„Nenn mich einfach SUPERHELD“ von Alina Bronsky

IMG_20130911_171956Sind wir nicht alle in irgendeiner Form beschädigte Ware? Nur können die meisten von uns ihre Handikaps gut verstecken, weil sie innen  liegen. Blöd also, wenn sie wie bei Marek körperlicher Natur sind und für alle sofort sichtbar. In der superschrägen Außenseiterkomödie Nenn mich einfach SUPERHELD von Alina Bronsky geht es um einen Jungen, der sein Gesicht bei einem Unfall verliert (interessanterweise ein ähnliches Thema wie in Peter Stamms aktuellem Roman „Nacht ist der Tag“). Ein Rottweiler hat ihm nämlich das Gesicht zerbissen und seitdem ist er entstellt. Kinder spielen das berühmte Munch-Gemälde „Der Schrei“ nach, wenn sie ihn sehen, und die Mädchen stehen auch nicht mehr gerade Schlange. Dabei war Marek bis zu der Kampfhundattacke der Star einer Theatergruppe, sein Gesicht auf jede Eintrittskarte gedruckt. Jetzt versteckt er sich hinter einer dunklen Sonnenbrille und Hut oder bleibt lieber ganz bei geschlossenen Vorhängen zu Hause, um in seinem Pschyrembel eklige Krankheiten nachzuschlagen.

Bis zu dem Tag an dem seine genervte Mutter („Wenn du so destruktiv drauf bist, dann werde Profikiller. Das ist wenigstens eine gut bezahlte Tätigkeit.“) ihren Sohn unter falschen Vorwand zu einer Selbsthilfegruppe für behinderte Jugendliche schickt. In der „Krüppeltruppe“ trifft Marek unter anderem auf eine Tunte namens Kevin, den fetten Friedrich, dessen Organe sich von innen auflösen, den blinden Schönling Marlon und Janne, die im Rollstuhl sitzt und das einzige Mädchen der Runde ist: „Ich hatte noch nie eine derart märchenhafte Schönheit gesehen, mit solch grünen Augen, rabenschwarzen Haaren – und so traurig. Sie trug ein sehr langes Kleid mit feinen roten Blumen auf weißem Hintergrund, das ihre Beine bedeckte. Von mir aus hätte es auch kurz sein dürfen.“ Sofort ist Marek hin und weg. Doch Janne ist nicht so unschuldig wie sie auf den ersten Blick scheint, sondern hat’s faustdick hinter den Ohren. Sie ist „ein Rasiermesser in Blümchen und Rüschen“, die Marek geschickt gegen seinen gutaussehenden Konkurrenten Marlon ausspielt, der zwar nichts sieht, aber angeblich eine so feine Nase hat, dass er riechen kann, was andere gestern zum Frühstück gegessen haben. Janne zu Liebe lässt sich Marek darauf ein, auf eine gemeinsame Landfreizeit nach Marenitz mit den anderen zu fahren.

Alina Bronsky hätte jetzt etwas ganz Naheliegendes machen und eine Coming-of-Age-on the road-Story stricken können über plötzlichen Zusammenhalt in Schullandheimkulisse und nächtliche Geständnisse am Lagerfeuer bei Stockbrot. Im Grunde bahnt sich genau das auch zunächst an. Dann entscheidet sich Bronsky aber für etwas viel Cooleres und versetzt ihrer Handlung eine 180-Grad-Wende, die den Roman fast noch einmal von vorne beginnen lässt. Denn Marek bekommt eine SMS von seinem sechsjährigen Bruder, dem er vorher noch nie begegnet ist: „Marek unser Papa ist tod bitte kom schnel. Ferdi“. Mit diesem Cut verarbeitet Alina Bronsky übrigens Selbst-erlebtes: Der Vater ihres Romanhelden verunglückt auf ebenso tragische Weise tödlich in den Bergen wie der Vater ihrer eigenen Kinder im Jahr 2012.

Im zweiten Teil der Geschichte findet sich Marek daher plötzlich in einem spießig-schnieken Frankfurter Vorort wieder, in einer Trauergesellschaft bestehend aus seiner ukrainischen Stiefmutter Tamara – blutjung, sexy und heillos überfordert -, seiner eigenen Mutter, einer toughen, ausgezehrten Scheidungsanwältin, und natürlich dem kleinen Ferdi, der irgendwie griesbreiseelig nebenher läuft, und in dem Marek sein eigene Kindheit wiedererkennt, die gar nicht so schlecht war, wie er sich immer eingeredet hat. So wie sein ganzes Leben eigentlich gar nicht so schlecht ist. Aber bis zu dieser Erkenntnis dauert es noch ein Weilchen.

Ich habe diesen All-Age-Roman von der ersten Seite an ins Herz geschlossen und würde ihn am liebsten jedem unaufgefordert unter die Nase und zwischen die Augen reiben, weil er so toll ist. Alina Bronsky ist eine charmant-ätzende Gradwanderung aus John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ und Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ gelungen. Witzig, aber nicht plump, nachdenklich, aber nicht kitschig. Die Idee ist zwar nicht ganz brandneu, aber jede Pointe sitzt und wirklich jede der Figuren bleibt in ihrer liebenswerten Schrulligkeit lebhaft im Gedächtnis. Dabei umgeht Bronsky selbstsicher die Klippen des Klamaukhaften und Überdrehten, ohne allzu routiniert dabei zu wirken. Immer wenn man Sorge hat, jetzt übertreibt sie es, rettet der knarztrockene Humor oder eine überraschende Wendung die Story.

Hinzu kommen ein paar genial fies gesetzte Leerstellen, die mich als Leser fast verrückt-entzückt gemacht haben. Beispielsweise wird nicht ganz klar, ob Marek sich seine Entstellung nur einbildet oder sie wirklich da ist. Dieser Gedanke ist verstörend, aber wunderschön zugleich. Normalerweise würde mich so eine Offenheit schnell nerven, hier ist sie aber ein absoluter Gewinn, der dem Roman mehr Tiefe verleiht und absolut Sinn macht. Denn es ist völlig egal, ob wir unsere Narben innen oder außen tragen. Wenn wir uns selbst nicht so mögen wie wir sind, tut es auch kein anderer.

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3 Kommentare zu “„Nenn mich einfach SUPERHELD“ von Alina Bronsky

  1. Hallo Superheldin!
    Wow – hier wäre ein Quadrupel-Like notwendig! Man merkt Deinem Text an, wie sehr Du das Buch magst! Es hat sehr viel Spaß gemacht, Deine Rezension zu lesen! Keine Frage, welches Buch demnächst auch mein Regal neben dem Bett zieren wird!
    Derweil könntest Du noch ein wenig Bücher stemmen, um dem Supergirl-Status auch äußerlich etwas näher zu kommen 😉
    Muskulöses Ego und gelungene Powergirl-Schnute hin oder her – die zarten Oberarme und die schmale Silhouette prädestinieren Dich noch nicht für ein Catwoman-Kostüm! Ich war begeistert!

    • Ach, weißte, Stefan, mein Catwoman-Kostüm ist leider gerade in der Reinigung. Und was man nicht in den Armen hat, das hat man im Kopf…äh, oder wie war der Spruch noch gleich? 😛 Jedenfalls freut es mich total, dass ich dich neugierig auf das Buch machen konnte. Das war mein Ziel! Strike!

      • Ah! Vielleicht läuft es in der Reinigung ein…das könnte funktionieren!
        Ich selbst nutze ja einen Supergrobi – Umhang – der ist flexibel, was die Figur des Trägers angeht! :mrgreen:

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