„Osama“ von Lavie Tidhar

IMG_20130708_204704Osama bin Laden als literarischer Superheld? Geht das? Mit seinem alternativen Geschichtsroman Osama hat der in Israel geborene Autor Lavie Tidhar ein unkonventionelles Gedankenexperiment gewagt. Sein Mut wurde prompt mit euphorischen Besprechungen in der westlichen Presse und dem World Fantasy Award 2012 belohnt. Meine Erwartungshaltung beim Lesen war dementsprechend hoch.

Sie heißen Einsatz Afrika, Die Bombardierung des Sinai und World Trade Center, – die Vergelter-Buchserie rund um Osama bin Laden, „erzkriminelles Superhirn“, ist der Verkaufsschlager des kleinen Taschenbuchverlags Medusa Press. Das Ganze gipfelt in einer Osama Fan Convention in New York mit Kostümwettbewerb, I Love Osama-Kissen und -Buttons. „Über diese fürchterlichen Dinge zu lesen und zu wissen, dass sie nie passiert sind, und wenn man durch ist, kann man das Buch hinlegen, tief durchatmen und sein Leben weiterleben. Zu wissen, dass es Literatur ist -„, sagt ein weiblicher Fan. Wir befinden uns also in einer Welt, in der es keinen Terrorismus, keinen Dschihad und keine Al-Qaida gibt. Eine Welt, in der einige weltpolitische Entscheidungen anders gelaufen sind. Was wäre wenn…

Der Privatschnüffler Joe, den nur ein paar Würfel Eis in seinem Whiskey von einem echten Alkoholiker unterscheiden, wird von einer geheimnisvollen Fremden damit beauftragt, den Autor Mike Longshott aufzuspüren, welcher hinter den Osama-Groschenromanen steckt. Seine Ermittlungen führen Joe in die Metropolen Paris, London und New York, in ein Labyrinth aus dunklen Kaschemmen, billigen Absteigen, Opiumhöhlen und Privatclubs, verfolgt von geisterhaften Schattenstimmen und Geheimagenten. Statt Antworten zu finden, stößt er dabei auf immer mehr Rätsel und Geheimnisse: „Suchte er nach Longshott, oder suchte Longshott nach ihm? Der Schundromanautor hinterließ ihm eine Brosamenspur zum Folgen, und er folgte, während um ihn herum langsam die Welt zerfaserte, ein fadenscheiniger Wandteppich, der ihn nicht mehr vor der Kälte bewahren konnte.“ Ein Riss durchläuft Zeit und Raum, ein Zwischenreich, wo die Grenze zwischen Fiktion und Realität verwischt, Tote und Lebende sich begegnen und wieder verschwinden. Bis Joe selbst nicht mehr weiß, in welche der beiden Welten er eigentlich zu Hause ist.

Genau wie Detektiv Joe tappt der Leser im Dunklen über die Zusammenhänge zwischen Orten, Personen und Ereignissen. Das erschwert es, in die Geschichte zu finden – einige Aspekte bleiben unergründlich, als hätte man den Schlüssel zu einer Tür verlegt. Hinzu kommen die eingesprenkelten Auszüge aus den Osama-Büchern, welche von Daten, Namen und Fakten nur so wimmeln und sich dadurch recht anstrengend lesen, bis man den Dreh in etwa raushat. Was einen zum Weiterlesen antreibt, das ist Lavie Tidhars große Gabe, durch eine eigene charismatisch-düstere Sprachmelodie seine Szenarien zum Leben zu erwecken. Damit hat er Saiten bei mir zum Klingen gebracht, die keinem intellektuellen Verstehen bedürfen. Man fällt in seine poetischen Bilder geradezu hinein. Da schmeckt die Dunkelheit wie „dunkler Arabica“ und ein Seufzen „erinnerte an den Wind, wenn er Blättter über den Gehweg wirbelte„. Die atmosphärische Dichte des Buchs ist geradezu hypnotisch und anmutig. Wäre dieser Bastard von einem Roman noir, Fantasy, Agententhriller und 9/11-Utopie eine Farbe, dann das Nachtblau seines wunderschön gestalteten Covers.

Und wäre „Osama“ ein Song, dann würde er für mich ganz persönlich wie „Les Grandes Marches“ von Moderat klingen – ich liebe diesen Track! Da spielen sich ganze Filme vor meinem inneren Auge ab.

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5 Kommentare zu “„Osama“ von Lavie Tidhar

  1. Guter Song. Gute Besprechung. 😉
    Auf den Verlag bin ich erst vor kurzem aufmerksam geworden, nun halte ich die Augen offen, denn das Programm ist wirklich reizvoll.

    Ein anderer großartiger Song von Moderat ist übrigens A New Error.

    Schöne Grüße,
    caterina

    • Danke, Caterina, für deine lieben Worte! Wenn dir das Programm von Rogner & Bernhard gefällt, dann kann ich dir auch noch den neu gegründeten Metrolit Verlag ans Herz legen, falls du den noch nicht kennst.

      Und im August kommt endlich das zweite Studioalbum von Moderat – yeah!!!

      • Das Programm von Metrolit kenne ich und verfolge ich mit großen Interesse, auch wenn ich noch nichts daraus gelesen habe ;). Trotzdem danke für den Tipp und auch für den Hinweis auf das neue Album von Moderat! 🙂

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