„Die Liebe in Grenzen“ von Veronika Peters

IMG_20131104_124627„Schreib doch mal einen Liebesroman“, hat ein Freund zu Veronika Peters gesagt. Bisher hatte sich die Autorin eher mit weiblichen Einzelgängern beschäftigt, die es in ihrer Rastlosigkeit an abgeschiedene Orte verschlägt. Warum also nicht alles miteinander verbinden? In Die Liebe in Grenzen bekommt die rebellische Katia die Chance, sich bei einem Praktikum im Waldsanatorium Goldmühle zu bewähren, und verliebt sich prompt in den größten Problemfall vor Ort.

Für ihr literarisches Schaffen schöpft die 47-jährige Veronika Peters gern aus ihrer eigenen bewegten Biographie. So debütierte sie mit einem Buch über ihr Leben als Nonne („Was in zwei Koffer paßt“, 2007) oder verarbeitete Erinnerungen an ihre Kindheit in Afrika („An Paris hat niemand gedacht“, 2009). In „Die Liebe in Grenzen“ kehrt sie nicht nur zur Vorgeschichte ihrer Romanheldin Katia aus ihrem letzten Roman „Das Meer in Gold und Grau“ (2011) zurück, sondern auch in ihre eigene Vergangenheit. Seit sie selbst in der Jugendpsychiatrie gearbeitet hat, beschäftigt Peters nämlich die Frage, „wie es Menschen ergeht, die aufgrund verschiedener Auffälligkeiten schon in jungen Jahren ‚aus der Norm‘ und somit aus den gesellschaftlichen Kontexten fallen, obwohl sie vielleicht gar nicht unbedingt in eine stationäre Behandlung gehört hätten.“

Für diese Menschen hat die Autorin in ihrem Roman einen Zufluchtsort erfunden. Die Goldmühle, früher Förstershaus, heute von den benachbarten Dorfbewohnern im ebenfalls fiktiven oberhessischen Lennau als „Irrenmühle“ oder „Deppenkarrussell“ verschrien. Eine WG, wo junge Erwachsene mit Sanatoriumserfahrung den Weg zurück ins normale Leben finden sollen. Sie alle sind früh in einen Psychiatrie-Apparat geraten, der sie mit seinen Diagnosen noch kränker gemacht hat. So wie Mischa, der seit er aus einem brennenden Auto herausgeschnitten wurde, Panik kriegt, wenn man ihn bedrängt. Oder Ada, die man, obwohl sie fettleibig ist, so leicht übersieht. Mehr als einmal fragt sich Erzieherin Katia, die selbst als still und exzentrisch gilt, was sie von den Bewohnern, die sie hier betreut, groß unterscheidet. Bisher ist sie noch an jedem Praktikumsplatz mit ihren bunten Haaren (aktuell: meerjungfrauengrün) und alternativen Ansichten angeeckt. In der Mühle trifft sie erstmals auf Gleichgesinnte.

Von allen Spezialfällen, die Ich-Erzählerin Katia in der Mühle kennenlernt, ist Konrad der speziellste. Ebenfalls ein Exzentriker, mit einer Vorliebe für altmodische Dandy-Anzüge und einer großen zeichnerischen Gabe. Auch wenn Konrad ein notorischer Besserwisser ist, ist er nicht krank. Seine blaublütige Adelsfamilie hat sich nur einen etwas anderen Stammhalter gewünscht und den missratenen Sohn einfach weggesperrt. Von Anfang an fauchen sich Katia und Konrad wie Hund und Katze an – und doch ist etwas zwischen den beiden in Gang, das sie weder erklären, noch aufhalten können. Die beiden werden heimlich ein Paar. Dass das nicht gut geht, ist von Anfang an klar, denn die Geschichte beginnt nach der Trennung. Mehr als tausend Kilometer und drei Monate Sprachlosigkeit liegen zu diesem Zeitpunkt zwischen Katia und Konrad.

Ein bisschen merkt man Veronika Peters ihre fast niedliche Unbeholfenheit beim Schreiben eines Liebesromans an. Die Romanze zwischen Katia und Konrad bleibt seltsam entkörperlicht. Für wen also der rege Austausch von Körperflüssigkeiten zu einem gelungenen Liebesroman dazu gehört, der wird enttäuscht. Die Berührungen, die die beiden vor den Augen des Lesers austauschen, kann man an zwei Fingern abzählen. Als ob es der Autorin zu peinlich oder schwülstig gewesen wäre, hier ins Detail zu gehen oder sie ihren Figuren ihre Privatsphäre lassen wolle. Das macht es nicht gerade einfacher, die verzehrenden Gefühle der Liebenden nachzuvollziehen. Andererseits passt diese verkopfte Leidenschaft aber auch unglaublich gut zum Einzelgängertum der beiden Hauptfiguren, die schlecht mit Nähe, Intimität und Kontrollverlust umgehen können. Oder in Katias Worten: „Ich kam, was die Liebe anging, ziemlich schnell an meine überraschend eng gesteckten Grenzen. Mein Vertrauen hat einfach nicht gereicht. In uns. In mich.“

So erzählt der Roman nicht nur von einer zerbrochenen, sondern einer unmöglichen Liebe, die gar nicht stattgefunden hat, weil beide Protagonisten sie von Anfang an sabotiert haben. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Aussparungen konventioneller Liebesszenen wiederum prima gewählt. Diese Liebe hätte vieles sein können, vor allem ist sie aber zum Scheitern verurteilt. Trotz dieser Tragik findet Veronika Peters eine unaufgeregte, sehr reflektierte Sprache, in den Dialogszenen vielleicht manchmal etwas zu aufgesetzt und referierend, aber von einer so unglaublich zarten Einfühlsamkeit und Menschlichkeit durchdrungen, dass man ein Stein sein muss, um keine tiefe Sympathie zu empfinden.

Hier noch mein persönlicher Musiktipp zur Lektüre:

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6 Kommentare zu “„Die Liebe in Grenzen“ von Veronika Peters

  1. Liebe Karo,

    danke für deine Rezension und diesen schönen Tipp. Das Buch habe ich schon häufiger auf dem Büchertisch liegen sehen, Titel und Cover haben mich aber irgendwie „abgeschreckt“ und verhindert, mich näher mit dem Inhalt zu beschäftigen. Diese Scheu hast du mir mit deinen Eindrücken nun nehmen können, danke. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara, das Cover ist wirklich ein wenig nichtssagend, obwohl es Bezug zu einer Frankreichreise nimmt, die Katia und Konrad planen. „Liebe im Sanatorium“ lässt sich natürlich schlecht bebildern 😉 Schön, wenn ich deine Vorbehalte jedoch mindern konnte 🙂 Lg, Karo

  2. Hallo,

    eine wirklich schöne Rezension, die auch mir Lust auf das Buch macht. Ich werde es im Auge behalten und bei Gelegenheit in mein regal aufnehmen.
    Das Cover finde ich ganz schön 🙂

    LG Nanni

  3. Hallo,
    hab den Tip auf 1Live gehört und habe nun das Buch gelesen (in nichtmal 6 h). Das Buch ist mMn eher was zum Ausleihen und nichts für das eigene Regal. Das Buch fesselt, keine Frage. Ich mag auch gerne Liebesgeschichten, in denen nicht jeder Barbie und Ken ist. Aber an keiner Stelle wurde erklärt oder mir vermittelt, was diese zwei nun aneinander fanden. Es ist wie in manchen Filmen. Es wird gezeigt, dass zwei jetzt wahnsinnig verliebt sein sollen. Aber warum es nun gerade diese zwei Menschen sein sollen, was beide aneinander finden, dass bleibt offen. Und so geht es mir auch hier. Oder hab ich es einfach nur überlesen? Die Story erscheint mir insgesamt etwas holprig. Aber das Buch hatte viel Herz. Also alles in allem ‚Danke‘. LG

    • Hey, vielen lieben Dank für dein Feedback! Mir ging es ja ähnlich mit der Geschichte: Ich konnte zwar sehr gut verstehen, was die beiden aneinander finden (sie sind hochsensible, intelligente Außenseiter, die sich mit einem Schutzpanzer aus Sarkasmus umgeben und sich dadurch im anderen wiedererkennen), aber ich hatte eher ein Problem damit, dass mir die Liebesszenen fehlten. Nicht weil ich so eine große Romantikerin wäre, sondern eben auch, um nachvollziehen zu können, was die beiden aneinander bindet. Dennoch finde ich den Roman, seine Sprache und seine Figuren sehr besonders und anders als das, was man sonst so liest 🙂 Lg, Karo

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