„Ghostman“ von Roger Hobbs

IMG_20130723_152906[1]Noch vor gar nicht langer Zeit lebte Roger Hobbs von einer Tüte Ramennudeln am Tag und schlief in seiner unbeheizten Studentenbude auf einem Minisofa. 50 Manuskript-Seiten waren sein goldenes Ticket nach Hollywood. Die niedergeschriebene Eröffnungsszene seines Crime Thrillers Ghostman überzeugte sowohl Buchverleger als auch Filmproduzenten, die sich ruckzuck die Rechte sicherten. Jetzt kann der 24-jährige Newcomer vom Schreiben leben, was auch gut ist, denn er hat echtes Talent.

In „Ghostman“ geht es um perfekt choreographierte Banküberfälle im ganz großen Stil. Wobei die Story nach Aussage von Hobbs eher dem düsteren Heast-Movie „Heat“ als „Ocean’s Eleven“ nahe steht. Ausgangsidee ist, dass in jedem guten Panzerknacker-Team verschiedene Superprofis zusammenarbeiten: Der Jugmarker plant den Coup im Voraus, der Wheelman fährt den Fluchtwagen, der Boxman knackt den Safe, der Buttonman ist der Schläger der Truppe und der Ghostman, nunja, sein Geschäft ist das Verschwinden: „Ich kann eine Bank ausräumen und innerhalb von zwei Tagen verschwinden, sodass niemand weiß, dass es mich gibt.“  Er ist ein Meister der Tarnung, spielt hundert verschiedene Rollen, dealt mit gefälschten Pässen und Identitäten. Ein Ghostman hinterlässt keine Spuren, weil er sich die Haut an den Fingerkuppen weggebrannt hat, und ein Ghostman hat keine Telefonnummer, keine Adresse, kein Konto.

Jack ist der beste Ghostman im Geschäft. Natürlich heißt er nicht wirklich so. Im Laufe seines Lebens hat er hunderten Bankräubern bei ihrer Flucht geholfen. Bei einem Casino-Überfall in Atlantic City ist einer der Gangster aber bereits verschwunden – und mit ihm die 1,2 Millionen Dollar Beute. Es gab Tote, das FBI ermittelt, der flüchtige Bankräuber ist möglicherweise tödlich verletzt worden. Ein Totaldesaster. Jack schuldet dem Jugmarker, der den Deal geplant hat, noch einen Gefallen. Also macht er sich auf, das Diebesgut wiederzubeschaffen. Dafür bleiben ihm nur 48 Stunden, denn die Ware ist heiß: Nach Ablauf der Frist sprengt sich die Geldtasche selbst in die Luft. Genau das Richtige für Jack, der für den Adrenalinkick bei einem Job lebt, nicht für die Bezahlung.

Besonders beeindruckend an diesem Debüt ist, dass es sich nicht wie ein Debüt anfühlt. Roger Hobbs inszeniert so kühn, selbstbewusst und routiniert, als hätte er nie etwas anderes getan. Nicht alles, was sein Ich-Erzähler Jack hier an Gangster-Weisheiten raushaut, entspricht der Wirklichkeit (zum Beispiel gibt es keinen Verbrecherberuf wie den eines Ghostman), aber es kommt verdammt überzeugend rüber. Und so hat man im wahrsten Sinne des Wortes eine diebische Freude daran, Jack bei seiner Profiarbeit über die Schulter zu schauen. Er erklärt, was in eine gute Fluchttasche gehört („Ich habe selbst etliche davon, überall auf der Welt. Man sucht sich ein Versteck und hinterlegt dort das Allernotwendigste.“), wie man Falschgeld von echtem unterscheidet („Echtes Geld brennt mit orangegelber Flamme. Das ist einfach so.“) oder warum es sich nicht lohnt, vor einer Schrotflinte wegzulaufen („Nach wenigen Metern breiten sich diese Kugeln zu einer kleinen, tödlichen Wolken aus.“).

„Ghostman“ ist eine neoklassische Caper-Novel, die eigentlich alles hat: Eine ausgefeilte Story, Wa-Wa-Wumm-Action, coole Gangster und einen geschmeidigen Sprachstil. Ein echter Pageturner ist „Ghostman“ allerdings nicht. Das liegt daran, dass Jack nicht nur ein grandioser Schauspieler, Lügner und Hochstapler ist, sondern auch ein überdurchschnittlich guter Kämpfer, Schütze, Fahrer. Selbst in den brenzligsten Situationen zuckt er nicht mal mit der Wimper und der Leser tut es dementsprechend auch nicht. Klar, es ist sein Job, alles im Griff zu haben, sonst wäre er nicht der Beste. Allerdings hat man auch keine Angst, dass ihm etwas passieren könnte. Das bremst die Spannung leider erheblich aus. Ein bisschen weniger perfekt, hätte dieses Debüt also noch perfekter gemacht.

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4 Kommentare zu “„Ghostman“ von Roger Hobbs

  1. Auf den ersten Blick hat mir Ghostman auch gut gefallen und das Talent von Hobbs ist unbestritten. Aber auch ich finde, dass es dem Buch an irgendetwas fehlt. .
    Sehr schöne Besprechung.

    Besten Gruß
    Micha

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