„Hausverbot“ von Mariola Brillowska

IMG_20130731_131236Wo sie auftaucht, sorgt sie für Ärger. Vollblut-Künstlerin Lola Love ist eine weibliche Kinski-Reinkarnation: wild, manisch, hungrig, aufbrausend, provokativ, laut. Das einzige, wovor sie Angst hat, ist Stillstand. Ihr Motto lautet deshalb: „Lieber im Wirbel leiden, als im Stehen schlafen“. Und deshalb ist auch die einzige Konstante in Lolas chaotischem Leben, dass sie ständig und überall rausfliegt: Aus Kunstgalerien, Ateliers, Kaufhäusern, Wohnungen, Kneipen. In ihrem knallbunten Debütroman Hausverbot hat sich die deutsch-polnische Künstlerin Mariola Brillowska selbst ein Denkmal gesetzt.

Anfang der Achtziger flieht die 20-jährige Lola aus dem kommunistischen Polen nach Deutschland. Sie schafft die Aufnahmeprüfung an der Hamburger Kunsthochschule. Das Bewerbungsverfahren läuft folgendermaßen ab: „Am Lerchenfeld sollten die Bewerber für Freie Kunst am besten kein zeichnerisches oder malerisches Talent mitbringen. Sie sollten in die Bewerbungsmappe bloß keine Skizzen oder gemalte Bilder reinlegen. Willkommen waren dagegen Fotos, Schreibmaschinenseiten, Zettel mit kryptischen Konzepten, aufgeklebte Abfälle und Zeitungsausschnitte mit Politikerfressen, denen man ein Hitlerbärtchen verpasste.“ Schnell merkt Lola, dass die unangepasste Art der meisten Kunst- und Kulturschaffenden nur Show ist. Eine Show, die Lola nicht mitspielen will, nicht in der Kunst und nicht im wirklichen Leben. Abseits des Mainstream sucht sie ihren ganz eigenen Weg der Selbstverwirklichung. Nach und nach avanciert sie mit ihren Radio- und Bühnenshows, Orgien und „mobilen Fickkommandos“ zur schrillen Art-Entertainerin des Hamburger Undergrounds.

„Hausverbot“ fängt den Wahnsinn einer Frau ein, die sich mit Haut und Haaren der Kunst verschrieben hat. Es ist Mariola Brillowskas eigenes Leben, das ihr dabei als Vorlage gedient hat, auch wenn die Autorin das nicht so gerne hört. „Das ist kein Buch, um die Autorin Mariola Brillowska berühmt zu machen, die auch Künstlerin ist. Sondern das ist ein Roman über Lola, die ist ja ihre eigene Person“, betont sie. Die 1961 in Danzig geborene Brillowska ist bildende Künstlerin, Filmemacherin, freie Autorin, Musikerin, zudem war sie acht Jahre lang Professorin für Zeichnen und Illustration an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main. Ihre Arbeiten passen in kein gängiges Schema.  Vor allem ist Brillowska – wie sie mit diesem Buch beweist – ihre eigene Inspirationsquelle. Dabei stilisiert sie sich nicht. Ihre Andersartigkeit ist keine Pose, es ist ein natürlicher Zustand. Eine Tatsache, die ihr Alter Ego Lola im Buch erst lernen muss, zu akzeptieren: „Warum gab es ständig Ärger, wo ich hinkam, wo ich auftauchte, wo es sich um mich drehte? Ich glaubte nicht an Hexen, an Verschwörung, an Martyrium. Dennoch war eines klar: Meine Person polarisierte. Mein Temperament war anders als das meiner Mitmenschen.“

Im Herzen ihrer Leser bekommt Dramaqueen und Troubleshooterin Lola sicher kein Hausverbot. Trotz ihrer renitenten, fast asozialen Ader besticht sie durch einen pragmatischen Optimismus: Sie jammert nie, sie schaut stets nach vorn, sie ist auf Zack, „hat die Antennen an“. Sie ist auch (oder vor allem) Überlebenskünstlerin, chronisch pleite, immer kurz vor der nächsten Räumungsklage, im Clinch mit Lovern, Behörden und Kollegen. Tauschen möchte man mit so einer Romanheldin nicht, aber man bewundert sie und es wird nie langweilig mit ihr: Auf jeder einzelnen Buchseite passiert irgendwas. Dass Lola selbst in der ach so freigeistigen Kunstszene aneckt, ist auch als explizit bissiger Kommentar zu den Mechanismen des Marktes zu verstehen. Nicht umsonst ist heute von einer „creative industry“ die Rede.

Und so gerät der Roman auch zum schonungslosem und dabei brüllend komischen Bashing des zeitgenössischen Mikrokosmos Kunstbetrieb. Zahlreiche reale Personen finden hier wohlwollende oder kritische Erwähnung, darunter Leigh Bowery (peinlich oder cool?), Holger Hiller von der Band Palais Schaumburg, ein schüchterner Max Goldt, Claus Böhmler (cool!) und Jörg Immendorff (eindeutig peinlich!), der Lolas ganz persönliches Feindbild einer von Kommerz und Kapitalismus korrumpierten Kunst definiert: „Für mich war Immendorff der Dieter Bohlen der Kunst: ein selbstsüchtiger Populist und interessant höchstens für die Boulevardpresse. Er benahm sich genau so, wie die Nation sich einen Künstler vorstellte, arrogant, protzig, machohaft. Wäre er ein echter Künstler gewesen, hätten sich die Medien mit ihm gar nicht befasst. Er wäre eher ein Fall für den Psychiater gewesen.“

Doch bitte keine Berührungsängste vor so viel Anarchie, Subversion und Gegenkultur. Bei aller Liebe zum individualitischen Ausdruck ist „Hausverbot“ ein „ganz normal“ erzählter Roman, der auch nicht Kunstinteressierte ganz wunderbar bespaßt. Wer natürlich „irgendwas mit Kunst macht“, für den ist das hier natürlich unbedingte Leseempfehlung!

Angefixt von so viel subversiver Spielfreude lass ich heute NRFB (Nuclear Raped Fucked Bomb) das letzte Wort schrammeln. Die sind ebenso wie Mariola Brillowska in Hamburg verortet und killen jetzt mal schön ne Runde lang den Mainstream – haut rein, Boys and Girls!


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Ein Kommentar zu “„Hausverbot“ von Mariola Brillowska

  1. Na, da hast Du ja vielleicht eine Horde schräger Landsleute ausgepackt! :mrgreen:
    Das rockt!
    NRFB sind so schmerzfrei!
    Schaun wir doch mal, ob sie die passende Vorgruppe für dieses Buch abgaben… 😀

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