„Joyland“ von Stephen King

IMG_20130621_234651Dieser Mann kann einem nicht nur die Freude an Clowns vergrätzen, sondern auch an Vergnügungsparks. Wobei beides ja auch irgendwie latent böse ist, weil es in Wirklichkeit nicht das ist, was es vorspielt zu sein. Auch Stephen Kings neuester Coup Joyland ist nicht ganz das, was er vorgibt zu sein: Es ist eine Schauergeschichte, Hard Boiled Crime, Coming-of-Age-Roman, Pulp Fiction und vieles mehr – und es zeigt die Weiterentwicklung eines Schriftstellers wie es ihn seit Edgar Allan Poe nicht mehr gegeben hat. Es ist schon beinahe unheimlich.

So wie ich als kleines Mädchen eine Barbie- und eine Dinosaurierphase durchlaufen habe, habe ich als Bücher-Nerd eine Stephen King-Phase durchgemacht. Alles fing damit an, dass mir eine Freundin ihre Taschenbuch-Sammlung von „Cujo“ bis „Friedhof der Kuscheltiere“ vermachte (vielleicht habe ich sie auch einfach nie zurückgegeben)…ich weiß gar nicht, was aus diesen zerfledderten, schon damals vergilbten Dingern geworden ist. Ich weiß aber noch sehr genau, wie ich nachts trotz Schweißattacken keinen nackten Fuß mehr aus der Bettdecke herauslugen ließ, aus Angst, mich würde irgendwas aus der Dunkelheit packen und unters Bett ziehen. Ich glaube, Stephen King hat Generationen, insbesondere  junger Leser, das Fürchten gelehrt – was Jugendliche heute vielleicht gar nicht mehr nachvollziehen können, weil durch das Internet Raubkopien und indizierte Horrorfilme einfacher verfügbar sind und dadurch FSK-Schutz sowie elterliche Kontrolle noch schwieriger geworden sind. Früher blieb uns häufig nichts anderes übrig, als zu einem Buch zu greifen. Es waren harte Zeiten.

Wer eine Rezension über „Joyland“ schreiben möchte, der hat eine Menge Möglichkeiten: Er kann – so wie ich – über seine persönliche King-Sozialisation berichten, er kann über den Sinn und Unsinn von E- und U-Literatur philosophieren, über Kings Rückkehr zu seinen Horrorwurzeln spekulieren, seine Erzähltechnik loben oder verteufeln,  kann Metaebenen, literarische und popkulturelle Referenzen sowie Gesellschaftsporträts  herauslesen. Seine Werke funktionieren einfach auf vielerlei Ebenen – und sie stehen mittlerweile in einer langen Tradition, die man nicht einfach ignorieren kann, denn der King-Kult reißt seit den 1970ern nicht ab. Besonders thematisiert wurde auch, dass King, der sonst als Internet-Pionier gilt, sich gegen eine Ebook-Veröffentlichung von „Joyland“ entschieden hat, um wieder mehr Menschen in Buchhandlungen zu locken. Genie und Gutmensch in einem. Genie? Nun, wer dieses Buch am Ende zuklappt, der denkt mit aller Wahrscheinlichkeit schon so etwas wie: „King, dieser Hund! Wie hat er das nur wieder geschafft!“ Denn in seinem neuen Roman ergeben gleich mehrere Handlungsstränge im Leben des Ich-Erzählers Devin am Ende ein großes Ganzes, das nicht nur vielerlei Genres miteinander verbindet, sondern auch sinnhaft und tiefgreifend erscheint, ohne dabei hochtrabend zu wirken.

Zunächst wird Student Devin von seiner ersten großen Liebe verlassen. Daraufhin sucht er sich einen Sommerjob im Vergnügungspark Joyland, wo er dem Mord an einer jungen Frau auf die Spur kommt. Zuletzt lernt er noch eine geheimnisvolle Fremde kennen, deren Sohn unheilbar krank ist. Wie gesagt: Jede Episode steht für sich und doch wieder nicht. Es sind die großen (auch literarischen) Themen, die King immer wieder furchtlos und selbstbewusst angeht: Schicksal, Liebe, Zurückweisung, Loslassen, Tod – in all ihrer Banalität, ihrem Kitsch, ihrer Peinlichkeit und Größe. Dabei kommt King diesmal mit ganz wenig Mitteln des Horrors aus: Eine Tote, die in der Geisterbahn spukt (übrigens sollte „Shining“ ursprünglich auch in einem Freizeitpark spielen und nicht in einem Hotel), düstere Prophezeiungen und kalte Luftzüge. Es ist in vielerlei Hinsicht eine verschlankte Version von Kings Frühwerken: kürzer, konzentrierter, sparsamer dosiert. Wer vorher nicht begriffen hat, dass es King nie allein um den Schockmoment ging, der kapiert es hoffentlich spätestens mit diesem Roman.

Wem das jetzt zu viel Druhmherum-Geschwafel bzw. Lobhudelei war und zu wenig Rezension, der kann hier nochmal meine Buchkritik zu „Joyland“ für 1LIVE nachlesen.

Außerdem ist das hier eine ganz wunderbare Gelegenheit mal in meiner Kategorie „Soundtrack zum Buch“ einen Song der amerikanischen Cellistin Zoë Keating anzustimmen, die auch Filmmusik schreibt und mit „We insist“ eine etwas altmodisch-geisterhafte Stimmung schafft, die zur „Joyland“-Lektüre sehr gut passt, wie ich finde.

 

Advertisements

16 Kommentare zu “„Joyland“ von Stephen King

  1. Haha! Welcher wirklich lesende Mensch hat keine Stephen-King-Phase erlebt!? 🙂
    Man hat doch was verpasst, wenn man sich nicht durch die genialen Höhepunkte und die kapitellangen Durststrecken des „Schwarzen Turms“ gelesen hat! Ich mag ihn und ich bin gespannt auf Joyland.
    Übrigens: Ein fettes Kompliment für Deine immer tollen und sorgfältig inszenierten Aufmacherfotos! Daß der Lippenstift sowohl zum Buchtitel, als auch zum gesprayten Hintergrund passt, ist der Brüller!
    Beste Grüße ins 1Live-Land von Stefan

    • Hi Stefan, ich weiß es nicht genau, vermute aber mal, dass sehr junge Leser in Zeiten von Harry Potter und Twilight nicht mehr mit Stephen King „aufwachsen“… es ist vielleicht ein Generationenphänomen.
      Und voll toll, dass gerade dir als Mann auffällt wie viel Detailliebe in meinen Bildern steckt *freu*!!!! Lg, Karo

      • Heyyyy!!
        Diskriminierst Du mich hier etwa als Mann – **freundlich anrempel** !?
        😉
        Das ist mir natürlich sofort aufgefallen und warum auch nicht!

  2. Hi…ich noch einmal…
    Ich hab‘ jetzt gerade bei Zoë Keating reingehört und bin begeistert!
    Von der hatte ich noch nie etwas gehört, was ja eigentlich kaum zu glauben ist! Zu weit weg vom Mainstream vermutlich… Die Welt ist groß und bunt und hält immer wieder tolle Überraschungen bereit!
    Ich danke Dir für den genialen Hinweis! Da werd‘ ich doch gleich mal was für Zoë’s Einkommen und meinen Spaß tun und bei Amazon vorbeischauen…
    Liebe Grüße von Stefan

  3. Liebe Karo,
    schön nun auch hier eine Besprechung zu „Joyland“ zu lesen … 🙂 Mich hat das Buch, als ich es letztes Wochenende verschlungen habe, wirklich sehr begeistert und positiv überrascht. Mittlerweile liegen hier nun auch „Der Anschlag“ und „Die Arena“ und ich bin gespannt, ob auch bei diesen beiden Büchern der Funke überspringen wird.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Hey Mara, ich bin jetzt auch wieder angefixt und habe überlegt „Der Anschlag“ zu lesen. Zumal ich sehr neugierig bin, was King aus dem JFK-/Zeitreise-Thema macht. Aber mir fehlt einfach die Zeit, mich in einen 1.000-Seiten-Schmöker zu versenken 😦 Lg, Karo

  4. Irgendwie hab ich es geschafft nie ein Buch von Stephen King zu lesen, was mir fast schon eigenartig vorkommt. Der Mann ist so omnipresent, dass man einfach das Gefühl hat, man hat ganz sicher schon mal etwas von ihm gelesen. Nach dieser Rezension werde ich versuchen diese Lücke zu schließen. Sehr schön geschrieben!

    Lg, Antonia

    • Na dann, liebe Antonia, ist „Joyland“ wirklich der perfekte Einstieg in die King-Welt! Es vereint ziemlich gut die Stärken des Autors als Geschichtenerzähler – und es ist sehr viel kürzer als seine anderen Werke. Schrecklich-schönen Spaß beim Lesen! Und danke für dein Lob!

  5. Pingback: (Rezension) Joyland von Stephen King | Bücherphilosophin.

  6. Pingback: (Rezension) Joyland von Stephen King | Bücherphilosophin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s