„Krieg der Bastarde“ von Ana Paula Maia

IMG_20131003_120128Brasilien ist als Gastland der Frankfurter Buchmesse natürlich in aller Munde. Tatsächlich gibt es hier einige literarische Neuentdeckungen aufzustöbern. Zum Beispiel die Autorin Ana Paula Maia, die 1977 in Nova Iguaςu, einer Millionenvorstadt von Rio de Janeiro, geboren wurde. Als Teenie hat Ana in einer Punkband gespielt, später dann ein Pulp-Feuilleton im Netz rausgebracht, weil sie glaubte, dass eh kein Verlag mutig genug sein würde, es zu drucken. Mittlerweile ist sie bei einem der größten brasilianischen Verlage unter Vertrag. Krieg der Bastarde ist ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. In ihrer Heimat wird die rasante Gangsterstory sogar verfilmt. „Krieg der Bastarde“ ist der ultimative Beweis dafür, dass auch Schriftstellerinnen, die schön sind wie Modelmädchen, die Eier dazu haben, einen mit Blut, Schweiß und Tränen durchtränkten Pulproman abzuliefern. Im September habe ich Ana Paula Maia in Bochum getroffen, wo sie gerade auf ihrer Lesetour Station gemacht hat.

Aber erstmal zum Inhalt des Romans: Alles beginnt damit, dass Pornodarsteller Amadeu aus der Filmproduktionfirma eine rote Nylontasche randvoll mit Kokain klaut. Eigentlich verdient Amadeu nicht schlecht, der Größe seines besten Stücks entsprechend. Aber sein Herz ist für die rothaarige Preisboxerin Gina entbrannt, die in letzter Zeit keine Titel mehr gewonnen hat und deshalb bis zum tätowierten Hals in Schulden steckt. Mit dem Verkauf des Kokains scheinen Ginas Geldsorgen gelöst, stattdessen fangen die Probleme erst an. Denn bald ist die komplette Unterwelt hinter der Tasche her. Darunter die einbeinige Regisseurin Edwiges D’Lambert, die in ihrer Beinprothese Drogen schmuggelt, sowie das ungleiche Auftragskiller-Duo Edgar und Pablo, die in einem schwarzen, von Einschlaglöchern übersähten Santana durch die Stadt cruisen, dessen Sitze mit Plastik überzogen sind („Blut versaut alles.“) und dabei die Entspannungs-CD „Knistervariationen Schweizer Kaminfeuer“ hören. Ach ja, ein gefräßiger Chihuahua mit Verstopfungen und eine Agentin, die in ihrem Anus nicht nur Edelsteine und Mikrofilme schmuggelt, sondern auch Feuerbälle aus besagtem Hintertürchen schießen kann, kommen auch noch vor.

Das klingt erstmal nach Freakshow, nach greller, plakativer Überzeichnung. Aber Ana Paula Maia weiß, was sie da tut. Und sie tut es mit viel Fabulierfreude, Furchtlosigkeit und einem ansteckenden Enthusiasmus. Sie wühlt genüsslich im Dreck und macht sich dabei schmutzig, und es ist eine große Freude, diesen ultracoolen Pulp Noir-Roman voller absurder Situationskomik zu lesen. Denn die Figuren sind mit so viel Hingabe und Liebe fürs Detail gezeichnet, dass sie dennoch glaubwürdig und menschlich wirken. Sie haben Träume, sie haben Prinzipien, sie sind müde von der Gewalt und der Gefahr, aber sie können nicht anders. Sie alle träumen von dem einen großen Coup, der ihnen die Freiheit schenkt. Edgar träumt vom Schnee in den Bergen, Pablo von einem Pub in London, Gina vom Süden – es steckt eine große Sehnsucht in ihnen und plötzlich ertappt man sich dabei, wie man mit einem eiskalten Killer sympathisiert, der seine Opfer am liebsten in kleine Scheiben zerhackt, die man den Schweinen zum Fraß vorwerfen kann. Woher sie die verrückten Ideen für ihre Figuren nimmt, war dann auch gleich eine Frage, die ich der Autorin im Interview gestellt habe.

Ana, deine Figuren sind ganz schön zwielichtige Teufel, die ihren Lebensunterhalt mit Raub, illegalen Kämpfen, Organ- und Drogenhandel verdienen. Wie bist du darauf gekommen?

Die Zusammensetzung meiner Protagonisten entstammt hauptsächlich meiner Fantasie, aber selbstverständlich gab es auch Einflüsse aus Filmen und der Literatur, die mich inspiriert haben wie z.B. Raymond Chandler. Aber eben auch persönliche Bezüge, wie die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, oder Alltagsbeobachtungen. Zeferino Manchez, der reiche Filmproduzent und Obergangster im Roman, fand ich beispielsweise folgerndermaßen: Ich bin irgendwann mal in einen Weinladen gegangen und aus irgendeinem Grund bis ins Büro des italienischen Besitzers gelangt. Dort fand ich ihn. Er saß an seinem Tisch, hatte seine Zigarre im Mund, ich füllte das natürlich noch mit anderen Attributen auf, aber das Bild dieses Mannes fand ich dort.

Ich habe noch nie einen Pulproman von einer Frau gelesen. Haben es weibliche Autorinnen schwerer in dem Genre, das doch sehr vom Machismo geprägt ist?

Das kann ich gar nicht richtig beantworten. Es ist eine sehr politische Frage. Meine Literatur ist für mich aber eine Erfahrung. Ich suche mir Erfahrungen aus, die ich machen möchte beim Schreiben. Das gibt mir die Möglichkeit, mich an Orte zu begeben, die besonders weit weg sind von mir oder die ich als Frau selbst in der Fiktion nicht betreten könnte. Es gibt mir die Möglichkeit zu sein, wer ich in der echten Welt nicht sein kann, zu töten, wen ich in der Welt nicht töten kann, auf eine Art und Weise zu handeln wie ich in der echten Welt nicht handeln kann. Deswegen schreibe ich viel über die Männerwelt. Es macht mir einfach Spaß, mich zwischen diesen harten Kerlen zu bewegen und durch sie fremde Orte zu betreten. Das hat also zum einen eine Funktion beim Erzählen. Zum anderen ist das eine sehr persönliche, intime Wahl. Ich verliebe mich beim Schreiben nämlich in meine Figuren, also jedenfalls mindestens so ein, zwei oder dreimal. Die Figuren sind der Grund, warum ich überhaupt schreibe. Ich habe eine ganz enge Verbindung zu ihnen und das erlaubt mir die Geschichte zu entwickeln.

Gibt es diese molochartige Großstadt am Meer, wo „Krieg der Bastarde“ spielt, eigentlich wirklich?

Meine Geschichte spielt an Orten, die zum Teil erfunden sind, zum Teil aus real existierenden Gegebenheiten entstanden sind. Sie bleiben im Buch trotzdem namenlos, weil ich keine geographische Bestimmung in meinem Buch haben möchte. Das gilt nicht nur für diesen Roman, sondern auch für meine anderen. Eine vorgefertige Geographie zu haben, würde mich zu sehr einschränken, ich brauch eine absolute Freiheit, damit ich meine Figuren und die Handlung frei gestalten kann. Es ist also Absicht, dass ich keine Namen nenne, auch wenn Orte wie Rio de Janeiro darin vorkommen.

Wie würdest du deinen Roman zum Schluss selbst kurz beschreiben?

Das Buch war eine große Herausforderung. Es ist eine sehr dynamische, sehr groß angelegte Story mit vielen verschiedenen Erzählsträngen und vielen Figuren. In meinen Romanen habe ich immer mindestens drei Erzählebenen, aber dieses Buchprojekt habe ich wirklich lange mit mir herumgetragen. „Krieg der Bastarde“ erzählt eine Geschichte über den Zufall und über die Einsamkeit. Das liegt daran, dass die Romanhelden vollkommen auf sich gestellt sind, ganz allein, und sie haben keinerlei Macht über ihr Schicksal.

 

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3 Kommentare zu “„Krieg der Bastarde“ von Ana Paula Maia

    • Ah, wie ich gerade auf deinem Blog sehe, liebe danares, warst du auch auf einer Lesung von Ana Paula Maia. Ich finde auch, dieses Buch kann gar nicht genug Leser bekommen 🙂 Lg, Karo

  1. Pingback: Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde | SchöneSeiten

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