„F“ von Daniel Kehlmann

IMG_20130901_104153Im lang erwarteten Familienroman F von Bestsellerautor Daniel Kehlmann spielt ein Hypnotiseur Schicksalsgöttin und schenkt dem Vater ein besseres Leben, während seine drei Söhne es weniger gut treffen. Aber können wir nicht alle selbst über unser Glück entscheiden?

Es erinnert an den berühmtesten Romananfang aller Zeiten aus Leo Tolstois „Anna Karenina“, der da geht: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Bei Daniel Kehlmann klingt das dann so: „Jahre später, sie waren längst erwachsen und ein jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.“ Tatsächlich schreit alles im ersten Kapitel von Kehlmanns neuestem Streich nach großer Weltliteratur. Der 38-jährige Deutsch-Österreicher fährt alle literarischen Geschütze auf, wenn er mit feiner Ironie, entlarvender Menschenkenntnis und Verve in seine Hauptcharaktere einführt.

Da ist Vater Arthur, der Romane schreibt, die kein Verlag druckt und seiner Frau lieber das Geld verdienen überlässt. Martin, der uneheliche Sohn, der sich wie das fünfte Rad am Wagen fühlt, aber die gemeinsamen Ausflüge mit seinem Vater und den zwei Brüdern zu den schönsten Nachmittagen seines Lebens zählt. Und die eineiigen Zwillinge Eric und Iwan, „gefangen im Rätsel ihrer Verdopplung“, die sich häufig in den Gedanken und Träumen des anderen wiederfinden. Zusammen besuchen sie die Hypnoseshow „Der große Lindemann“. Am Ende entlockt der selbsternannte Meister der Hypnose Vater Arthur nicht nur das Geständnis, unglücklich zu sein, sondern redet ihm ein: „Von heute an bemühst du dich. Egal, was es kostet. Egal, was es kostet. Wiederhole!“ Noch am selben Tag macht sich Arthur vom Acker. Viele Jahre werden vergehen, bis seine Söhne ihn wiedersehen. Da ist der Vater schon ein berühmter Schriftsteller, dessen Bücher auf der ganzen Welt bekannt sind.

In den folgenden Kapiteln, die jeweils aus der Sicht einer der erwachsenen Söhne erzählt wird, verliert sich die energische Zugkraft des Prologs ein wenig. Martins Kapitel ist noch voller Stringenz: Aus ihm ist ein fettleibiger Pfarrer geworden, der sogar noch während der Beichtabnahme heimlich in sein Snickers beißt. In Erics Passage wird’s dann schon surreal. Aus ihm ist ein Finanzbanker geworden, dem nicht nur seine Klienten im Nacken sitzen, sondern auch Dämonen. In einer kafkaesken Szene irrt er durch die Kellerräume seines Hauses, die immer tiefer führen, und so langsam fällt es schwer, zwischen (Alp)traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Noch tiefer in die Abgründe der menschlichen Seele führt dann nur noch Iwans Erzählpart. Offiziell verwaltet er das Œuvre des verstorbenen Künstlers Eulenböck. Inoffiziell malt er die neoklassizistischen Werke von Eulenböck in seinem Geheimatelier selbst. Iwan gerät in eine Messersticherei und während er über Buchseiten dahinstirbt, lädt sich die Atmosphäre immer knisternder mit Bedeutung auf. Was aber genau für eine Bedeutung dahintersteckt – eigentlich hinter dem ganzen Roman – lässt sich nur mit viel Ausdauer und Mühe herausfinden. Oder gar nicht.

Es ist kompliziert und aufwendig die verstrickten Motive und Themen von „F“ auseinanderzuklamüsern, die alle um das Gegensatzpaar Zufall – Schicksal kreisen. Für den gewöhnlichen Leser ist es geradezu eine Zumutung und eine Unmöglichkeit. Kann man z. B. vom Rezipienten verlangen, ein Buch zweimal zu lesen, damit sich jede Vorausdeutung auch erschließt? „F“ ist ein Roman geschrieben für das Bildungsbürgertum, für die Textinterpretation in Vorlesungsäalen, Literatursalons und im Feuilleton – vielleicht auch für Kritikerpreise wie den Deutschen Buchpreis.

Natürlich kann man sich selbst von der Interpretationswut freimachen und einfach nur Kehlmanns geistreiche Sprache und stilsicheren Kompositionen genießen, aber das wäre eine ziemlich unbefriedigende und auch unangemessene Lesart. Gleichzeitig habe ich mir die Frage gestellt: Klingt nicht jeder Satz irgendwie poetisch, wenn ich schreibe „Nass ist mein Hemd“ anstatt „Mein Hemd ist nass“? Manchmal ist es sicher schwer, Daniel Kehlmann zu sein. Wenn jeder deine Tricks und Kniffe auseinanderpflückt und bekrittelt, weil du der Hoffnungsträger des guten literarischen Geschmacks bist. Vielleicht lächelt der Gute deshalb nie auf Pressefotos. Bevor nun der Eindruck entsteht, ich hätte nur zu Mäkeln, möchte ich betonen, dass ich es äußerst gut finde, dass sich Kehlmann traut, elitäre Literatur zu schreiben, für ein Publikum, das schon alles gesehen hat. Ich vermute, an diesem Roman werden sich die Meinungen scheiden. Mir schwirrt jedenfalls von so viel Gehirnyoga der Kopf. Aber das sorgt ja für einen beweglichen Geist und das ist gut so.

Hier könnt ihr auch meine Rezension auf 1LIVE.de nachlesen. Klick!

 

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2 Kommentare zu “„F“ von Daniel Kehlmann

  1. Liebe Karo, oje! Dieser Roman steht mir noch bevor: Schon die Stimmen in den Feuilletons haben meine Vorfreude gehörig gedämpft, und nun bestätigst du meine Befürchtungen. Sieht so aus, als hätte ich mir mit Meyer, Jirgl und Kehlmann die literarischen Problemfälle ins Haus geholt, nur noch der Lektüre von Mirko Bonné schaue ich halbwegs ‚furchtlos‘ entgegen.
    Dennoch: Ich bin gespannt auf F. Kehlmanns Vermessung der Welt mochte ich – ein gelungenes Stück niveauvoller Unterhaltungsliteratur (oder andersherum: unterhaltsamer E-Literatur) -, mit Ruhm hatte ich schon so meine Schwierigkeiten. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Kehlmann mit Macht etwas Groß(artig)es komponieren will und dabei verkrampft, indem er sich komplexer Erzähltechniken bedient, statt einfach nur seiner Geschichte und seinen Figuren zu vertrauen.

    • Liebe Caterina, keine Sorge: Du kannst auf jeden Fall gespannt sein und dich auch freuen auf den Roman! Aber vielleicht wird es dir wie mir gehen: Man kann einfach nicht aufhören, bereits während der Lektüre zu analysieren statt einfach nur zu genießen. Diese Suppe hat sich Kehlmann selbst eingebrockt durch seine hohen Ambitionen „etwas Gro(artig)es zu komponieren“ wie du selbst schreibst. Und das muss man dann als Leser mitauslöffeln, aber dennoch ist und bleibt Kehlmann einfach einer der besten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Lg, Karo

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