„Bienensterben“ von Lisa O’Donnell

IMG_20131019_145226Achtung, dieser Roman sieht von außen so lämmchenhaft unschuldig aus wie ein Ali Shaw-Jugendbuchmärchen, hat’s aber faustdick hinter den Ohren, äh, Seiten! Wenn überhaupt, dann ist Bienensterben von Lisa O Donnell die unartige Hänsel-und-Gretel-Rache an einer durch und durch schlechten Erwachsenenwelt. Tote Eltern werden hier nicht betrauert, sondern von den Schwestern Nelly, 12, und Marnie, 15, im Garten verscharrt und mit aller kindlicher Vorstellungskraft aus der Wirklichkeit ausgelöscht. Denn geliebt wurden Mummy und Daddy beide nicht, und das aus gutem Grund. Ein krasses Debüt, das für meinen Geschmack ruhig noch ne Schippe hätte drauflegen können.

Sterben die Bienen, dann stirbt die Menschheit. Denn wenn die fleißigen Bestäubungstaxis nicht mehr in der Pflanzenwelt unterwegs sind, geht uns die Nahrung aus. Eine gruselige Vorstellung und ein rätselhaftes Naturphänomen, genau wie die Fälle, wo Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern und sie verwahrlosen lassen. Ersteres macht Nelly, die jüngere der beiden Schwestern, fassungslos: „Unser Planet steht kurz vor dem Untergang, doch offenbar kümmert es niemanden.“ Letzteres, die Verletzung der Fürsorgepflicht durch Erziehungsberechtigte, erträgt sie dagegen mit stoischer Resignation. Sie und ihre große Schwester Marnie sind hochbegabt. Wenn sie nicht so gute Noten schreiben würden, wären sie längst von der Schule geflogen. Sie ticken aus, wenn ihre Mitschüler sie beleidigen, sie schwänzen den Unterricht. Zu Hause interessiert das niemanden. Dort zählt nur der nächste Schuss Heroin. Die Junkie-Eltern waren nie für ihre Kinder da, aber wenigstens wissen die Mädchen jetzt, wo sie sind. Im Garten.

Man sollte nicht gerade ein Wurstbrot essen, wenn man die ersten Romanseiten liest, denn es wird unappetitlich: „Gene fiel regelrecht das Fleisch von den Knochen, und an manchen Stellen ist er gerissen wie Papier.“ Es ist Weihnachten in Glasgow. Nelly und Marnie sind gerade dabei den toten Vater aus dem Schlafzimmer in den Garten zu hieven. Sie betten ihn unter Lavendel, nicht aus Sentimentalität, sondern damit es nicht so stinkt. Die Leiche der Mutter hängt eh schon im Schuppen, aus Einfachheit wird sie in den Kohlekasten gestopft. Wer sein Kinderleben lang nur Lieblosigkeit zwischen Fixerspritzen, Dreck und Gewalt erfahren hat, der verroht auch selbst zum asozialen Fremdkörper. Wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Während Nelly sich in einen keuschen Schutzpanzer aus weltfremder Bette-Davis-Biederkeit schmeißt, gibt Marnie die abgebrühte Großmaul-Bitch aus der Sozialsiedlung. Aber wer oder was hat die Eltern jetzt verdammt nochmal umgebracht?

Die Szenerie ist so irre und superhart, dass man weiterlesen MUSS. Doch leider jagt Lisa O’Donnell ihr explosives Pulverfass mit viel zu kurzer Lunte in die Luft. Anstatt dem Leser die Informationen häppchenweise zum Fraß vorzuwerfen, auf eine Irrfahrt mit weißen Kanninchen zu schicken, plappern die Schwestern Nelly und Marnie, die hier abwechselnd erzählen, die meisten Geheimnisse, die den Leser so brennend interessieren, schnell und mehr als bereitwillig aus. Lisa O’Donnell entscheidet sich dafür, aus dem Thrillerstoff mit Hammer-Schocker-Potential ein soziales Außenseiterdrama zu machen, das zwar immer noch durch galleschwarzen Humor und frechem Rotzgören-Charme besticht, aber leider auch Chancen vergibt. Für den Leser sind die Mädchen wie ein offenes Buch. Nur die anderen werden getäuscht. Der Plot konzentriert sich also darauf, wie sie sich dabei schlagen, Behörden und Geldeintreibern vorzugaukeln, die Eltern wären nur mal eben in den Urlaub verreist. Vor allem Nachbar Lennie, ein alter Schwuler, den alle für einen Kinderschänder halten, ist misstrauisch, aber auch mitfühlend. Er bietet den Schwestern zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie eine Familie. Den Mädchen fällt es indes immer schwerer ihr Lügengebäude aufrechtzuerhalten, vor allem, da Lennies Hund ständig Leichenteile aus dem Garten ausgräbt.

Ich persönlich hätte mir von „Bienensterben“ einen etwas anderen Genre-Akzent gewünscht, mit sehr viel mehr gepfefferten Surprise- und Suspense-Momenten à la Hitchcock oder wie im US-Megaseller „Gone Girl“. Der Ausgangspunkt der Geschichte haut einen so aus den Latschen, dass er schwer zu toppen ist. Man hätte sicher noch mehr rausholen können. Trotzdem respektiere ich O’Donnells Entscheidung, einen anderen Weg gegangen zu sein, mit einem stärkeren Fokus auf ein jenseits von Gut und Böse angesiedelten Empowerment-Märchens über ein unverwüstliches Schwesternduo, das alles, was es nicht umbringt, nur noch stärker macht.

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5 Kommentare zu “„Bienensterben“ von Lisa O’Donnell

  1. Fast hättest du mich gehabt, liebe Karo. Aber nachdem ich gelesen habe, dass die Autorin vorher schon alles verrät, bin ich jetzt wieder zurückgerudert. Aber krass ist die Geschichte schon. Und deshalb irgendwie anziehend. Na, ich schau einfach mal. Demnächst erreicht mich eine Leseprobe, die mich direkt mit ins Buch hineinnehmen wird. Bienenfreudigen Lesespaß hatte ich aber jetzt schon – dank deiner tollen Rezension!

    Summsummige Grüße,
    Klappentexterin

    • Liebe Summsetexterin, vielleicht haben Klappentext und Intro einfach eine ganz falsche Erwartung bei mir geweckt. Die Autorin hatte halt etwas anderes mit ihren Figuren vor als ich 🙂 Aber es ist dennoch ein hervorragend geschriebener und ungewöhnlicher Roman! Lg, Karo

  2. Liebe Klappentexterin,

    dieses Buch hat mich bereits bei der Vorstellung des Herbstprogramms von DuMont begeistert. Die Geschichte klingt außergewöhnlich, rau und ganz nach meinem Geschmack. Sie erinnert mich an einen Roman von Diane Evans (26a), den ich vor vielen Jahren begeistert aber auch erschüttert gelesen habe. Danke für diesen tollen Tipp!

    Liebe Grüße
    Mara

    • Hey Mara, ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, dass das ein Lesestoff nach deinem Geschmack ist. Du hast ja ein großes Herz für Außenseiterfiguren und interessierst dich mehr für die Entwicklung der Charaktere, fühlst dich gern in sie ein, wenn ich das richtig beurteilen kann. Ich steh ein bisschen mehr auf Spannung und Action. Aber es würde mich wirklich sehr interessieren, wie du den Roman findest. Vielleicht les ich ja irgendwann eine Buchkritik auf deinem Blog dazu… Lg, Karo

  3. Pingback: Lisa O’Donnell: Bienensterben | Bücherwurmloch

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