Einer der Guten – zum Tod von Wolfgang Herrndorf

Ich bin gerade traurig. Sehr traurig. Und geschockt. Gerade habe ich eine Pressemitteilung vom Rowohlt Verlag in meinem Mailfach gelesen. Nur zwei Sätze: „Wolfgang Herrndorf ist in der Nacht auf den 27. August 2013 im Alter von 48 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Wir trauern um unseren Autor.“

Ich erinnere mich sofort an eine Szene aus meinem frühen beruflichen Journalistenleben, für die ich mich unendlich schäme, aber die ich trotzdem erzählen möchte. Vor einigen Jahren, als Wolfgang Herrndorfs Road-Novel „Tschick“ rausgekommen ist, wollte ich unbedingt ein Interview mit ihm führen. Ich hatte gerade beim Radio angefangen, keine Ahnung von Nichts und wollte meinen Job aber ganz besonders toll machen. Also habe ich den Autor damals regelrecht genötigt, mir ein Telefoninterview zu geben, das ich total stümperhaft mit meinem Diktiergerät über die Freisprechanlage aufgenommen habe. Total peinlich. Die Tonqualität war Schrott. Das Interview für die Katz. Ich erinnere mich an diese leise, schüchterne Stimme und wie Wolfgang Herrndorf ins Telefon sagte: „Ich bin so müde.“ Damals wusste ich nicht, dass der Mann unter einem inoperablen Gehirntumor leidet, seine Diagnose tödlich ist, und er vielleicht sogar gerade in dieser Zeit Medikamente nehmen musste. Ich dachte gereizt: „Was nimmt der denn für Drogen?“ und habe seinen Satz einfach nervös und etwas zu schrill weggelacht. Heute könnte ich mich dafür ohrfeigen. Warum habe ich ihn nicht gefragt, ob es ihm nicht gut geht? Warum habe ich nicht einfach gesagt, dass ich jetzt nicht weiß, wie ich damit umgehen soll? Ich glaube, damals wollte ich einfach nur schnell meinen O-Ton haben. Der Mensch dahinter hat mich gar nicht interessiert. Das war dumm. Und eine verschenkte Chance. Heute schaue ich genauer hin und glaube, das würde mir nicht mehr passieren.

Danach habe ich das Schreiben von Wolfgang Herrndorf eifrig verfolgt. Ich habe mich durch seinen Blog geklickt, auf dem er über das Leben mit seiner Krankheit geschrieben hat, ich habe für ihn und seinen Agenten-Thriller „Sand“ bei der Preisverleihung der Leipziger Buchmesse mitgefiebert und noch das ein oder andere Radiostück über ihn gemacht. Gerade „Sand“ fand ich herausragend gut. Ich hatte wirklich das Gefühl, hier schreibt einer um sein Leben. So war es ja auch. Und ich kriege gerade ein Gänsehaut, wenn ich das schreibe. Wolfgang Herrndorf war einer von den Guten. Einer, der spielend leicht das Genre wechseln konnte, unter dessen Vorstellungskraft sich Leichtigkeit in Schwermut und Melancholie in ein Leuchten verwandeln konnte. Vielleicht weil er die fatale Komik des Lebens besser kannte als andere. Was nicht bedeuten soll, dass seine Krankheit ihn auf irgendeine Weise als Schriftsteller priviligiert hätte. Aber er hat durch das Schreiben einen Weg gefunden, dagegen anzuschreiben und ich bin ihm unglaublich dankbar, dass ich als Leser seiner Romane daran teilhaben durfte.

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7 Kommentare zu “Einer der Guten – zum Tod von Wolfgang Herrndorf

  1. Ja – der Tod gehört zum Leben der Menschen hinzu. Aber nicht selten ist er wahllos und auch ungerecht.
    Es scheint, als müssten wir alle diese Erfahrung früher oder später machen.
    :-/

    • Da hast du sicher recht. Aber dass das Leben einem so übel mitspielt. Ein Tod auf Raten…und dann als Schriftsteller auch noch ein angegriffenes Gehirn. Das ist echt ein schlechter Scherz vom Leben.

      • Das sehe ich auch so.
        Einer der Gründe, warum ich als agnostischer Atheist durchs Leben gehe…aber das macht ein neues Fass auf und gehört nicht hierher.
        Meinen Vater hat das Leben ähnlich eiskalt erwischt.
        Und so viele Arschlöcher (Tschuldigung) werden alt wie Methusalem und verbreiten Bösartigkeit. Es gibt keine oberste Instanz für Gerechtigkeit im Leben.
        Eigentlich seltsam, daß ich trotzdem als ausgeprägter Optimist durchs Leben gehe… 😯

      • Mhm – ich denke eher, daß man dazu geboren wird. Oder eben nicht. Aber sicherlich kann das Wissen darum einem Pessimisten auch mehr Lebensfreude schenken, wenn er oder sie denn bewusst lebt.
        Liebe Grüße von Stefan

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