„Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker

IMG_20130809_194427Es war DIE Literatursensation des Jahres 2012 in Frankreich. Der unbekannte Schweizer Joël Dicker wollte ein Buch schreiben, das „von allen gelesen werden kann: von den anspruchsvollen Lesern […] und von solchen, die gar nicht gern lesen„. Mit seinem Kleinstadt-Krimi Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist dem 28-Jährigen dieses fulminante Kunststück gelungen. In Frankreich stand sein Roman über Monate auf Platz 1 der Bestsellercharts, hat mehrere Preise abgeräumt und wurde bereits in 30 Länder verkauft. Auch in Deutschland wird man diesen Herbst wohl kaum an „Harry Quebert“ vorbeikommen. Denn Joël Dicker hat die Zauberformel für Bestseller gefunden.

Marcus Goldman ist gerade mal dreißig und schon ein gefeierter Literaturstar. Gleich von seinem ersten Roman hat er eine Millionen Exemplare verkauft. Er zieht in ein New Yorker Loft, datet ein TV-Sternchen, flaniert über rote Teppiche und wird auf der Straße erkannt. Als sein Verlag jedoch noch vor den Präsidentschaftswahlen im September einen Nachfolge-Hit erwartet, erwischt Marcus eiskalt die Schriftstellerkrankheit: Er kriegt literarische Ladehemmungen und bringt keinen vernünftigen Satz mehr auf’s Papier. Verzweifelt wendet er sich an seinen alten Mentor und Freund Harry Quebert. Der eremitierte Uniprofessor hat selbst mit seinem Liebesroman „Der Ursprung des Übels“ in jungen Jahren einen modernen Klassiker verfasst und wird seitdem als „Die Feder Amerikas“ verehrt.

Doch bevor er Marcus aus seiner Krise helfen kann, sitzt Harry plötzlich selbst in der Patsche. Auf seinem Anwesen Goose Crove in der neuenglischen Kleinstadt Aurora wurden die sterblichen Überreste von Nola Kellergan gefunden. Ein 15-jähriges Mädchen, das im Sommer 1975 verschwunden ist. Als dann auch noch rauskommt, dass Harry damals eine Affäre mit dem blutjungen Teenager hatte, ist der Skandal perfekt. Harry droht die Todesstrafe. Aber was ist vor 33 Jahren wirklich geschehen? Marcus macht sich auf Spurensuche in dem verschlafenen Nest Aurora, um die Wahrheit im Fall Harry Quebert herauszufinden. Ein Fall, der den perfekten Erzählstoff für seinen neuen Bestseller liefert.

„Harry Quebert“ ist eine gewitzte Buch-im-Buch-im-Buch-Inszenierung, die ganz wunderbar ineinander greift. Auf dem Rückumschlag steht in großen Lettern: „Niemand kannte ihn, und dann schrieb er das erfolgreichste Buch des Jahres“. Bewusst wird dabei offen gelassen, ob sich diese Aussage nun auf Joël Dicker, Marcus Goldman oder Harry Quebert bezieht. Das geschickte Spiel mit den Metaebenen wird auch auf dem Buchcover fortgesetzt. Eine weiße Fläche hinter deren Riss sich eine zweite Welt auftut, die einen Ausschnitt aus dem Gemälde „Portrait of Orleans“ von Edward Hopper zeigt. Jener Künstler, der berühmt für seine Darstellungen amerikanischer Alltagsszenen ist, in denen sich die Einsamkeit des modernen Menschen widerspiegelt. Auch in Joël Dickers Roman sind die Figuren unglückliche Einzelgänger, allen voran Marcus und Harry, die besessen von Ruhm und Anerkennung vergessen haben, zu leben. Aber auch die anderen Bewohner von Aurora kämpfen mit ihren inneren Dämonen und verstecken ihre ganz eigenen Leichen im Keller. Mit dem Blick hinter die saubere Fassade wird aus dem Kleinstadtkrimi gleichzeitig ein satirisches Amerika-Portrait.

Man merkt, dass sich Joël Dicker mit jeder Faser seines Könnens der Zufriedenstellung seines Publikums verschrieben hat, ohne sich dabei anzubiedern. Dafür hat er seinen Schreibstil ganz bewusst an die Kritiken und Anregungen angepasst, die er von Lesern für seinen ersten Roman bekommen hat, schreibt er auf dem Verlagsblog. Auf diese Weise ist es ihm tatsächlich gelungen, einen flüssigen, locker-flockigen Erzählton zu treffen, der sowohl anspruchsvolle als auch weniger anspruchsvolle Leser zufrieden stellen sollte. Dadurch ist „Harry Quebert“ im allerbesten Sinne ein Buch für die Massen geworden, das es sogar noch schafft, sich selbst aufs Korn zu nehmen, indem es immer wieder die Bestseller-Manie des Literaturbetriebs parodiert, vor allem in Marcus Telefonaten mit seinem New Yorker Verleger: „Schreiben heißt abhängig sein. Abhängig von denen, die Ihre Bücher lesen oder eben nicht. Freiheit ist gequirlter Schwachsinn! Niemand ist frei.“ Durch so viel ironische Selbstreflexion hat Joël Dicker sein Werk beinahe unantastbar gemacht.

Beinahe. Denn auch wenn ich tief beeindruckt bin von so viel taktischem Geschick und Beschwingtheit, gibt es ein paar sehr unschöne Baustellen im Roman, wo Dicker vor den Augen der Leser an seine erzählerischen Grenzen stößt. Die Passagen, die sowohl aus Harrys als auch Marcus angeblich so brillanten Bestsellern zitieren, sind so grottenschlecht zusammengeschustert, dass ich regelrecht peinlich berührt war. Zudem finden sich im Mittelteil so viele inhaltliche Redundanzen, wie man sie sonst nur aus Dan Brown-Büchern kennt. Kein Wunder, dass durch ständiges Drücken der Replay-Taste über 700 Seiten geworden sind. Hier hätte man als Lektor getrost mal zum Rotstift greifen können. Die Belohnung wartet dafür auf den letzten 200 Seiten: Durch ein spannendes Finale mit blitzschnellen Drehungen und Wendungen, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Wie lautet die letzte der 31 Regeln, die Harry seinem gelehrigen Schüler mit auf den Weg gibt, ach ja: „Das letzte Kapitel eines Buches, Marcus, muss immer das schönste sein.“ Ja, schön war’s! Bis zum Schluss. Chapeau, Monsieur Decker!

 

Eine weitere Leseempfehlung findet ihr hier bei Sophie von Literaturen.

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9 Kommentare zu “„Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker

  1. Puuh – vielleicht auf den Kindle downloaden… Da gibt’s „fast forward“…
    😀
    Irgendwie ist mir das Buch nun nicht sympatisch. Ich werde trotzdem mal reinschauen, wenn es mich aus dem Bestseller-Regal anspringt.

    • Oh je, Stefan, was hat dich denn so abgeschreckt? 😯 Ich wollte einfach nur ehrlich sein, aber es ist auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch!

      • Don’t panic, Caro! 😀 Du hast alles richtig gemacht! Aber das hört sich schon nach einem selbstverliebten Autor mit kommerzieller Schreibe an. Und jede Menge redundanter Passagen in der Mitte des Buches…na ja – meistens bin ich eher schnell von Kapée – so etwas nervt mich dann. Aber ich sag‘ ja – ich werde es trotzdem mal anlesen. Im Moment habe ich mich vor dem Urlaub ohnehin so eingedeckt, daß ich wohl einen Askari engagieren muss, um die Bücher mitnehmen zu können 😉
        Liebe Grüße!

      • Puah, also wenn du die „Lösung“ hier vorher errätst, dann zieh ich meinen Hut vor dir! Schönen Urlaub und heb dir keinen Bruch an deinem Büchergepäck! Ich denke, du hast nen Kindle?! 🙂

      • Jaaa, Kindle…
        Das ist so eine Sache. Ich finde, es liest sich richtig gut damit, nachdem ich mir „meine“ Zeichengröße, Schriftfont und Umbruch eingestellt habe. Und das Teil ist einfach unglaublich praktisch! Aber er läuft trotzdem manchmal meiner bibliophilen Ader entgegen. Es gibt Bücher – und nicht so wenige – die möchte ich einfach „haben“. Sie nur virtuell zu besitzen reicht mir nicht aus. Der haptische Aspekt ist für mich einfach nicht weg zu diskutieren. Bücher mit besonderem Papier, einem geprägten Einband, Illustrationen, etc. die kann ich doch nicht als Kindle-Version kaufen. 😦
        Und wenn ich schon ahne, daß ich ein Buch mehrfach lesen werde, dann möchte ich es auch im Regal stehen haben. Überhaupt, was gibt es Interessanteres, als in den Regalen nach einem Buch zu suchen, daß man mal wieder lesen möchte und dabei über weitere „alte Bekannte“ zu stolpern und sich plötzlich festzulesen oder dann doch mit einem anderen Schmöker aufzutauchen… Wie würde das mit einem Kindle aussehen?! 😆
        Und diesmal hat mich in der Buchhandlung sowieso irgendwie die Kaufwut übermannt… Bücher, die ich durchaus auf dem Kindle hätte lesen wollen, sind dennoch im Jutebeutel gelandet. :mrgreen:
        Da heisst es jetzt also „schleppen“. Aber wir fliegen diesmal nicht, sondern fahren mit dem Auto in die Bretagne – der Transport bleibt also nicht wirklich an mir hängen… 😉

      • Ich verstehe sehr gut was du meinst – ich bin auch ein analoger und taktiler Mensch, muss ständig Stoffe und Materialien anfassen, um sie „zu begreifen“. Im Idealfall sind Bücher Gesamtkunstwerke, die durch Größe, Gewicht, Illustrationen, Umschlaggestaltung etc. eine Botschaft oder zumindest eine Stimmung vermitteln.
        Im Spätsommer in die Bretagne klingt wundervoll. Ich wünsche euch eine mußevolle Zeit!

    • Liebe Brunnenwächterin! Harry Quebert ist in der Tat sehr viel mehr als ein schnöder Krimi. Der Roman sprengt eigentlich jegliche Genregrenzen. Er ist Liebesromanze, Entwicklungsgeschichte, Amerika-Portrait, Schriftstellerroman und das funktioniert zusammen ganz wunderbar. Du wirst sicher deine helle Freude daran haben 🙂 Lg, Karo

  2. Ich lese das Buch gerade und fühle mich ausgesprochen gut unterhalten, auch wenn es für mich bisher noch nicht der ganz große literarische Entwurf ist … ich bin gespannt, wie sich das Buch weiterlesen lassen wird! 🙂

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