Der ultimative Comic-Quickie

Kein Bock auf zu viel Text in der Sommerglut? Lieber entspannt schöne Bildchen gucken statt durch Bleiwüsten krauchen? Kein Problem! Comics bieten die ultimative Literatur light-Variante!  Das Schöne dabei ist, dass Comics auch nostalgische Gefühle wecken. Sie erinnern an längst vergangene Kindertage, wo man sich bei Besorgungen mit den Eltern noch schnell im Supermarkt eine Mickey Mouse-Zeitschrift in den Einkaufswagen legen durfte, oder an verregnete Ferientage mit den Cousins oder großen Brüdern, von denen man sich die Marvel-Heftchen geklaut hat. Man konnte zwar die Buchstaben noch nicht richtig zusammensetzen, aber diese Geschichten lebten eh von dem Kampf und den Muckis ihrer Superhelden. Nimm dies, Schurke!

Es lohnt sich, den Comic wiederzuentdecken. Und dass nicht bloß als kurze Sommerromanze. Denn nicht nur wir sind erwachsen geworden, auch das Genre hat sich weiterentwickelt. Stichwort: Graphic Novel. Da ist für jeden Geschmack was dabei. Lest ihr überhaupt noch Comics?

Gestatten, hier kommt meine Top drei der aktuellen Saison.

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Olivia Vieweg: Huck Finn. Suhrkamp, 140 Seiten, 19,99 Euro

Huckleberry Finn ist der Inbegriff dessen, was man sich als Kind unter Freiheit, Abenteuer und Rebellentum vorgestellt hat. Eine ziemlich romantische, lausbubenhafte Vorstellung von wilder Natur, Wanderlust und einer Welt ohne Erwachsene. Dieses Lebensgefühl lässt Olivia Viehweg in ihrer modernen Adaption des Mark Twain Klassikers wiederaufleben.

huck finn 1Der 13-jähriger Huck raucht wie ein Schlot, flucht wie ein Rohrspatz, hört iPod und lebt in Halle an der Saale. Nachdem er vor seinem Penner-Vater geflüchtet ist, verhilft er der Zwangsprostituierten Jin zur Flucht, die aus dem Bordell „Mississippi“ geflohen ist. Die beiden wollen auf einem Floß über die Saale nach Hamburg schippern.

Olivia Viehwegs Zeichenstil wirkt mehr gemalt als gezeichnet, mehr mit dem Pinsel als mit dem Bleistift aufgetragen. Das passt unglaublich gut zu dem kindlichen Helden. Ein wenig erkennt man darin immer noch die Manga-Einflüsse der Macherin. Dazu wählt Vieweg eine braunrote Farbpalette, die unglaublich sommerlich-warm daher kommt. „Huck Finn“ kreiert dadurch eine in sich geschlossene, stimmige Welt, der man sich nur schwer entziehen kann oder möchte.

IMG_20130804_165222Archana Kumar, James Carr: Hipster Hitler, Dumont, 120 Seiten, 14,99 Euro

Er ist wieder da. Und er trägt Skinnyjeans und trinkt Club Mate. Im Netz ist Hipster Hitler bereits Kult. Jetzt hat der Dumont Verlag nach seeeehr langem Hin- und Hergeschiebe des Veröffentlichungsdatums den Webcomic in deutscher Printausgabe mit vielen exklusiven Inhalten herausgebracht. Mit ihrer genialen Idee ist es den beiden Machern Archana Kuma und James Carr gelungen, zwei Hassobjekte der Menschheit zu vereinen: den Ur-Nazi Adolf Hitler und die Fashion-Faschisten des Hipstertums.

hipster hitler 1Was Hipster sind? Das sind Großstadt-Kids, die freiwillig in der Schlange vorm American Apparel-Shop stehen, ihren Jutebeutel auch im Club tragen, vegane Cupcakes für ihren Blog fotografieren und deren Brillen nicht Retro sondern Vintage sind. Sprich, Menschen, die sich durch ihren elitären Non-Konformismus von der Masse absetzen wollen und gerade dadurch konform gehen. Hipster Hitler persifliert diesen Lifestyle in einer Mischung aus Sprach- und Bildwitz, Satire, schwarzem Humor und Anachronismus.

Hitler-Witze sind die neuen Häschen-Witze. Mag sein, dass nicht jeder über einen Führer lachen kann, der seinem Schäferhund eine glutenfreie Diät verordnet und auf seinem T-Shirts „Death Camp for Cutie“ oder „Grand Theft Autobahn“ stehen hat, aber ich finds einfach sauwitzig.

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Claudio Sanchez: Key of Z. Cross Cult, 128 Seiten, 18 Euro

Hauptberuflich ist Claudio Sanchez – was man vielleicht schon an seiner prachtvollen Haarmatte erahnen kann – Frontmann der Progressiv-Rock-Band Coheed & Cambria. Die vierteilige Miniserie „Key of Z“ ist nicht sein erster Comic, aber der erste, der es in die deutsche Übersetzung geschafft hat. Die Handlung spielt in einem postapokalyptischen New York, das von Zombies überrannt wurde. Die letzten Menschen haben sich in Sportstadien verschanzt. Zwei Gangsterbosse kämpfen um die Vorherrschaft in der Stadt. Bei einem dieser Kämpfe wird die Familie von Ewing getötet, der daraufhin zum Outlaw mutiert und Rache an den Gangsterbossen schwört.

key-of-z-1Das Zombie-Genre ist nicht totzukriegen. Im Gegenteil, seit dem Megaerfolg von „The Walking Dead“  erfindet sich die Szene sogar neu. Zwischenmenschliche Konflikte bringen eine neue Dynamik in das Erzählen. In „Key of Z“ ist der andersartige Erzählmoment vor allem die Musik. Ewing besitzt nämlich eine Mundharmonika, mit der er die Zombies kontrollieren kann. Was er für den Rachefeldzug gegen seine Feinde zu nutzen weiß.

Zugegeben, „Key of Z“ ist sehr amerikanisch. Sowohl was die cartoonhafte Optik angeht als auch die etwas melodramatische Rache-Geschichte, aber ich liebe einfach diese zerstörte Horrorästhetik! Charlie Kirchhoffs satte Farbwahl reicht von Violett über Neongelb bis Blutrot und Aaron Kuders Illustrationen sind lebendig und detailverliebt, sodass man auch nach mehrmaligem Blättern immer neue Kleinigkeiten in seinen Bildern entdeckt. Aber das Beste sind natürlich die Zombies, die hier „Schlurfwandler“, im Englischen „Sleeper“, heißen. Jeder Untote sieht anders aus, hat sozusagen eine eigene Persönlichkeit: verschiedene Verwesungsstadien, verschiedene Klamotten, an denen man unterschiedliche soziale Milieus ablesen kann – man merkt, dass alle Beteiligten in dieses Projekt viel ambitioniertes Herzblut reingesteckt haben.

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6 Kommentare zu “Der ultimative Comic-Quickie

    • Mein Favorit ist auch „Key of Z“. Man kann in Comics so schön die Welt untergehen lassen, weil es keine technischen und finanziellen Grenzen gibt wie bei Filmprojekten 🙂

  1. Ich habe ja noch nie gerne Comics gelesen, nicht mal als Kind und irgendwie wünsche ich mir sehr, Comics mögen zu können, aber wenn ich sie dann im Buchladen aufschlage, fühle ich mich nur gleich wieder so erschlagen von den ganzen Bildern … vielleicht werde ich aber demnächst noch einen Versuch starten, mich einem Comic anzunähern. 🙂

    • Liebe Mara, ich glaube, es lohnt sich, in die bunte Welt der Comics hineineinzuschnuppern. Vielleicht sind Graphic Novels mit einem stärkeren erzählerischen Ansatz ja was für dich. Und wie du siehst, gibt es ja auch literarische Figuren wie Huckleberry Finn zu entdecken 😉 Lg, Karo

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