„Doctor Sleep“ von Stephen King

PicsArt_1383045433510Was ist eigentlich aus dem kleinen Danny aus „Shining“ geworden? Diese Frage hat man Stephen King in den letzten dreißig Jahren sehr oft gestellt. Und weil der King of Horror weiß, was er an seinen Lesern hat, ließ er sie auf seiner Homepage darüber abstimmen, ob er als nächstes eine „Shining“-Fortsetzung schreiben soll oder nicht. Das Resultat ist Doctor Sleep, der zwar kein Gruselschocker-Meilenstein wie das Prequel geworden ist, aber dennoch ein echter Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Eins vorweg: Man muss weder das Buch noch die von King verhasste Stanley-Kubrick-Verfilmung von „Shining“ kennen, um „Doctor Sleep“ zu verstehen. Die Geister der Vergangenheit sind zwar omnipräsent (und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, wie etwa die rachsüchtige Mrs. Massey aus dem berühmten Hotelzimmer 217, deren Geist den kleinen Danny auch drei Jahre nach den schrecklichen Ereignissen im Overlook-Hotel verfolgt, nachts in ihrer ganzen verwesten Pracht auf dem Klodeckel hockt, an Türen scharrt und aasigen Gestank und Hautfetzen verteilt), aber alle wichtigen Details werden noch einmal aufgearbeitet. Denn noch ist das Gruselhotel mit Danny nicht fertig, doch der Junge lernt mithilfe seines Shinings, einer Art paranormalen Fähigkeit, die bösen Dämonen in den Griff zu kriegen. Was er später, wenn er älter ist, nicht in den Griff bekommt, ist der Geist aus der Flasche, sprich seine Alkoholsucht.

Immer wenn Stephen King über die teuflischen Tücken des Trinkens schreibt – die er am eigenen Leib erfahren hat – geschieht dies mit einer bitteren Grausamkeit, die jedes Gruselszenario in den Schatten stellt. Und so ist Dans freier Fall in den Suff der beeindruckendste und gleichzeitig alptraumhafteste Teil des Romans (wenn man in eine Schüssel kotzt, in der noch die Scheiße vom Vorabend schwimmt, weiß man, das man am Tiefpunkt angelangt ist). Und natürlich Ironie des Schicksals, denn auch Dans Vater, der im Overlook dem Wahnsinn anheim gefallen ist, war ein Trinker. Ähnlich wie sein Vater damals, findet sich Dan als Bittsteller auf der Suche nach Arbeit wieder, nur nicht in den Rocky Mountains, sondern in dem kleinen Städtchen Frazier in New Hampshire. Endlich sind seine übersinnlichen Antennen Dan mal zu etwas nutze: Frazier strahlt auf ihn eine positive Anziehungskraft aus, hier findet er nicht nur einen Job, sondern auch herzensgute Menschen. Sein Arbeitgeber schickt ihn zu den Anonymen Alkoholikern, im viktorianisch angehauchten Helen-Rivington-Hospiz schätzt man Dans Dienste als Sterbebegleiter, weshalb er den Spitznamen Doctor Sleep erhält. Dan Torrance hat endlich seinen Frieden mit sich und der Welt gefunden.

Wenn nicht ein kleines Mädchen namens Abra ihn um Hilfe bitten würde. Abras Shining ist so stark, dass sie schon als Baby nur Kraft ihrer Gedanken Beatles-Melodien auf dem heimischen Klavier spielen kann oder Löffel zum Schweben bringt. Von Klein auf hinterlässt sie Dan immer mal wieder telepathische Grüße, ohne ihn je getroffen zu haben. Dann gerät das Mädchen jedoch zufällig in die Gedankenwelt eines sektenartigen Clans Unsterblicher, die sich Der Wahre Knoten nennen. Abra erlebt praktisch live mit, wie die Gruppe gerade einen kleinen Jungen zu Tode foltert, um an sein Shining zu kommen, das ihnen als Nahrung dient. Es gehört zu Kings schelmischen Humor, dass seine Bösen wie harmlose Rentner und Camping-Touristen aussehen, die in Wohnmobil-Ungetümen mit vierzig Stundenmeilen auf den Landstraßen dahinkriechen. Seinen Lesern gibt er den Rat: „Wenn ihr auf den Turnpikes und Freeways Amerikas unterwegs seid, nehmt euch vor diesen Winnebagos und Bounders in Acht. Man weiß nie, wer darin sitzt. Oder was.“ Durch ihr Bewusstseins-Hacking gerät Abra ins Visier der Wahren, für die die Kleine so etwas wie der Weiße Wal unter den Steamheads ist, wie sie Menschen mit der Shining-Gabe nennen.

Ich fand es etwas schade, wie sich „Doctor Sleep“ vom gepflegten Ich-kann-tote-Menschen-sehen-Nervenkitzel zum Superhelden-vereinigt-eure-Kräfte-Spektakel entwickelt. Der Gänsehautfaktor beim Kampf zwischen Abra & Dan vs. Der Wahre Knoten liegt im FSK 12-Bereich und ist damit nicht gruseliger als ein Harry Potter-Roman, was wie gesagt im starken Kontrast zum Romananfang steht. Was an Horrorelementen in der zweiten Hälfte fehlt, wird jedoch glücklicherweise durch jede Menge Action und Dynamik wettgemacht. So machen beispielsweise die Charaktere, die man wie Dan über einen langen Zeitraum hinweg verfolgt, spannende Entwicklungen durch. Wobei Abras Shining leider so übertrieben stark ist, dass das Kräfteverhältnis zwischen ihr und der Mördersekte etwas unausgewogen ist. Aber diese Mäkeleien sind Jammern auf hohem Niveau, denn so etwas wie einen schlechten King gibt es eigentlich gar nicht. Der Mann ist, wenn man mich fragt, ein erzählerisches Genie und ein schier unerschöpflicher menschlicher Fundus an fintenreichen Ideen. Fast schon unheimlich. Irgendwie hat der Mann auch so was wie Shining.

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4 Kommentare zu “„Doctor Sleep“ von Stephen King

  1. Liebe Karo,

    mit Joyland habe ich ja den ersten King seit ganz vielen Jahren gelesen und war begeistert. Ich werde wohl auch bei diesem Roman zugreifen, auch wenn du nicht durchweg begeistert klingst.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara, das ging mir mit „Joyland“ genauso! Als Stephen King mit seiner „Der Dunkle Turm“-Fantasyreihe angefangen hat, war ich endgültig raus, weil das nichts für mich war. Aber ich find es schön, dass er in letzter Zeit wieder mehr zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Auch „Doctor Sleep“ hat mir gut gefallen. Aber es heißt ja „Buchkritik“ und da darf bzw. sollte man ja auch mal Dinge kritisch hinterfragen 😉 Herzensgrüße, Karo

  2. Da hast du es wirklich geschafft, liebe Karo, mich nochmal auf einen King neugierig zu machen. Ich habe ja viele ganz alte Sachen gern gelesen, so eben wie „Shining“ oder „Friedhof der Kuscheltiere“, ich war King-Fan, so vor acht/neun Jahren. Dann hatte ich ihn über. Diese Mördersekte klingt mir ein bisschen arg überzogen, aber alles in allem ..mh .. werd ich es im Hinterkopf behalten. 😉

    • Strike! 😎 Freut mich, dass ich dich anfixen konnte, liebe Sophie. Ich habe auch nach über einem Jahrzehnt mit „Joyland“ und „Doctor Sleep“ dieses Jahr wieder angefangen, King zu lesen. Und er hat sich genau wie seine Leser wirklich weiterentwickelt, würde ich sagen. Also wenn du mal Zeit hast: Wag diese Reise ins King-Universum. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen 🙂

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