Interview zu „DZ“ mit Selim Özdogan

IMG_20130821_135546Diese Woche habe ich Selim Özdogan zum 1LIVE-Interview getroffen. Am heimischen Küchentisch in Köln habe ich ihn zu seinem neuen Roman DZ ausgequetscht. Ich werde nicht dafür bezahlt, wenn ich sage, dass sich dieses Buch vom Einheitsbrei der Herbstneuerscheinungen sehr, sehr positiv abhebt! Nicht nur wegen seines psychedelischen Buchumschlags, dessen Rücken sich, wie Selim auf dem Bild demonstriert, super im Regal macht.

Es geht um ein faszinierendes Gedankenexperiment, verdammt nah an der Realität, aber dennoch in der Zukunft spielend, eine Utopie über Freiheit und Überwachung in Zeiten des Internets. Für mich trifft die Geschichte damit den Nerv der Zeit. Im Mittelpunkt stehen die Brüder Damian und Ziggy, die in zwei verschiedenen Welten leben: Ziggy in Europa, wo das Leben strikt durch Gesetze reglementiert ist, und Damian in der DZ, einem Land in Südostasien, wo grenzenlos Drogen konsumiert werden dürfen. Weil ihre Mutter im Sterben liegt, versucht Ziggy nach Jahren Kontakt zu seinem Bruder aufzunehmen. Dabei verliert er sich immer mehr in verbotenen Drogenforen im Netz und gefährdet damit seine Karriere als angesehener Schlafforscher. Währenddessen stößt Damian in der DZ auf eine neuartige bewusstseinserweiternde Substanz, von der große Gefahr ausgeht.

Selim, wie kommt man darauf über ein Land zu schreiben, wo absolute Drogenfreiheit herrscht? Ist das Wunschdenken von dir und wenn ja, bist du aus dem Alter nicht raus?

Ich bin Autor, sitze den ganzen Tag am Schreibtisch und denk mir das nur aus. Ich nehme keine Drogen! Das hat doch strafrechtliche Konsequenzen. Nein, im Ernst: Grundsätzlich ist ein Interesse für veränderte Bewusstseinszustände bei mir schon sehr lange vorhanden. Ich glaube nicht, dass das ein Alter ist, aus dem man rauswächst. Manche Menschen sind einfach so. Die Idee über einen Staat zu schreiben, wo Drogen legal sind, liegt auch gar nicht so fern. Es gibt ja viele Legalisierungsbefürworter. In den letzten zwei, drei Jahren darf man das auf einmal sagen. Man darf sagen: Der Krieg gegen Drogen hat offensichtlich nicht funktioniert. Man muss sich neue Konzepte überlegen. Der Roman ist nicht ein Beitrag zu dieser Diskussion, aber die Frage für mich war: Wenn wir legalisieren, was passiert dann?

Ganz ohne Restriktionen geht’s aber auch in der DZ nicht. Dort wird der Drogenhandel von drei konkurrierenden Pharmaunternehmen kontrolliert…

Dass man auch legalen Drogenkonsum gewissen Regeln unterwerfen muss, ist soweit okay. Die Frage ist: Wer profitiert davon? Heute kriegt die organisierte Kriminalität das Geld. Das wollen wir nicht. Aber die Frage ist: Wer dann? Weil derjenige, der das Geld mit Drogen macht, der hat auch Macht. In Amerika sieht es ja gerade so aus, als ob zumindest in den Staaten, wo Cannabis legalisiert wird, es Leute mit Ambitionen gibt, der Starbucks des Marihuanas zu werden. Bedenkliche Entwicklungen. Monopole, Geld und Macht führen zu nichts Gutem, das wissen wir eigentlich. Eine Möglichkeit wäre auch zu sagen, es gibt keine bunten Verpackungen, keine Produktnamen und keine Werbung.

Aber so funktioniert Kapitalismus nicht…

Genau. Deshalb glaube ich, damit es ein funktionierendes Drogenmodell gibt, müssten wir es vom Kapitalismus entkoppeln. Dass der Staat etwas verändern kann, sehen wir beim Rauchen. Aber wir brauchen eine unabhängige Instanz, die das reguliert. Für mich ist die Frage: Wie kann man das entkoppeln? Verstaatlichen wäre eine Möglichkeit.

Ist dir eigentlich klar, dass dein Roman Bock auf den Konsum von Drogen macht?

Ja, dass das passieren kann, ist mir klar. Aber erstens können auch Bücher, die vor Drogen abschrecken sollen, Bock auf Drogen machen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Das hängt auch vom Leser ab. Das andere ist, in einer Welt, wo Fußball von Alkohol gesponsert wird, kann ich auch ein Buch schreiben, das Bock auf Drogen macht.

Vielleicht liegts auch daran, dass deine Protagonisten so vernünftig und normal wirken, nicht wie Junkies…

Die Drogenberichterstattung ist grundsätzlich etwas komisch. Es wird ja nicht besonders sachlich darüber diskutiert, sondern das Thema ist auch immer emotional besetzt. Das allgemeine Bild scheint zu sein, das ist was schlechtes, man kann keinen vernünftigen Umgang damit finden, das machen keine klugen Leute, das führt immer zur Sucht und so. Wir habe Gegenbeispiele. Ein paar davon kommen auch im Buch vor. Wenn du LSD sagst, heißt es gleich: Menschen springen aus dem Fenster, weil sie glauben, sie können fliegen. Niemand sagt: Ah, Steve Jobs hat das genommen oder Francis Crick, das ist der Typ, der die DNA entdeckt hat. Es gibt auch Menschen, die trinken Alkohol und denken danach, sie könnten Auto fahren. Es ist ja auch kein Partybuch, wo das abgefeiert wird. Sondern, es ist auch der Versuch, Normalität darzustellen. Leute, die damit umgehen können. Es liegt auch eine Willkür darin, wie wir zwischen legalen und illegalen Drogen oder Medizin unterscheiden.

In deiner Geschichte geht es um wmk, eine fiktive Droge, unter deren Einfluss man jede Sprache verstehen kann. Wäre das deine Traumdroge als Schriftsteller?

Ich bin gar nicht selbst auf die Idee gekommen. Ich habe das zum ersten Mal bei Jeff Noon gelesen, dass man einfach Drogen erfinden kann. Ob wmk meine Lieblingsdroge wäre, weiß ich nicht. Klar, ich bin Schriftsteller, ich bin mit Worten beschäftigt. Aber Sprache ist ja nicht nur der Klang, sondern Rhythmus, Melodien. Das Schöne am Schreiben ist, dass man machen kann, was man möchte. Diese Freiheit als Schreiber mit der Freiheit zusammenzubringen, die veränderte Bewusstseinszustände mit sich bringen, ist so, als erfinde ich mir einen neuen eigenen Bewusstseinszustand. Es ist eine Reise, die im Kopf stattfindet. Dann macht es auch keinen Unterschied, ob man es wirklich nimmt oder zu Hause sitzt und darüber schreibt. So wie im Traum: Wenn ich im Traum meine Droge nehme, hat das überhaupt keine Konsequenzen für mich, aber es ist trotzdem toll. Das Gefühl ist trotzdem da.

Die Realität des Internets, wie sie in deinem Buch dargestellt wird, ist mehr oder weniger aktuell. Man hinterlässt digitale Spuren und Geheimdienste, Behörden und Konzerne lesen fleißig mit. Wurde dein Roman von der Realität eingeholt?

Nein, das ist so nicht richtig. Diese Realität gab es schon zu der Zeit als ich den Roman geschrieben habe. Nur ist sie jetzt für alle Leute sichtbar. Dass beispielsweise Emails wie Postkarten gelesen werden können, ist ja keine neue Entdeckung. Und wenn diese Informationen vorhanden sind, ist es auch keine große Überraschung, dass sich die auch jemand abgreift. Kurz vor den Enthüllungen rundum das NSA-Abhörprogramm wurde in Deutschland das Bestandsdatengesetz verabschiedet. Das hat keinen wirklich interessiert. Dann wurde diese NSA-Sache publik und es hieß plötzlich: Moment, wir wollen unsere Daten schützen! Ich versteh nicht, was da passiert ist. Die Leute haben das vorher jahrelang verpennt und sich überhaupt nicht darum gekümmert. Jetzt liegt auf einmal das Augenmerk darauf und es entwickelt sich offensichtlich ein Bewusstsein dafür.

Traurig, aber vielleicht besser spät als nie. Vielen Dank, Selim, für das Gespräch!

Oh je, und wenn ihr jetzt glaubt, es gehe in dem Roman tatsächlich nur um Drogen, dann ist dieser Eindruck leider den einseitig bohrenden Fragen der Interviewerin geschuldet. Tatsächlich erzählt „DZ“ eine extrem vielschichtige Geschichte über Familie, Liebe, Heimat, Identität, Menschlichkeit und Freiheit. Selim Özdogan schreibt in einfachen Worten von komplizierten Theorien. Seine Sprache ist fein nuanciert und seine Figuren echter als das Leben selbst. Ein Volltreffer!

Mehr Infos gibt’s unter wmk.to

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