„Im Stein“ von Clemens Meyer

IMG_20130918_131659Bin ich eigentlich prüde? Denn irgendwie finde ich es doch befremdlich. Dass ein Roman wie Im Stein von Clemens Meyer es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis 2013 geschafft hat. Ein Rotlicht-Epos, das über weite Strecken von EL, FO, KB, GB, HE, AD, FS (Eierlecken, Französisch ohne, Körperbesamung, Gesichtsbesamung, Handentspannung, Analdehnung, Facesitting) handelt. Über Sinn und Wert des Deutschen Buchpreises lässt es sich ja jedes Jahr auf’s Neue diskutieren, aber unstrittig ist wohl, dass die Auszeichnung die Massen anzieht wie Motten das Licht.

Wenn ich mir also vorstelle, dass jetzt ganz verschiedene Leserschichten 22,99 Euro dafür ausgeben, um den expliziten Pornotalk von Radiojockey Ecki Edelkirsch über sich ergehen lassen („der alte Ecki wird noch zum Poeten, wenn er an Ariellas Atem denkt. Wer ihre Pussy geschleckt hat, wie die Geile vor dir hockt, ihre Arschbacken auseinanderzieht beim Ficken…“) oder der jungen Prostituierten Mandy bei ihrem Gedankenspiel über die Kunst des Deep Throats beizuwohnen („ich hab nunmal einen kleinen Mund, dann knackt das, wenn ich mir selbst die Wangen und die Kieferknochen massiere“), dann tun mir diese unbescholtenen Buchkäufer doch irgendwie leid. Nicht, weil Meyer kein großes und gescheites Milieuportrait geglückt wäre, sondern weil kaum ein Feuilleton-Beitrag, Onlinerezension oder Buchpreis-Kritik sie darauf vorbereitet hat. Denn – so weit ich es beurteilen kann – werden diese Textstellen nirgendwo gedruckt oder zitiert. Dabei besteht Meyers Rotlichtroman zu ca. 80 Prozent aus diesem Hardcore-Porno-Talk. Was dann wiederum doch ganz gerne von der Literaturkritik angeführt wird, ist der Leitspruch „Gebumst wird immer“ aus dem Werk, denn damit lässt sich das Ausmaß der kapitalistischen Sexmaschinerie, die natürlich eine Geldmaschinerie ist, zusammenfassen, wie sie nach der Wende in Ostdeutschland in den Neunzigern und frühen Nullerjahren boomte. Und „Bumsen“ sagt man ja heute selbst in Gegenwart seiner Eltern.

Es ist also nicht so, dass ich besonders entsetzt, empört oder beschämt war von der ganzen, tja, Fickerei „Im Stein“, sondern mich wundert einfach, dass dieser permanente Dirty-Sex-Talk im Roman in der öffentlichen Berichterstattung so wenig erwähnt bleibt. Vielleicht will kein Kritiker besonders prüde rüberkommen, mir scheint das eher pseudo-unverkrampft. Also möchte ich als erstes Fazit zu meiner „Im Stein“-Lektüre festhalten: Hier wimmelt es von Pornographie. Denn, klar, es ist ein Roman, der in den Bordellen und Eros-Centern der Großstadt Leipzig spielt. Hätte man sich also denken können. Dennoch vermute ich mal, dass viele Leser sich genau DAS nicht denken,  – eben weil sie sich auch auf das künstlerische Fachurteil der Jury für den Deutschen Buchpreis verlassen. So viel also dazu.

Eine weitere Besonderheit, über die im Gegensatz dazu schon viel geschrieben wurde, ist die Tatsache, dass dies ein Roman ist, der fast ganz ohne Handlung auskommt. Was es gibt, sind wiederkehrende Motive: Drei Leichen, die Bordellbesitzer Schweine-Hans im Moor versenkt hat und die nach Urbarmachung neuen Baulands wieder auftauchen, ein minderjähriges Mädchen, das von zu Hause weggelaufen ist und in den Untiefen der Zwangsprostitution verschwindet, oder die legendären Schüsse, die die Jugos einst auf Arnie Kraushaar, genannt AK47, abgefeuert haben und der seitdem sein Bein nachzieht. Wenn es so etwas wie eine Hauptfigur gibt, dann ist es Geschäftsmann Arnie, der hunderte von Apartments an die Prostituierten vermietet, die dafür Schutz und immer frische Bettwäsche bekommen.

Was bietet „Im Stein“ also anstelle einer chronologischen Handlung? Unglaublich präzise Charakterstudien. Von Frauen, die Sex nicht einmal mögen und dennoch ihr Geld damit verdienen, von Luden, die der harte Konkurrenzkampf müde gemacht hat, die aber immer weiter den großen Macker spielen müssen. Sie alle kommen hier zu Wort. Ihre Erzählstimmen wechseln sich in Gedankenströmen ab, halb dokumentarisch, halb monologisch, halb szenisch. Es sind Fragmente, Bildfetzen. Stakkato-Gewitter: „Minirock, enge Hosen, kurze Pullis, regennasse Haare, Beate-Uhse-Center, Wichskabinen, Fußballkneipen, graue flache Plattenbauten, Schlecker, verwirrte Penner mit steifen Jeans, beklebte Schaufenster, blaue Neonschrift, Dönerbuden, Wettbüros…“

Clemens Meyer wagt etwas. Er überschreitet die Grenzen dessen, was wir herkömmlich unter einer Romanstruktur verstehen, schert sich nicht um erzählerische Konventionen. Und es funktioniert erstaunlich gut. Vielleicht gerade weil er in eine abgründige Halbwelt am Rande der Gesellschaft führt, wo die Grenzüberschreitung sowieso schon an der Tagesordnung ist. Es gelingt ihm, sich tief in seine Gestalten der Nacht hineinzufühlen. Ihre Gedankenwelten wirken absolut real und nachvollziehbar, gerade weil sie manchmal so alltäglich und banal klingen, bis hin zur Langatmigkeit. Dennoch habe ich diesen Stimmen gern zugehört. Man kann „Im Stein“ sehr gut aus der Hand legen und dann auch nach längeren Lesepausen wieder zu dieser dunklen, geheimnisvollen, halbseidenen Scheinwelt aus Sex, Sehnsucht und Träumen zurückkehren. Am besten nachts oder zur blauen Stunde, denn dann fühlt man sich – zumindest wenn man in einer Großstadt wohnt – den Figuren ganz nah. Sie könnten gerade unten auf der Straße vorbeigehen.

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22 Kommentare zu “„Im Stein“ von Clemens Meyer

  1. Liebe Karo,

    ich danke dir für diese tolle Besprechung und dafür, dass du alles auch beim Namen nennst. 😉 Ich habe gestern angefangen zu lesen und war – auch wenn ich bestimmt prüder bin als andere Leser – dann doch ordentlich schockiert, zum einen über die Wortwahl, zum anderen aber auch über die fehlende Handlung und die unübersichtlichen Zusammenhänge. Ich hoffe sehr, dass ich mich mit Hilfe der nächsten Seiten noch besser einlesen kann.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Ach Mara, mir hat der Roman am Anfang sogar noch richtig gut gefallen. Erst später wurde mir das ein bisschen zu einseitig und zu dirty. Also bevor du dich quälst, empfehle ich: Leseabbruch. Du verpasst nicht viel, weil es ja eh keine richtige Handlung gibt 😉

  2. Oh je, das war ja mal ne gründliche Abschreckung! Sicher haben auch solche Bücher eine Berechtigung, aber meine Lesezeit ist mir wohl doch zu schade. Vielen Dank, das Lesen deiner Besprechung war mir ein Vergnügen.

    • Liebe Petra, ich denke, dass der Roman totale Geschmackssache ist und sicher auch polarisieren will. Echt seltsam, dass sich alle über „Shades of Grey“ aufgeregt haben, aber über „Im Stein“ nicht. Vielleicht liegt’s an der respekteinflößenden Aura der „Buchpreis“-Nominierung – deshalb muss man es aber noch lange nicht gut finden. Ich habe z.B. auch nie „Feuchtgebiete“ gelesen. Ich bin zwar eine der wenigen Personen, die Charlotte Roche lieben, aber ein Buch über Hämorrhoiden muss ich deswegen trotzdem nicht lesen. Lg, Karo

  3. Klingt ja interessanter als ich dachte :0) Vielleicht lerne ich noch was. Habe das Buch letztens zugespielt bekommen, lese aber momentan noch was anderes.
    Bin bereit mich schocken zu lassen.

  4. Danke für Deine mutige Rezension, Karo! Ich frag‘ mich nur, wer das braucht…!? Also, das Buch. Mag ja sein, daß die Millieustudien brilliant sind, aber mir reicht das Wissen darum, daß es das gibt. Dahinein vertiefen muss ich mich nun wirklich nicht. Prüde? Nö – aber das hier scheint mir nichts zu sein, was mich anmacht.

    • Ich bin echt froh, Stefan, dass meine recht deftige Klartext-Rezension so gut aufgenommen wird. Bei Amazon bräuchte ich das gar nicht erst hochladen, weil das eh nicht freigeschaltet wird, wenn man pornographische Wörter benutzt. Selbst wenn es Zitate sind. Auch das mag ein Grund sein, warum ein verzerrtes öffentliches BIld über den Roman entsteht. Die Frage ist natürlich auch, inwieweit das Literatur ist oder einfach nur Vulgärsprache. Klar, der Autor will dadurch natürlich das besondere Verhältnis der Figuren zum Sex verdeutlichen. Das MUSS brutal und kalt sein. Es soll einen als Leser gar nicht anmachen, sondern weh tun. Aber das ändert nichts daran, dass sich viele Leser das über viele, viele Seiten lang nicht antuen möchten. Der Roman ist immer dann am stärksten, wenn er leisere Töne anschlägt. Dann kann er eine hypnotische Wirkung entwickeln, atmosphärische Dichte und ja, auch Poesie.

  5. Ich habe mir ja schon vor der Lektüre Deiner Besprechung gedacht, dass das nicht mein Buch sein wird, aber nun bin ich mir sehr sicher, dass ich damit meine Zeit nicht vertun werde. Wenn das Ablehnen von Vulgärausdrücken und Milieusprache tatsächlich als prüde, konservativ und altmodisch empfunden wird, dann bin ich all das sehr, sehr gerne! Hab also vielen Danki für Deine deutlichen Worte.
    Viele Grüße, Claudia

    • Danke für dein Feedback, Claudia! Es bestätigt mir nämlich, dass viele gar nicht wissen, wie der Roman sprachlich so aufgestellt ist. Deshalb habe ich so offenherzige Worte gewählt und bin froh, dass ich damit weiterhelfen konnte 😉 Lg, Karo

  6. Ich finde deine Besprechung geradezu wohltuend. Informativ, fair und auf den Punkt. Prüde? Wieso prüde?! Es ist doch einfach erwachsen, wenn man sich über seine eigenen Schmerz- und Schamgrenzen im Klaren ist. Nur dann ist man auch unverkrampft und echt, selbst wenn man etwas nicht lesen oder sehen möchte. Mir kam auch der Gedanke an „Feuchtgebiete“, ein Buch, das ich nie lesen werde, weil ich alles, was ich dazu gelesen habe, als stinklangweilig empfunden habe. Sämtliche Tabus zu brechen ist ja nicht an sich eine literarische Großtat – das sahen aber manche Kritiker wohl anders 🙂 Bei bestimmten Themen wäre mir eine Reportage lieber, da nehme ich Informationen auf und bekomme vielleicht noch eine Anregung, wo und was gegen Missstände getan werden muss. Aber einen Roman wie diesen dazu lesen? Warum? Also Danke! LG Anna

    • Liebe Anna, du hast natürlich Recht damit, dass sich niemand rechtfertigen muss dafür, dass er etwas nicht lesen mag. Dennoch dachte ich nach all diesen vielen, klugen, hochtrabenden Kritiken, die ich zu „Im Stein“ gelesen habe: „Habe ich ein anderes Buch gelesen als diese Leute? Hab ich ein falsches Kunstverständnis?“ Ich lese eigentlich total gern krasses Zeug, aber nicht, wenn ich das Gefühl habe, es ist Selbstzweck wie z.B. auch bei „American Psycho“, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Wie du schon sagst: Dann kann ich mir auch direkt eine Doku ansehen. Alles Gute, Karo

  7. Ich hab’s bis zur Hälfte geschafft, aber irgendwie fehlte mir dann die Motivation, auch noch bis zum Ende durchzuhalten. Ich denke, viel hab ich nicht verpasst.
    Vielleicht kann man das Buch ja aber ganz gut als die literarische Alternative zu SOG, Crossfire & Co. anpreisen 😉

      • „ne Rotlichtlampe macht noch keine Romantik“…
        Tausende Männer und ich sehen endlich klarer! Wie oft hab‘ ich schon gedacht, es gehe um Kuscheln und mehr, wenn sich meine Holde mit Nebenhöhlenentzündung vor die Rotlichtlampe gesetzt hat! rofl **japs** frau stelle sich nur die männliche, entsetzte Enttäuschung ob ihrer gemeinen, verständnislosen Reaktion vor!
        Lange nicht mehr so viel Spaß gehabt! 😆

  8. Liebe Karo,
    mich hat der ganze Dirty Talk nicht so sehr gestört, irgendwie war ich ja doch darauf eingestellt, schließlich spielt es im Rotlichtmilieu und dort geht es vor allem um eines: Sex. Aber da sind die Grenzen ja bei jedem anders gesetzt, dafür tue ich mich ganz schwer mit Gewaltdarstellungen. Eine Sache möchte ich allerdings noch zu dem ersten Teil deiner Rezension sagen: Ich würde die Darstellungsweise nicht unbedingt als „pornographisch“ bezeichnen, denn eine solche hat ja zum Ziel, den Adressaten (Leser, Zuschauer, …) zu erregen. Das ist aber bei Meyer nicht der Fall, würde ich mal behaupten, es handelt sich nicht um erotische Literatur, sondern eher um eine Milieustudie. Der Gebrauch von schmutzigen Wörter dient also nicht der Erregung des Lesers, sondern dem Abbilden der Wirklichkeit.

    Und ich bin erstaunt, dass dich das Fehlen der Handlung / das Erzählen ausschließlich über wiederkehrende Motive und Figuren gar nicht ermüdet hat. Ich finde so eine unkonventionelle Vorgehensweise auch immer extrem spannend, aber über die Länge hat es für mich dann doch nicht funktioniert. Wie il_libraio schon sagt: Man kann auch in der Mitte abbrechen und würde doch nichts verpassen. Der Schluss war für mich übrigens in der Hinsicht bezeichnend: Er war für mich überhaupt nicht als Schluss erkennbar, er war kein Höhepunkt, keine Pointe, keine Wendung, nichts dergleichen, es hätte ruhig noch weitergehen können im immer selben Takt – oder eben schon hundert, zweihundert oder dreihundert Seiten früher aufhören.

    Ich weiß nicht, ob du die anderen Titel auf der Shortlist kennst, trotzdem frage ich einfach mal: Ist Meyers Roman für dich preiswürdig?

    Liebe Grüße,
    caterina

    • Liebe Caterina, du hast natürlich absolut recht, dass es sich nicht um Pornoliteratur handelt. Aber leider ist mir dafür einfach kein besseres Wort eingefallen. Mich hat das Gerede von blonden Duschen und Kaviar einfach irgendwann mürbe gemacht 🙂 und ich hab’s auch nur noch halbherzig zu Ende gelesen bzw geblättert, gebe ich zu 😉 Dennoch erkenne ich auch die mutige Anderartigkeit des Werkes an. Für den Buchpreis finde ich es ehrlich gesagt nicht ausreichend, ohne die anderen Nominierten zu kennen: Dafür erwarte ich eine komplexere Story und mehr eigenständige Kreativität bei Erfindung der Sprache und Figuren. Bei Meyer ist mir das zu viel Abbildung und Nacherzälung von Klischees und Prototypen. Er spielt zwar damit, aber mir fehlt eine eigenständige Interpretation oder Neudeutung. Dennoch scheinen die Chancen ja gut für Meyer zu stehen. Endliche mal ne spannende Entscheidung 🙂 LG, Karo

  9. Ich bin froh, hier auf eine Buchbesprechung gestoßen zu sein, aus der ich endlich mal Details zum Buch entnehmen kann. Danke für die offenen Worte. Und da, egal ob das Buch den Preis nun gewinnen wird oder nicht, verzichte ich dann doch mal. Nicht aus Gründen der Prüderie, sondern weil das Gesamtpaket aus Inhalt, Aufbau und Sprache mich so doch gar nicht reizt!

    Liebe Grüße,
    Anne

  10. Liebe Karo,
    das ist nun endlich die erste Besprechung vom Stein, der ich entnehmen kann, worum es eigentlich geht und wie es geschrieben ist. Kann schon sein, dass das Buch in der Form – hat es eine – ein mutiges Unterfangen ist. Aus Deiner Besprechung lese ich aber ehrlich gesagt eher heraus, dass da einer einen Schreibkonventionstabubruchversuch (das muss wieder dieser Worteerfinder von Jarg gewesen sein) einfach mal wie der sprichwörtliche Hunne das rohe Fleisch unterm Sattel totgeritten hat. Schade, aber Dank an Dich für die klarstellende Besprechung. Lese Deine Texte genau deswegen sehr gerne.
    Liebe Grüsse, Kai

  11. anscheinend haben die hier schreibenden keine ahnung von literatur. nun, ein großes buch. zu glück hat die Kritik und auch eine große leserschaft das erkann.

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