – jede Hautfarbe bleibt unter sich. Gleichzeitig habe ich selten ein Völkchen erlebt, das auf so angenehm zurückhaltende Art gastfreundlich und höflich gegenüber Fremden ist wie die Südafrikaner. Wie dieser Widerspruch zustande kommt, hat mir dieses Buch auf authentische Weise näher gebracht. Jacques Strauss erzählt nicht aus der kindlichen Perspektive eines Elfjährigen, sondern blickt mit dem Wissen und Abstand seines erwachsenen Ichs auf diese verrückte Zeit voller Umbrüche. Mit viel ironischem Witz und absoluter Ehrlichkeit beschreibt er die Brüche in der südafrikanischen Identität, den feinen Unterschieden, Schwächen und Stärken der ethnischen Vielfalt in diesem einzigartigen Land, dass immer noch auf der Suche nach sich selbst ist.

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8 Kommentare zu “„Das Jahr meiner zweifelhaften Erlösung“ von Jacques Strauss

  1. Klingt nach einem so unterhaltsamen wie berührenden Buch. Danke für die Rezension, liebe Karo. Ich bin immer sehr angetan davon, wie locker und humorvoll du einem die Bücher vermittelst.

    • Liebe Sophie, es ist so schön, wenn man nicht nur zum eigenen Vergnügen schreibt, sondern auch für andere 🙂
      Das Buch ist wirklich sehr unterhaltsam, was vor allem daran liegt, dass Jacques Strauss so locker schreibt, als ob er dir seine lustigen und manchmal traurigen Kindheitsanekdoten in der Kneipe bei einem Bierchen erzählt. Und im Vergleich zu einer deutschen Kindheit wirkt diese wirklich exotisch und daher spannend. Lg, Karo

  2. Liebe Karo, danke für diese tolle Besprechung! 🙂 Das Buch stand eigentlich auf meiner Wunschliste, doch irgendwie habe ich es aus den Augen verloren. Nun wandert es sofort wieder darauf und ich freue mich schon sehr auf die Lektüre. Dein aktuelles Buch (ich bin so erleichtert, dass ich in ‚unserem‘ Bloguniversum nicht die einzige Kingleserin bin) werde ich heute kurz vorstellen. Ich habe es sehr gerne gelesen. 🙂

    • Liebe Mara, mittlerweile haben sich ja schon viele Leser zu deiner Joyland-Kritik als King-Fans geoutet. Ich erkenne mich auch total in deiner King-Sozialisationsgeschichte wieder. Witzig, wie viele von uns diese Erfahrung teilen 😀
      So langsam kenne ich ja ein bisschen deinen Lesegeschmack und glaube, dass Strauss Debüt dir gut gefallen ist. Es ist nicht weltbewegend, aber pointiert und clever geschrieben. Lg, Karo

  3. Danke für die schöne Rezension, das hört sich nach einer interessanten Mischung an: eine bewegende individuelle Geschichte vor einem sehr spannenden Hintergrund. Seit ich „Sugarman“ im Kino gesehen hab, bin ich neugierig auf Südafrika geworden. Das Buch kommt auf jeden Fall auf meine Liste.

    • Schön, dass meine Worte dich neugierig machen konnten 🙂 „Sugarman“ kenne ich leider nicht, aber dieses dunkle Kapitel in der südafrikanischen Geschichte (das ja noch gar nicht lang zurückliegt), ist in der Tat spannend und ist mir literarisch eigentlich noch nie begegnet…lg, Karo

      • Oh, dann kann ich dir Sugarman nur empfehlen. Das ist ein Dokumentarfilm über einen Musiker aus Detroit, der in Südafrika in den 70ern ein Megastar wurde – ohne selber etwas davon zu wissen!! Im Internetzeitalter heute undenkbar. Es geht auch darum, warum gerade seine Musik und seine Texte auf so fruchtbaren Boden in Südafrika fielen. Ein toller Film!

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