Vier Schmöker für den Sommer

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Wenn die Sonne langsam meine Hirnsynapsen verbrutzelt, nicht nur meine Kleidung, sondern auch die Stimmung luftiger und lockerer wird und die Strandliege oder Picknickdecke kurzerhand zur Open air-Leselounge umfunktioniert werden, dann fällt unter Garantie irgendwann auch ein Satz, der in etwa so geht: „Ich kann jetzt nur was Leichtes lesen!“ Denn nicht nur mein Magen ist jetzt nur aufnahmefähig für frischen Blattsalat und kühles Minzsorbet statt Currywurst und Browniebomben, sondern auch mein Gehirn möchte bei steigenden Temperaturen mit weniger Schwerem gefüttert werden. Das heißt aber nicht, dass die leichte Sommerlektüre auch total gehaltlos sein muss. Der Intellekt darf gerne sinken, aber nicht das Niveau. Also bitte verschont mich  mit „Shades of Gray“ und „Vollidiot“! Ich persönlich lese da lieber die Fernsehprogrammzeitschrift aus dem letzten Jahr oder den Verbraucherhinweis auf meiner Sonnenmilch-Flasche.

Kurzerhand bin ich mal an mein Bücherregal getreten und habe vier Schmöker herausgesucht, die ich ein wenig abseits des Mainstream als perfekte Sommerlektüre weiterempfehlen kann.

Sehnsucht nach Mee(h)r

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Silvia Avallone: Ein Sommer aus Stahl, dtv, 416 Seiten, 9,90 Euro

In der stechenden Junisonne wirken sie wie Leben und Tod, die sich anbrüllen: Das Mittelmeer und die Plattenbausiedlung der Stahlarbeiterstadt Piombino in der Toskana. Nur vier Kilometer entfernt und doch unerreichbar fern locken die weißen Strände von Elba. Eigentlich ein ziemlich trostloser Ort, doch die 13-jährigen Freundinnen Anna und Francesca sind so verdammt jung, schön und voller Erwartungen, dass ihnen die flirrende Tristesse der Eisenhüttenstadt um sie herum nichts anhaben zu können scheint. Einen Sommer lang verdrehen die Vorstadt-Lolitas allen den Kopf, wenn sie mit verrutschten Bikinioberteilen lachend aus dem Meer steigen, Hand in Hand wie Verlobte. Ihr Leben lang waren sie unzertrennlich. Doch dann verliebt sich Anna und es kommt zum Bruch. Danach geht jede ihrer Zukunft allein entgegen. Und jede verirrt sich auf ihre Weise.

Das elektrisierende Debüt von Italiens Shootingstar Silvia Avallone handelt von Freundschaft, Girl Empowerment, Erwachsenwerden, Hunger im Herzen, Sehnsucht nach Mee(h)r. Avallone experimentiert gern mit Perspektiven und Erzählformen, was das Lesen zusätzlich spannend gestaltet. Auch ihre Sätze sind wie Sommer und Stahl: Hitzig, flirrend, schwül und explosiv, dass es einen umhaut.

Geeignete Lektüre für: Traumtänzer, Lebenshungrige, Coming-of-Ager, Chicklit-Fortgeschrittene

Summer in the City

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David Byrne: Bicycle Diaries: Ein Fahrrad, neun Metropolen, S. Fischer, 363 Seiten, 19,95 Euro

Seit den Achtzigern bewegt sich David Byrne, Sänger der Talking Heads, wann immer es geht, auf dem Drahtesel durch seine Heimatstadt New York. Damals galt Radfahren noch als voll uncool. Als Byrne dann aufs Klappfahrrad umsteigt, fängt er an, auf seinen Musiktourneen auch andere Städte auf zwei Rädern zu erkunden. Seine Erlebnisse, Gedanken und Ideen, die ihm bei diesen Fahrradausflügen durch den Kopf geschwirrt sind, hat er in seinen Bicycle Diaries festgehalten. Egal ob Berlin, Sydney oder San Francisco: Byrne ist ein feinfühliger Beobachter, der die verborgensten Zusammenhänge zwischen einer Stadt, ihrer Architektur, dem Straßenleben oder Schaufensterauslagen, und ihren Bewohnern sieht.

So sinniert er in Buenos Aires über den Namen seines Hotels im Distrikt Palermo und was dieser Name mit der Gentrifizierung und Kommerzialisierung der Bohème zu tun hat. In London wundert er sich, wie es dazu kommen konnte, dass das Modelabel Abercrombie & Fitch von einer „ehemaligen Bastion für spießige Freizeitkleidung zu einer Art homoerotischen Außenposten für Faschistenschick“ entwickeln konnte. Der Gedanke, dass Orte die Mentalität ihrer Bewohner, ihre Einstellungen und Träume beeinflussen können, fand ich aufregend und inspirierend. Da will man sich gleich selbst aufs Radel schwingen, um die Welt mal aus einer anderen Perspektive zu erkunden!

Geeignete Lektüre für: Städtereisende, urbane Helden, Frischluftfanatiker, Querdenker

Reise, reise 

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Katja Hentschel (Hrsg.): In High Heels um die Welt, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 288 Seiten, 9,95 Euro

In diesem Travelletes-Buch berichten zwanzig Weltenbummlerinnen von ihren aufregendsten, schönsten und skurrilsten Urlaubsabenteuern. Travelettes ist ein Online-Magazin, in dem sich Bloggerinnen aus der ganzen Welt über ihre Auslandserfahrungen austauschen und Reisetipps geben (allerdings auf Englisch). Gegründet wurde Travelettes von der Berliner Modefotografin Katja Hentschel, die selbst schon überall auf der Welt gelebt hat: San Francisco, Barcelona, Paris, London, New York. Katja liebt ihre High Heels, sie liebt es aber auch mit dem Rucksack zu reisen. Und anfangs glaubte sie immer, das sei ein Widerspruch. Bis sie  auf den Trichter kam, dass das eigentlich Quatsch ist. Wenn man gern Mädchen ist und zu Hause High Heels, Kleider oder Lippenstift trägt, dann kann man das auch in Peru oder Norwegen.

Diese kurzweilige Reise-Compilation ist die perfekte Lektüre, wenn man schon alle Zeitschriften von „Cosmo“ bis „Glamour“ am Strand durchgeblättert hat. Hier geht’s nicht darum, wo man in Sydney am besten shoppen kann oder welcher Nachtclub in St. Petersburg gerade angesagt ist, sondern die Geschichten sollen junge Frauen dazu inspirieren, vielleicht nicht immer nur mit dem Schatzi den Pauschalurlaub nach Malle zu buchen, sondern zum Beispiel auf eigene Faust mit dem Motorrad durch Italien zu düsen oder eine Dschungeltour durch den Amazonas zu wagen. Übrigens auch ein schönes Geschenk für die beste Freundin oder die kleine Schwester!

Geeignete Lektüre für: Fernweh-Infizierte, Reise-Amazonen, Bücher-Muffel und die Carry Bradshaws dieser Welt

Brothers in Crime

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Matt Burgess: Die Prinzen von Queens, Suhrkamp taschenbuch, 391 Seiten, 14,99 Euro

Der 19-jährige Kleindealer Alfredo aus Jackson Heights, Queens, ist kein harter Gangster. Am liebsten hängt er bekifft mit seinem besten Freund Winston, einem übergewichtigen Haitianer mit Haarausfall, friedlich im Park ab und reißt Sprüche. Aber wenn es ernst wird, kriegt Alfredo kalte Füße. In seinem Hirn hat er extra einen großen grauen Aktenschrank für seine Sorgen angelegt. Ganz oben auf der Paranoia-Liste: Sein großer Bruder Jose, der sich jetzt aus Glaubensgründen Tariq nennt, kommt morgen aus dem Knast. Alfredo hat ihn nicht nur beim letzten Einbruch hängen lassen, er hat sich auch in Joses Freundin Isabel verliebt, die jetzt ein Kind von ihm erwartet.

Aber Alfredo hat einen Plan: Ein Hundekampf Pitbull vs. Schäferhund und ein Drogenpäckchen mit Ecstasy als Willkommensgeschenk soll’s zwischen den beiden Brüdern richten. Nur dass Alfredo weder das eine, noch das andere besitzt. Bis jetzt. Matt Burgess hat einen flotten Gangsterroman jenseits aller gängigen Klischees geschrieben, in dem die Loser die Helden und die Gangster die Verlierer sind. Neurotisch, warmherzig, witzig.

Geeignete Lektüre für: Krimi-Fans mit einem großen Herzen für Outlaws, skurrile Geschichten und Möchtegern-Gangster

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Die Bilder sind übrigens im Dortmunder Westfalenpark bei mir um die Ecke entstanden. Was? Immer noch nicht in Sommerlaune? Dann bitte gaaaanz schnell diesen Song hören 🙂

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12 Kommentare zu “Vier Schmöker für den Sommer

  1. Schmunzel… Gott sei Dank sind noch ausreichend Hirnzellen übrig geblieben, um noch ein paar Buchempfehlungen aussprechen zu können… 😉
    Ich liebe den Sommer! Man(n) sieht so schöne…mhm…Blumen…das gefällt mir!
    Und das Buch von David Byrne, das könnte mir auch gefallen. Von den Talking Heads war ich immer ziemlich begeistert. Kennst Du den Film zu „Stop making Sense“? Wenn nicht, unbedingt ansehen! Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, daß von der Skurilität David Byrne’s auch etwas in seinem Buch durchschlägt und da hätte ich Spaß dran. Muss ich dringend mal anlesen. Bin sowieso grade mal wieder in meine Bibliothek mit Reiseliteratur eingestiegen… das passt zum Sommer.
    Und beim nächsten Mal möchte ich bitte auch ein Eis! Unerhört – das kann man ja gar nicht mit ansehen!
    Sommerliche Grüße von Stefan

    • Hallo Stefan, nein, den Film „Stop making Sense“ kenne ich leider nicht. Ich bin aber auch kein großer Talking Heads-Kenner. Mich erinnert David Byrne immer nur an Jim Jarmusch 😆

      Hast du denn vielleicht eine Empfehlung aus deiner Bibliothek zur Reiseliteratur für mich?

      • Ei sischer dat!
        Da fällt mir als erstes eines meiner absoluten Alltime-Favourites ein: „Blue highways“ von William Least-Heat Moon. Die highways sind nicht nur einsam, weil sie die hintersten Nebenstrassen Amerikas sind, sondern weil sie auch buchstäblich genau diese Farbe haben. In Williams altem Atlas (ich glaube von Rand McNally) sind die Nebenstrassen blau.
        Das Buch handelt von einer wahren Reise in das Herz Amerikas und in seine Hinterhöfe. Es öffnet Fenster in die Alltags-Welt der ländlichen Durchschnittsamerikaner und ganz nebenbei auch Einblicke in die Seele von William Least-Heat Moon, der in einer Lebenskrise steckt und deswegen seinen Alltag einfach spontan hinter sich lässt. Das Buch ist aber keineswegs depressiv, sondern es quillt über vor Leben und Lebensfreude – und das an Orten, wo man sie nicht vermutet. Für mich hatte das Buch nur einen Nachteil – ich war hinterher auf Entzug und es gibt von diesem Autor ansonsten nur englischsprachige Originalliteratur. „River Horse“ hab‘ ich dann auf englisch gelesen, aber mich manchmal doch recht schwer damit getan. Die bildhafte Sprache und die vielen alltagssprachlichen Ausdrücke brauchen eigentlich einen native speaker…
        Ansonsten kann ich noch sehr die Bücher von Redmond O’Hanlon empfehlen. Zum Beispiel „Redmonds Dschungelbuch“ oder „Kongofieber“. Als Sommerliteratur sehr geeignet, weil keine gehobene Literatur mit großem Anspruch, aber unglaublich witzig und unterhaltsam.Beides sind Reisebeschreibungen des Autors, der Literaturprofessor und Mitglied der Royal Geographical Society ist. Allein die Beschreibungen, wie er im Kongo einem Baby-Gorilla das Leben rettet und ihn anschließend als „Ersatzmutter am Bein hat“, hat mich Tränen lachen lassen. Das Buch bietet auch viele interessante Einblicke in den doch deutlich anderen kulturellen Hintergrund der Afrikaner. Alle drei Bücher sind für mich welche, die ich gerne nach Jahren noch einmal lese.

      • OMG, das klingt beides total spannend. Ich werde mir beide Autoren, sowohl William Least-Heat Moon (what a name!) als auch Redmond O’Hanlon, dick hinter die Ohren schreiben. Danke schööön!

      • Ja- cooler Name! Er hat zum Teil indianische Wurzeln. Ich bin mal gespannt, ob Du bei Gelegenheit Zeit findest. Falls es so sein sollte, gib mir bitte unbedingt Feedback. 🙂

  2. Was für ein schöner, unterhaltsamer Beitrag! Und du triffst damit ganz sicher den „Sommernerv“ vieler sonst so anspruchsvoller Leser ;).
    Im Übrigen: Ich wusste gar nicht, dass Dortmund so schön sein kann. Ich Ignorant!

    Für mich sind vermutlich die „Bicycle Diaries“ was, da ich eine der vielen bin, die Berlin mit dem Rad unsicher machen 😀

    • Liebe Laura, ich bin lieber zu Fuß als mit dem Fahrrad unterwegs, denn ich fürchte den Straßenverkehr – also chapeau für deine Unerschrockenheit! 🙂
      Jaaa, zwischen all dem Beton und Dreck gibt es tatsächlich auch ein schönes Dortmund: Datt zeigen die Leute hier nur nich‘ so gern, man hat ja nen Ruf zu verlieren 😆
      Übrigens: Ich liiiebe dein neues Profilbild!

      • Daaaaaannke schön für das herzliche Kompliment zu meinem Profilbild! Das ist ja lieb 🙂
        Ja, das Radfahren ist jedesmal eine Adrenalindusche – man muss immer aufmerksam sein und für die anderen „mitdenken“… aber bisher ist es immer gut gegangen *toitoitoi*

  3. Danke für deine Tipps! Ich fahre demnächst in den Urlaub und bin auch schon auf der Suche nach neuen Büchern zum schmökern. Und da ich viel und gerne lese, brauche ich so einige. ^^
    Ich denke das vorletzte Buch würde mich am meisten ansprechen. Weil ich halt auch irgendwie so eine reiselustige Person bin. 😉

    • Oh, wie schön! Es gibt doch kaum eine kribbeligere Vorfreude, als sich mit Büchern für den Urlaub einzudecken. Ich hoffe, du hast einen Ebook-Reader oder starke Muckis 😉 Wünsche dir eine superschöne Reise, namimosa!

  4. Was für ein schöner Park und eine zauberhafte Bücherelfe darin … Wer macht nur immer diese schönen Fotos bei dir, die so einen besonderen Zauber, eine eigene Aura versprühen …

    Übrigens – mein Sommerlektüretipp: „Nullzeit“ von Juli Zeh. —- heiße Sommernächte wünscht Katja.

    • Hach, Katja, das geht ja runter wie warmes Sonnenöl! Ich erröte gleich. Danke 🙂 Mein Liebster muss immer die Kamera halten. Es kommt dann leider immer zu recht großen Diskrepanzen zwischen dem, was ich mir vorstelle, und was er fotografiert. Aber wenn man nen Filter drüberhaut, sieht fast jedes Bild irgendwie künstlerisch aus 😉

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