„Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson

IMG_20131120_090536In den nächsten Monaten wird’s ziemlich langweilig an der Spitze der Bestsellerlisten, denn Jonas Jonasson hat seinen zweiten Roman fertig. Nachdem sich „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ hierzulande bereits 2,5 Millionen Mal verkauft hat, schreibt der Schwede mit Die Analphabetin, die rechnen konnte seine Erfolgsstory weiter, indem er sich einfach selbst kopiert. Ein Normalo, der Staatspräsidenten, Agenten und Könige auf internationalem Parkett begegnet, dadurch zufällig in die Weltpolitik eingreift und an Atombombenprogrammen rumpfuscht – kennen wir das nicht? Damit auch der letzte Leser checkt, dass er den neuen Jonasson in den Händen hält, hat carl’s books in Anlehnung an das Elefanten-Cover des „Hundertjährigen“ ein Zebra auf den Buchumschlag gedruckt, das nix mit dem Inhalt zutun hat – außer, dass es vom selben Kontinent stammt wie die Titelheldin.

Ich gebe zu, den „Hundertjährigen“ etwa nach der Hälfte abgebrochen zu haben. Und zwar an der Stelle, wo sich ein Elefant auf einen ziemlich bemitleidenswerten Kleinganoven setzt und ihn so zu Mus zerquetscht. Über so Dick-und-Doof-Witze konnte ich schon als Kind nicht lachen. Und obwohl Plot und Holzhammer-Humor des neuen Schelmenstücks ähnlich haarsträubend daherkommen, war ich überrascht, dass die „Analphabetin“ mich dann doch sehr gut unterhalten hat!

Das liegt, so vermute ich, vor allem an der Hauptfigur Nombeko, die ich sehr viel lieber mochte als Allan Karlsson. Während dieser ein dümmlicher Forrest Gump war, der nicht ganz verstand, was um ihn rum geschah, ist es hier genau andersherum: Rechenwunder Nombeko ist superschlau und die Einzige, die den Durchblick behält. Wer als Schwarze ins südafrikanische Apartheidsregime hineingeboren wird und schon mit fünf Jahren Latrinentonnen im größten Slum Soweto schleppen muss, der ist eben mit allen Abwassern gewaschen und lässt sich durch Nichts so schnell schocken. Auch nicht davon, von einem sturzbesoffenen Ingenieur mit dem Auto überfahren und zur Strafe die nächsten Jahre in seiner festungsartigen Wohnanlage zum Putzen verdammt zu werden.

Nun hat aber gerade dieser Ingenieur den geheimsten aller geheimen Aufträge erhalten, sein Land zur Atommacht zu machen, aber leider keine Ahnung davon, wie das geht. Als er jedoch feststellt, dass seine Putzfrau – die er der Einfachheit halber nicht beim Namen, sondern Wieheißtdunochgleich ruft –  in seiner Bibliothek nicht nur feudelt, sondern auch liest („Lesekenntnisse waren ja nicht unbedingt ein hervorstechender Zug unter den Analphabeten der Nation.“) und im Gegensatz zu ihm sogar versteht, was in den dicken Schinken über höhere Mathematik und Chemie steht, gibt es Hoffnung für sein Forschungsprojekt. Tatsächlich knackt Nombeko die Formel für den Bau von Kernwaffen. Man kann sich vorstellen, dass die Probleme damit erst richtig losgehen. Nicht nur lässt der Ingenieur eine Atombombe zuviel bauen, die gerät dann auch noch durch Zufall in Nombekos Besitz, die sich gerade als politischer Flüchtling nach Schweden abgesetzt hat.

Im Folgenden erlebt die Romanheldin in guter Jonasson’schen Manier eine spektakuläre Tour de Force, um die Atombombe wieder loszuwerden. Ihren Höhepunkt findet die unglaubliche Geschichte in der Entführung des schwedischen Ministerpräsidenten und des Königs Carl Gustav in einem Kartoffellaster. Was das mit zwei Brüdern zu tun hat, die beide Holger heißen, einer Kiste Antilopenfleisch, einer falschen Gräfin und ein paar echten unechten Ton-Enten aus der chinesischen Han-Dynastie, muss jeder selbst rausfinden. Diesmal, so viel sei verraten, hält sich die Zahl der Slapstickeinlagen, in denen Menschen eines unnatürlichen Todes sterben, jedoch glücklicherweise in Grenzen. Es reicht ja wohl auch, dass die schwedische Bevölkerung sich in der ungeahnten permanenten Gefahr schwebt, Opfer eines nuklearen Supergaus zu werden.

Auch wenn die „Analphabetin“ ihrem Vorgängerroman sehr ähnlich ist, hätte ich nicht gedacht, dass Jonasson doch noch etwas Neues aus dem Stoff rausholen kann. Wer den „Hundertjährigen“ mochte, der wird sowieso seine Freude an diesem Buch haben. Allen anderen empfehle ich, dem Autor noch eine Chance zu geben und sich vielleicht ebenso positiv überraschen zu lassen wie meine Wenigkeit. Beim nächsten Mal, lieber Herr Jonasson, aber bitte mal was anderes! Auf Nachfolger wie „Die Blondine, die atmen konnte“ oder „Der Vater, der zum Zigarreten holen ging und nie wiederkam“ kann die Welt, glaub ich, ganz gut verzichten.

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10 Kommentare zu “„Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson

  1. Interessant, mein Eindruck war genau andersherum. Den Hundertjährigen mochte ich bedeutend lieber als das jetzt. Du lässt ja wenigstens noch so einige gute Haare an dem Buch, dazu sah ich mich außerstande. 😉

    • Liebe Sophie, ich habe deinen Verriss absichtlich erst jetzt gelesen 😉 Wirklich lustig, wie gegensätzlich unsere Leseeindrücke sind. Ich glaube, an diesem Autor scheiden sich sowieso die Geister…aber gerade das finde ich spannend.

  2. Liebe Karo,

    ich muss gestehen, dass ich bereits um den Vorgänger einen großen Bogen gemacht habe. Gehypte Bücher machen mir immer etwas Angst, ich glaube, es gab kein anderes Buch, dass ich letztes Jahr im Weihnachtsgeschäft so häufig habe einpacken müssen. 😉
    Dieses hier klingt ganz nett, auch wenn die Meinungen ja bereits auseinander gehen – Sophie hatte der Roman ja weniger gefallen. Wenn ich es geschenkt kriege, werde ich wohl nicht nein sagen, kaufen muss ich es mir aber nicht unbedingt.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara, warum ausgerechnet „Der Hundertjährige“ so ein großer Erfolg geworden ist, bleibt mir auch ein Rätsel. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich einen absolut anderen Humor habe. Bei beiden Romanen von Jonasson ist mir noch nicht einmal ein müdes Lächeln übers Gesicht gehuscht, aber irgendwie hat mich Nombekos Geschichte mehr bewegt und es schleicht sich bei den Beschreibungen der Apartheid in Südafrika ein bissiger Sarkasmus ein, der mir ganz gut gefallen hat. Herzlichst, Karo

  3. Ich bin sehr begeistert über die unterschiedlichen Deutungen der beiden Bücher 😉 und werde Eure Besprechungen zum Anlass nehmen, die anderen Romane meines Stapels in Ruhe und Muße zu lesen, ohne von Analphabeten, Elefanten oder Zebras dabei gestört zu werden…
    Viele Grüße, Claudia

  4. Hi Caro,
    ich habe den Hundertjährigen ganz gern gelesen…und die Analphabetin – nach kurzem Anlesen – soeben verschenkt.
    Der Killerfant mag zwar sehr skurile Züge haben, aber manchmal ist das Leben tatsächlich so… Ein Kollege meines Vaters z.B. ist bei einer geführten Wanderung in einen Seitenkrater des Ätna gerutscht und ist als Wasserdampfwolke geendet – das war nicht wirklich witzig – vermutlich vor Allem für ihn – aber skuril und irgendwie unwirklich allemale. Auf einen Bekannten von mir ist – während er Motorrad fuhr – ein voll beladener Laster gefallen. Die Wirkung war auch „elefantös“… Wie gesagt: Manchmal zeigt das Schicksal Haudrauf-Allüren.

    • Jetzt bin ich aber – um beim Bild zu bleiben – echt geplättet! Ich will auch gar nicht bestreiten, dass das Leben die skurrilsten Geschichten schreibt. Was mich eigentlich pikiert hat, ist, dass der arme Killerfant (dolles Wort) als Mordinstrument missbraucht wurde, indem ihm der Befehl gegeben wurde, sich zu setzen. So ein Elefant hat zwar ein dickes Fell, aber schließlich auch Gefühle. Aber Komik ist Tragik in Spiegelschrift….

      • Daran hatte ich in der Tat nicht gedacht…ein Elefant würde das in Realität wohl nicht tun. Sonst müsste der Dicke auf die Couch – zur Psychofantalyse. Seufz – ich hör‘ lieber auf, sonst schreib ich noch eine Fortsetzung. Mir liegen diese skurilen Dinge…
        Liebe Grüße aus dem novembergrauen Bayernland

  5. Liebe Karo,
    ich muss gestehen, dass ich zu diesem Autor keinen Zugang finde. Meine Leseversuche beim Hundertjährigen sind genauso gescheitert wie bei diesem hier. Angesichts der großen Begeisterung fühlt es sich da schon ein wenig unbehaglich an, dass ich nicht mit jubeln kann. Aber so ist es eben. Ich freue mich viel lieber darüber, dass die Menschen wie von einer Hornisse gestochen ganz wild hinter diesem Autor her sind und seine Bücher lesen wollen. Sie lesen und das allein zählt für mich. Am Ende ist es mir da (fast) egal, wie konstruiert die Jonasson-Romanwelt ist.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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