„Messy Lives“ von Katie Roiphe

IMG_20131108_162502Entweder man liebt Katie Roiphe und möchte sie zur besten Freundin haben (yep, damit mein ich mich). Oder man hasst sie. Im Vorwort ihres Essaybands Messy Lives. Für ein unaufgeräumtes Leben erzählt die New Yorkerin wie sie einst einen Leserbrief bekam, in dem stand: „Sie tragen zur Zerstörung unserer Zivlisation bei.“ Heute hängt dieser Brief an Roiphes Bürowand und dient ihr als Inspirationsquelle, immer wenn sie den Hintern nicht hochkriegt. Im Buch kriegt man eine Ahnung davon, warum die Single-Mum und Journalistin nicht bei allen beliebt ist. Sie scheißt auf eine gesunde Work-Life-Balance, Yoga, Mr. Right und einen stets gut gefönten Auftritt. Nicht mit Katie. Manchmal, ist das anstrengender als perfekt zu sein.

Ein paar Wochen, nachdem ihr Mann ausgezogen ist, kommt Katie Roiphe mit ihrer dreijährige Tochter Violet gerade mit dem Zug aus Long Island zurück. Es ist ein heißer Sommertag, beide sind mit Staub und Klebrigkeiten überzogen, obendrein kämpft Violet mit einer Erkältung. Als ihnen ein befreundetes Paar über den Weg läuft, kann Katie das Entsetzen förmlich in deren Augen lesen: „dreckige Sommerkleider, kleinkindliche Rotznase, verfilzte Haar. Wir entsprechen einfach jedem Bild, das sich die Welt von uns macht. Bei uns geht alles den Bach runter.“ Da steht sie, die Ex-Frau, und gibt dem Affen Zucker mit ihrem „Häuflein Elend“-Auftritt. Es sind diese und andere aus dem Alltag gegriffene Anekdoten, die Roiphes Texte so groß machen, aber auch unangenehm wie Fettfinger auf einer hochglänzenden Küchenplatte. Denn jeder kennt solche Situationen – und vorschnell urteilen oder hämisch spotten, das tun eben nicht immer nur die anderen, sondern auch man selbst.

Auch Roiphe nimmt sich da nicht raus: „Aus einem höchstwahrscheinlich perversen Grund finde ich Themen oder Blickwinkel interessant, die dazu führen, dass Leute – manchmal sogar ich selbst – sich unwohl fühlen.“ Vor allem denkt man aber: „Diese Frau hat ja sooo recht!“ Egal, ob sie über falsche Freunde, wütende Netz-Kommentatoren oder übermotivierte Eltern, über Susan Sontag oder Twitter-Kriege schreibt. In einem spritzigen Cocktail aus Kulturkritik, Buchbesprechung und persönlicheren Essays unterzieht sie unsere medial inszentierten Welt einem Close Reading, zersägt unsere Sprache und die in ihr hintergründig wirkenden Bilder und Mythen. Und kommt dabei häufig zu verblüffenden Erkenntnissen.

Obwohl ich selbst Journalistin bin, kam ich beispielsweise ins Staunen über ihre eigentlich auf der Hand liegende Beobachtung, dass die Erotik-Buchreihe „Shades of Grey“ deshalb so ein großer Mainstream-Erfolg werden konnte, weil die Heldin Ana Steele gar nicht auf SM-Sex steht, sondern einfach nur in Christian Grey verliebt ist. Dieser formelle Trick befreit sie von jeglicher Schuld und Verantwortung: „Sie kann seine Bestrafungen, seine Lederpeitschen und seine milden Demütigungen genießen, ohne je sagen zu müssen, sie habe sich das so ausgesucht oder sich dafür entschieden.“ Oder habt ihr schonmal darauf geachtet, dass Starporträts in Promizeitschriften immer demselben Erzählschema folgen und so bestimmte Sehnsüchte wecken? Oder euch Gedanken darüber gemacht, dass Frauen, die in sozialen Netzwerken anstatt ihres eigenen Profilbildes das ihres Kindes nutzen, ein reaktionäres, präemanzipiertes Mutterbild befördern? „Das mag trivial erscheinen, aber die Idee hinter Facebook ist ja, eine sozial Person zu erschaffen, ein Image, das übers ganze Land in Hunderte von Schlafzimmer, Cafés und Büros projiziert wird.“

Dabei sind Roiphes Texte einerseits so geistreich und mit klarem Verstand formuliert, andererseits so witzig und locker, dass es kein Wunder ist, dass ihre Artikel sowohl in seriösen Zeitungen wie der New York Times als auch in Mode-Mags wie der Vogue gefragt sind. Vor allem freut es mich, dass es noch moderate Feministinnen gibt, die die Welt nicht in Frauen und Männer unterscheidet, sondern sich an erster Stelle für Menschen interessiert, ihre individuellen Freiheiten und das soziale Miteinander.

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17 Kommentare zu “„Messy Lives“ von Katie Roiphe

  1. Klingt zum verlieben! Und Nutzerinnen die Ihr Kind als Avatar nehmen, sollten wg. Schädigung des Persönlichkeitsrechtes des Kindes verklagt werden…oder so 🙂 ein Gruß von Madame Flamusse

    • Wie recht du hast, liebe Madame Flamusse! Toll finde ich aber auch, wie Roiphe in ihrem Buch auf solche gesellschaftlichen Entwicklungen hinweist, sich klar positioniert, aber dennoch niemanden verurteilt. Ihre Argumentation hat Hand und Fuß, gleichzeitig lässt sie sich viel von ihrer Intuition leiten. Ein schmaler Grad, den sie mit Bravour meistert! Lg, Karo

      • Das klingt nach „Extrem Gut und Bewunderswert“ – denn das ist eine große Kunst Position zu beziehn und nicht zu urteilen…ich hoffe es läuft mir in der Bücherei über den Weg. Momentan habe ich „Living Dolls“ von Natasha Walter hier liegen…so zum Thema Feminismus…klingt auch sehr spannend. 😉
        Hach, last uns Banden bilden *seufz*

      • Yeah, riot grrrls united! „Living Dolls“ habe ich auch gelesen – das sind Stimmen, mit denen ich mich identifizieren kann, leider sind diese Stimmen immer noch zu leise :-(.

      • vielleicht noch zu leise, aber es werden immer mehr und vieles dringt ja nun auch Richtung Mainstream durch. Der Punkt ist die Sensibilisierung der „Normalo“Frau und vorallem der Jugendlichen. Viele denken ja sowas wie Gleichberechtigung sei schon realisiert, da ist vieles gar kein Thema mehr, bzw es gibt echt Rückschritte siehe „Living Dolls“.
        Leider wird vorallem im Bereich Gender und Gleichstellung wieder sehr gekürzt in den städtischen Haushalten und damit fallen offizielle Stellen weg. Deswegen müssen wir dranbleiben!!!
        Yeah Sisters United Grrrrrrrrrrrr

      • Da es ein Exemplar des Verlages ist, werde ich es auf jeden Fall besprechen, wie mir die Lektüre gefällt, darauf bin ich aber schon sehr gespannt. Jetzt kommt aber erst einmal der neue Knausgard dran! 😀

      • Ich glaube, du wirst viel Spaß haben mit Katie Roiphe 😆 Aber mit Knausgard bist du ja erstmal einige Zeit beschäftigt – mit seinen dicken Hardcovern kann man sicher einen Menschen erschlagen 😯

  2. Das Buch klingt interessant. Ich lese nur ganz selten Essays – hatte bisher immer nur „Changing my mind“ von Zadie Smith im Blick. In diesen Band werde ich auf jeden Fall mal reinlesen. Danke für den Tipp!

    LG, Katarina 🙂

    • Liebe Katarina, schön, dass ich dein Interesse wecken konnte 🙂 Ich mag die Essayform bei Sachthemen sehr – sie ist schnell, unterhaltsam, informativ, irgendwie sehr journalistisch – da versuch ich immer draus für meine eigene Schreibe zu lernen. Auch wenn es mehr theoretisch hilft als praktisch 😉

  3. Mit deiner Buchbesprechung hast du mich (mal wieder) neugierig gemacht. Habe das Buch dann in der Bücherei ausgeliehen. Anfangs mochte ich Katie so gar nicht – aber um so mehr ich in dieses Buch abgetaucht bin…
    Vor allem hat es mir gezeigt, wie wenig Vorurteile ich eigentlich habe. Wer bin ich, dass ich andere Menschen verurteilen kann? Wie Katie Roiphe so schön zitiert: „Man hat nur ein Leben – wenn überhaupt.“

    • Liebe Corinna, es freut mich, dass ich dich für Katie habe begeistern können und der Funke dann am Ende doch noch übergesprungen ist 😉 Ich finde es immer spannend, Einblicke in das Leben tougher Powerfrauen zu kriegen, die ich bewundere, und festzustellen, dass sie auch nicht perfekt sind.
      Und was habt ihr bitte für ne coole Bücherei, dass die immer die neuesten Titel haben?! Echt gut! In meiner Essener Stadtbücherei habe ich immer ewig warten müssen.
      Lg, Karo

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