„Zungenküsse mit Hyänen“ von Else Buschheuer

IMG_20130702_093315„Eine gute Geschichte beginnt mit einer Leiche.“ Und selten war eine Leiche so sexy wie die Rote Müllerin aus Else Buschheuers neuer Krimi-Burleske Zungenküsse mit Hyänen.  Doch wer hat der jungen Erfolgsautorin mit den feuerroten Haaren Gift in ihren Hugo-Drink gemischt? Ausgerechnet eine männliche Jungfrau begibt sich in den Raubtierdschungel aus Feinden, Liebhabern und Konkurrentinnen, um das dunkle Geheimnis zu lüften. Ein Roman wie ein Verführer, der kleine Makel durch seine Kaltschnäuzigkeit kaschiert.  Ein Liebesreigen ist eben nur dann schmutzig, wenn er richtig gemacht ist.

Mit einer Tupperdose Bohneneintopf und 1000 Euro, die er seiner Mutter aus der Matratze entwendet hat, macht sich Michael (früher: Michi, später: Mei-kel) auf in die weite und abgründige Welt der Stadt Rizz. 33 Jahre unter der Knute der rohrstockschwingenden Mannsfrau Mama sind genug. Aus dem Milchgesicht soll ein echter Mann werden. Michael will fürs Feuilleton schreiben und schöne Frauen küssen. Statt dessen gibts Boulevard-Journalismus und eine Blow-Job-Entjungferung im Puff.

Und das alles nur, weil Michael in die Wohnung der gerade verstorbenen Autorin und Schauspielerin Felicitas Müller gezogen ist, wo – wie die Vermieterin Frau Puvogel abfällig bemerkt: der Tingeltangel los war. Für die Zeitung seines Patenonkels Big Ben soll Michael eine möglichst skandalöse Exklusivstory über den Tod seiner Vormieterin abliefern. Sie wurde an ihrem 30. Geburtstag bei einer Party in der Villa ihres Liebhabers, dem Erfolgsproduzenten Müller, vergiftet. Müller ist ein alternder, geiler Partylöwe – „Morbus Berlusconi im Endstadium“ – der nach einem Verkehrsunfall vor über dreißig Jahren im Rollstuhl sitzt, Krüppel und Siechtum jedoch hasst und seine Sexualpartnerinnen jung, knackig und dumm mag: „Hohe Absätze, kurze Hauptsätze.“ Nur die Müllerin konnte ihm Paroli bieten, pinkelte ihm schon mal im Streit auf die Terrasse.

„Zungenküsse mit Hyänen“ ist Cluedo für Frivole. Else Buschheuer („Ruf! Mich! An!“) fährt eine schillernde Entourage an zwielichtigen Gestalten im Dunstkreis der Rizzer High Society auf, die in den beinahe bühnenhaften Kulissen der zwei Tatorte (den Wohnsitz des Müllers und den Wohnsitz der Müllerin) hin- und herpendeln. Es ist kein Zufall, dass der Müller der Müllerin einst einen Job als Drehbuchschreiberin beim „Tatort“ besorgt hat. Auf der einen Seite steht also die Nachbarschaft der Müllerin in einem Wolkenkratzer, der bei den Bewohnern der Stadt Rizz unter vielen Namen bekannt ist: Leuchtturm, Tuntentower, Geheimdiensthaus. Das Gebäude soll im Kalten Krieg angeblich komplett verwanzt worden sein. Hier lebt u. a. der Modedesigner David, dessen schwule Models in ihren Matrosenuniformen die Flure bevölkern, und das Krückenmädchen Gritli, die sich aus Liebeskummer einst vom Leuchtturm gestürzt hat und seitdem nicht mehr richtig laufen kann. Auf der anderen Seite liegt in Dingenskirchen, vor den Toren der Stadt, die Gelbe Villa des reichen und mächtigen Filmproduzents Müller mit seinem speichelleckenden Personal, Nutten und Verflossenen. Immer mehr Verbindungen und Abgründe tun sich zwischen den zwei Orten und den Verdächtigen auf.

Zugegeben, Else Buschheuers Schickeria-Posse liest sich zuweilen wie ein Helmut Dietl-Film auf Speed, irgendwo zwischen „Schtonk!“ und „Rossini“: Glamour, Medien, Macht, Affären, Skandale, Unmoral, Sittenverfall, Jahrmarkt der Eitelkeiten. Dennoch wirkt gerade Buschheuers weibliche Sicht auf die schmutzigen Macht- und Erotikspiele ihrer Figuren auf aufregende Weise kokett. Mit diabolischer Freude und einem versauten Augenaufschlag wühlt sie im Seelenschmodder der besseren Gesellschaftskreise. Diese Frau hat Chuzpe! Da verzeiht man ihr auch gern, dass die Dramaturgie ihres Detektiv-Plots zum hinteren Drittel ausfranst und die Wandlung ihres Romanhelden Michael vom Kleintier zum Raubtier mit recht irritierender Schnelligkeit vollzogen wird. Macht korrumpiert anscheinend noch schneller, als einem eine Hyäne die Zunge in den Hals stecken kann.

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12 Kommentare zu “„Zungenküsse mit Hyänen“ von Else Buschheuer

  1. Schön geschriebene Kritik, aber um das Buch werde ich wohl einen Bogen machen…
    Womit der Zweck Deines Artikels ja auch erfüllt wäre. Auf die eine und nicht die andere Weise… 😉
    Danke!

  2. Liebe Karo,
    da ist dir ein großartige Text und eine unheimlich lesenswerte Kritik gelungen! 🙂 Erst am Wochenende habe ich eine interessante Besprechung von Helene Hegemann dazu gelesen. Ich werde wohl nicht zum Buch greifen, da mich deine Eindrücke darin bestärken, dass dies wohl eher nicht so ganz mein Geschmack ist.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Danke, Mara, für dein großzügiges Lob! Wenn ich einen Buchpost fertig habe, wüte ich danach auch immer wie eine Bekloppte durchs Online-Feuilleton, um andere Meinungen einzuholen. Ich bin ja vorurteilsbehaftet immer erstmal Anti-Hegemann, fand die Besprechung aber auch, naja, erheiternd 😉 Lg, Karo

  3. Öh..noch was. Daß Du Dich anlässlich des Themas ins kleine Schwarze geworfen hast, war ja nicht zu übersehen….
    Aber hast Du Dir etwa auch passend zur roten Müllerin die Haare getönt? 😯
    Ick staune, wa?!

    • Oups – ich wusste gar nicht, daß 200-jährige auch noch bloggen… Oder kommst Du aus der erzkonservativ-klerikalen Ecke?
      Irgendwie muss man sich eine solche „Geistes“-Haltung ja erklären, wie Du sie hier offenbarst.
      ** kopfschüttel **

  4. Liebe Karo,
    danke für deine fantastische Rezension! Ich dachte, nach deiner Besprechung wüsste ich mehr und bin jetzt immer noch ein wenig ratlos, ob das Buch und ich Freunde werden. Ich habe ein komisches Gefühl, das mich seit der tollen Premiere bei ocelot nicht loslässt, reine Neugier und Zweifel, ein Cocktail aus beidem, salzig und süß zusammen, ja, so ungefähr. Nun, mir scheint, ich muss wohl selbst meine Nase in das Buch stecken und herausfinden, was es ist.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

    • Huhu, liebe Klappentexterin, einen kurzen Ausschnitt aus der Ocelot-Lesung gibt’s auch im Buchtrailer. Warst du etwa da? Ich würde wirklich zu gern eine deiner phantasievollen Rezensionen zu den Hyänen lesen – das wird eine Geschmacksexplosion geben 😀 Lg, Karo

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