„Eine Handvoll Worte“ von Jojo Moyes

IMG_20131006_160305[1]Ich bin ja eine der wenigen, die „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes so gar nicht überzeugen konnte (klick). Umso positiver war ich daher von Eine Handvoll Worte überrascht, den die Britin schon vor ihrem großen Welterfolg geschrieben hat. Das ist wirklich mal ein schöner Liebesschmöker zum Schwelgen und Seufzen, den ich gern für gemütliche Couchabende empfehlen möchte. Aber warum hat das eine Buch für mich leider nicht gefluppt und das andere schon? Es folgt eine kleine Bestandsaufnahme.

In „Ein ganzes halbes Jahr“ hatte sich Jojo Moyes ja eine ganze Menge vorgenommen: Schwerstbehinderung, Depressionen, Sterbehilfe. Natürlich ist es lobenswert, wenn eine Belletristikautorin auch vor ernsten Themen nicht zurückschreckt und umso wunderbarer ist es, dass auch Millionen Leser offen für diese ungewöhnliche Liebesgeschichte waren. Aber es ist nur meine ganz persönliche Meinung, dass die Story total schief war und eben doch karachomäßig an ihren eigenen hehren Zielen gescheitert ist. Wahrscheinlich habe ich einen viel zu hohen Realitätsanspruch, aber sorry, Querschnittsgelähmte sind in der Regel nun mal keine sexy Millionäre, die sich den teuersten Hightech-Rollstuhl, privates Pflegepersonal und Luxusreisen leisten können und trotz Muskelschwund und Spastiken immer noch genauso gut aussehen wie vor ihrem Unfall. Wäre ein „normaler“ Tetraplegiker nicht liebenswert genug gewesen? Ich will das Buch niemandem madig machen und keinem vor den Kopf stoßen, den die Geschichte tief berührt hat. Mir scheint es jedoch so, als wäre Jojo Moyes viele Kompromisse eingangen, um aus einem Schwerstbehinderten einen romantischen Mainstreamhelden zurecht zu biegen.

Sehr stimmig und gelungen fand ich dagegen „Eine Handvoll Worte“, eine nostalgische Hommage an den guten alten Liebesbrief. Übrigens gab es das Ebook bereits seit Juni, glaub ich, bei Weltbild zu kaufen. Der Onlinehändler hatte die Buchrechte schon früh erworben, tritt diese aber ab dem 04. Oktober 2013 komplett an Rowohlt ab. Vielleicht ist es jedoch diesem Umstand zu verdanken, dass diesmal eine andere Übersetzerin als bei „Ein ganzes halbes Jahr“ am Werk war. Denn „Eine Handvoll Worte“ liest sich deutlich flüssiger und weniger floskelhaft.

Ein weiterer Pluspunkt sind die verschachtelten Zeitebenen, die die Story weniger vorhersehbar machen. Da wäre zum einen die Rahmenhandlung, die in der Jetztzeit spielt. Im Mittelpunkt steht hier Journalistin Ellie: „Ellie Haworth lebt ihren Traum. Das sagt sie sich zumindest gerne, wenn sie nach zu viel Wein verkatert und mit einem Anflug von Melancholie aufwacht, in ihrer perfekten kleinen Wohnung, die niemand in ihrer Abwesenheit in Unordnung bringt. (Insgeheim wünscht sie sich eine Katze, hat jedoch Angst, zu sehr zu einem Klischee zu werden.)“ Ellie ist klug, schön, erfolgreich, aber unglücklich verliebt in einen verheirateten Schriftsteller, der kein Interesse daran hat, Frau und Kinder für seine junge Geliebte zu verlassen. Dass sie dabei ist, eine Ehe zu zerstören, daran verschwendet Ellie lieber keinen Gedanken. Bei Recherchen für ihre Zeitung stolpert sie über einen geheimnisvollen Liebesbrief aus dem Jahr 1960, der sie mitten ins Herz trifft.

Woosh! 40 Jahre zuvor wacht die Millionärsgattin Jennifer Sterling in einem Krankenhaus auf. Sie hatte einen Autounfall und leidet unter Amnesie. Angeblich führt Jennifer ein perfektes Luxusleben. Doch warum fühlt sich alles so falsch an? Was ist vor dem Unfall passiert? Woosh! Ein Jahr zuvor. Den melancholischen Zeitungsreporter Anthony hält es nie lange an einem Ort, er brennt für seinen Beruf, und ist gerade in Afrika knapp dem Tod entronnen. In Südfrankreich soll er sozusagen zur Erholung einen reichen Minenmogul aus London interviewen, was eigentlich unter seiner journalistischen Würde ist. Bei einer Dinnerparty lernt er auch dessen anmutige Gattin Jennifer kennen. Zunächst sieht Anthony in ihr nur ein verwöhntes, oberflächliches High-Society-Püppchen, während Jennifer ihn für einen vom Leben verbitterten Hitzkopf und Draufgänger hält. Doch als beide einen Blick hinter die Fassade des jeweils anderen werfen, erkennen sie sich selbst wieder. Zwischen Anthony und Jennifer entspinnt sich eine leidenschaftliche und verzweifelte Liason, die nur in heimlichen Stelldicheins und Briefen stattfinden darf.

„Eine Handvoll Worte“ verknüpft also auf spielerische Weise zwei parallele Geschichten von Ehebruch und Seitensprüngen in verschiedenen historischen Zusammenhängen und umgekehrten Konstellationen. Dabei wird klar, dass sich die Umstände damals und heute zwar gewandelt haben, aber das Gefühlsdilemma dasselbe bleibt: „Es geht darum, etwas haben zu wollen, was man nicht haben kann. Darum, nie sagen zu können, was man wirklich fühlt.“ Beide weibliche Heldinnen, Ellie und Jennifer, führen das angeblich perfekte Leben ihrer gesellschaftlichen Zeit. Das Verzwickte daran ist: Ellie genießt alle Freiheiten einer unabhängigen, modernen Frau, aber sie kann sich der Gefühle ihres Geliebten nicht sicher sein, während Jennifer von ihrem Geliebten flammende Liebesbriefe erhält, in dem er offen und ohne jede Reglementierung sein Herz ausschüttet, aber sie ist durch die Zwänge der Ehe und ihres gesellschaftlichen Standes gefangen. Am Ende finden beide Geschichten in der Gegenwart zueinander: Was aus Jennifer und Anthony geworden ist und ob Ellie noch mit ihrem Schriftsteller zusammenkommt, muss jeder Leser selbst rausfinden.

Jojo Moyes beweist in dieser kurzweiligen Herzschmerz-Story sehr viel Fingerspitzengefühl und sicheres Timing. Ich konnte mich mit ihren Figuren sehr viel besser identifizieren beziehungsweise waren ihre Handlungsweisen für mich sehr viel nachvollziehbarer als in „Ein ganzes halbes Jahr“. Besonders die Szenen in Ellies Zeitungsredaktion wirken glaubwürdig und lebendig, was sicher damit zu tun hat, dass Jojo Moyes vor ihrer Schriftstellerkarriere selbst als Journalistin gearbeitet hat. Auch für „EIne Handvoll Worte“ hat sie nochmal ihr Recherchetalent bemüht und Leute dazu aufgerufen, ihr echte Liebesbriefe, SMS und Emails zu schicken, die dann auch am Anfang jedes Buchkapitels zitiert werden. „Eine Handvoll Worte“ ist dadurch ein vielseitiges und motivreiches Liebesdrama geworden, das mich zwar nicht tief bewegt, aber vorzüglich unterhalten hat.

Hier könnt ihr eine weitere Buchkritik von mir auf 1LIVE.de lesen.

Und oben drauf gibt’s dann noch als Musikempfehlung „20 Years“ von The Civil Wars *seufz* Da geht’s zwar um einen „nur“ zwanzig Jahre alten Liebesbrief, aber:

„In the meantime, I’ll be waiting
For twenty years and twenty more
I’ll be praying for redemption
And your note underneath my door.“

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3 Kommentare zu “„Eine Handvoll Worte“ von Jojo Moyes

  1. Danke für diese Rezension, die es mich (nicht sofort, aber irgendwann in den nächsten Wochen) noch einmal mit Jojo Moyes probieren lässt. Nach dem hochgelobten Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ , hatteich dazu nämlich eigentlich keine Lust mehr. (aus den selben Gründen aus denen auch du den Roman schwierig fandest) Nun freue ichmich doch auf dieses Buch. LG Xeniana

    • Liebe Xeniana, ich find’s ja sehr beruhigend zu wissen, dass du mit „Ein ganzes halbes Jahr“ auch so deine Schwierigkeiten hattest. Aber ich fand, es lohnt sich wirklich, Jojo Moyes mit „Eine Handvoll Worte“ nochmal neu zu entdecken 🙂 Viel Spaß beim Lesen, Karo

  2. Du sprichst mir aus dem Herzen !! Hatte eigentlich nicht vor, nach ‚ein ganzes halbes Jahr‘ noch ein Buch von Jojo Moyes zu lesen. Dieser hochgelobte Roman (habe sogar eine Packg Taschentücher beim Kauf geschenkt bekommen !)!hat mich eher enttäuscht – zu konstruiert, nicht authentisch. Aber ich wollte mal wieder ein Buch in Englisch lesen und stolperte über diesen Titel, ‚Last letter from your lover‘, und die Zusammenfassung las sich gut. Ich bin jetzt auf den letzten 50 Seiten und ganz gefesselt. Schöner Schmöker.

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