„Keine Experimente“ von Markus Feldenkirchen

IMG_20130627_221316Aus der Provinz in den Bundestag. In seinem zweiten Roman Keine Experimente beschreibt Markus Feldenkirchen den Aufstieg und Fall eines stockkonservativen Familienpolitikers, der seinen eigenen Idealen untreu wird, nachdem er sich – ausgerechnet – in eine Feministin verliebt. Scharfzüngig und treffsicher, aber nie überspitzt oder anmaßend, schreibt Feldenkirchen über ambivalente Wertesysteme, Gewissenskonflikte zwischen Tradition und Moderne und welche Identitätskrisen diese Widersprüche beim Einzelnen auslösen können.

Was bringt einen intelligenten jungen Mann dazu zu behaupten, die moderne Frau komme ihren „gottgegebenen Stärken als Mutter und Hauswirtschafterin“ nicht mehr ausreichend nach? Bei Romanheld Frederik Kallenberg ist es vor allem die Herkunft, die diesen weltfremden Anachronismus prägt. Er wächst in dem erzkatholischen Kaff Waldhagen bei Attendorn auf, wo man Neuerungen nur wenig aufgeschlossen gegenübersteht: „Für Irritationen hatte allenfalls der Wirt der einzigen Gaststätte gesorgt, der eines Tages ein Schweinefilet Bombay als Alternative zum vertrauten Zigeunerschnitzel auf die Speisekarte gesetzt hatte, was wochenlang Dorfgespräch war, bis er es entnervt von der Karte strich.“ Die Beschreibungen einer Jugend zwischen Schützenverein, Saufgelagen und Sonntagsgebeten im Sauerland sind dann auch das Beste und gleichzeitig Bitterböseste, was Feldenkirchens satirisch angehauchtes Polit- und Liebesdrama zu bieten hat.

Besonders schön hier: Die Lakonie im Sentenzenhaften. Zum Beispiel, wenn er ein Kapitel mit den herrlich schwarzen Worten einleitet: „An manchen Tagen war das Sauerland eine einzige Einladung, sich das Leben zu nehmen.“ Gemein, aber gut! Frederiks erste Lebensjahre sind dann auch geprägt von Enttäuschung und Scham: Der Vater ein Trinker, die Mutter eine Dorfschlampe. Nur in Pfarrer Schmiedebach findet das Kind ein Vorbild. Mit 14 tritt er dann den jungen Konservativen bei, wo er Freunde und sein Selbstwertgefühl findet. Mit17 lernt er seine große Liebe Julia kennen, heiratet sie (natürlich: ohne Sex vor der Ehe) und wird Vater zweier Söhne. Mit 33 wird Kallenberg in den Bundestag gewählt. Jetzt, mit 36 gilt er als großer Hoffnungsträger seiner Partei und hat das Zeug zum Regierungsmitglied.

Klingt jetzt erstmal nach einem fremdbestimmten Unsympathen oder ziemlich geleckten Karrieristen. Tatsächlich ist Kallenberg aber ein durchweg netter Kerl, der aufrichtig an das glaubt, wofür er wirbt: eine wertebasierte Familienpolitik, die auf tradiotionellen Rollenbildern beruht. Im Gegensatz zu seinen Parteikollegen lebt Kallenberg diese altmodischen Bilderbuch-Ideale konsequent vor, was auch die Studentin Liane voller Erstaunen feststellen muss.  Die beiden lernen sich bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Hat der Feminismus gewonnen?“ an der Uni Berlin kennen. Von Anfang an sind beide fasziniert von der Andersartigkeit des anderen: Kallenberg ein Kavalier der alten Schule, Liane eine starke und unabhängige Freiheitskämpferin. Verhängnisvoller könnte eine Affäre kaum beginnen.

Markus Feldenkirchen, „Spiegel“-Journalist im Hauptstadtbüro Berlin, kennt sich aus auf dem politisch-medialen Parkett. Auf karikierende Überzeichnungen seiner Figuren ist er deshalb nicht angewiesen. Besondere Glanzstücke sind sein Portrait der Bundeskanzlerin (bewundernd, aber entlarvend) und die Beschreibung einer Talkshow-Performance der verfremdeten Alice Schwarzer, die hier Dagmar Kappler heißt: „Wann immer Dagmar Kappler im Fernsehen sprach, sprach sie für >Millionen von Frauen<, ganz egal, ob diese das wollten oder nicht. Und immer nannte sie zuerst sich selbst, dann erst die Millionen.“ Dadurch wirkt die Handlung manchmal realer als das Leben, fast dokumentarisch. Gleichzeitig aber nimmt sich Feldenkirchen viel Zeit für die Beweggründe und das Innenleben seiner Charaktere, die daher nicht wie öffentliche Persönlichkeiten, sondern wie echte Menschen wirken.

Genau diese Diskrepanz zwischen Öffentlichkeit und Privatem macht „Keine Experimente“ (übrigens ein Slogan der CDU im Bundestagswahlkampf 1957) mit großer Beobachtungsgabe, Sachkenntnis und menschlicher Wärme deutlich. Eine unterhaltsame und zugleich blitzgescheite Lektüre, nicht nur zur Einstimmung auf die diesjährige Bundestagswahl. Meine Leserstimme hat Feldenkirchen jedenfalls!

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2 Kommentare zu “„Keine Experimente“ von Markus Feldenkirchen

  1. Jetzt ist es dir gelungen, mir das Buch, das ich angesichts seines Klappentextes erstmal schnell wieder ins Regal gestellt habe, doch irgendwie schmackhaft zu machen. 😉 (-witzig übrigens, dass wir heute beide mit Kein & Aber Titeln um die Ecke gekommen sind)

    • Tja, liebe Sophie, da hast du den Salat 🙂 Hättest du mal lieber „Keine Experimente“ statt „Die Arglosen“ gelesen – so wie ich es aus deiner etwas verhaltenen Rezension herauslese, wäre das wohl die bessere Entscheidung gewesen 😉 Lg, Karo

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