„Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ von Rachel Joyce

IMG_20131126_215634Merkt ihr was? Erst erscheint pünktlich vor dem großen Weihnachtsansturm der Nachfolger von Jonas Jonassons „Hundertjährigem“ – jetzt legt Rachel Joyce nach, deren Debüt „Die unglaubliche Pilgerreise des Harold Fry“ häufig mit dem „Hundertjährigen“ verglichen wurde. Dieser Vergleich war für mich Grund genug, Harold Fry und seiner Erfinderin gepflegt aus dem Weg zu gehen. Jetzt, wo ich Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte regelrecht verschlungen habe, musste ich jedoch feststellen, dass ich Mrs. Joyce unrecht getan habe. Diese wunderbare Schriftstellerin hat so viel mit Jonas Jonasson gemeinsam wie eine singende Säge mit einer Stradivari. Vielmehr steckt in ihr das sensible und phantasievolle Erzähltalent vom Format ihrer britischen Landsfrau J.K. Rowling.

„In zwei Sekunden kann viel passieren, was sonst nicht passiert wäre. Ein einziger Schritt zu weit, und man stürzt eine Klippe hinunter. Das ist sehr gefährlich.“ 1972 werden die Uhren um zwei Sekunden zurückgedreht, um Erdrotation und Zeitrechnung wieder in Einklang zu bringen. Aber was bedeutet es, wenn man an der Zeit, die doch die natürliche Ordnung der Dinge darstellt, einfach so rumschrauben kann? Diese beunruhigende Frage lässt den elfjährigen Byron nicht mehr los, nachdem sein bester Freund James ihm von der Sache erzählt hat.

Byrons Welt gerät vollends aus den Fugen, als seine Mutter ausgerechnet in dem Moment, in dem die Extrasekunden hinzugefügt werden, einen Autounfall baut. Damit Byron und seine kleine Schwester nicht zu spät zum Unterricht an ihrer Privatschule kommen, nimmt sie mit dem neuen Jaguar eine Abkürzung durch die Sozialsiedlung und fährt dabei ein Mädchen auf einem roten Fahrrad an. Doch zu Byrons Entsetzen fährt seine Mutter einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Hat er sich den Unfall nur eingebildet? Zusammen mit seinem Schulkameraden James, dem klügsten Jungen an der Winston House School in Cranham, macht Byron sich auf detektivsche Spurensuche.

Vierzig Jahre später, am Rande einer Neubausiedlung in Cranham, lebt ein stiller, einsamer Mann namens Jim in einem Wohnmobil. Sein halbes Leben hat Jim in der Psychiatrie verbracht, bevor diese geschlossen wurde. Dort, in Besley Hill, haben sie ihn mit Elektroschocks behandelt. Seine Zwangsneurosen konnten sie ihm damit nicht austreiben, dafür ist ein Stottern hinzugekommen. Jeden Morgen begrüßt Jim das komplette Hab und Gut in seinem Camper. Hallo Wasserhähne, hallo Rollmatratze, hallo, kleiner Kaktus, sagt er. Wenn er etwas vergisst, fängt er von vorne an. Die Objekte sind die einzigen Freunde, die Jim hat. „Seit der Schließung von Besley Hill hat er sich beides gewünscht, Freunde, Liebe, hat sich gewünscht, andere zu kennen und gekannt zu werden, aber wenn man immer ein- und aussteigt, unbelebte Gegenstände begrüßt und Öffnungen mit Isolierband verklebt, bleibt nicht viel Zeit.“ Doch dann lernt Jim in dem kleinen Supermarkt-Café, in dem er die Tische abräumt, Eileen kennen. Ein Orkan von einer Frau, laut, aufbrausend, raumfüllend – Jim passiert etwas, dass er nicht mehr für möglich gehalten hat. Er verliebt sich.

Wenn man nach Zuklappen eines Romans Pipi in den Augen hat, ist das der beste Beweis, dass es ein guter Roman ist. Ich weiß gar nicht, welche Geschichte mich mehr bewegt hat – die von Byron oder Jim. Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Erzählsträngen. Dennoch wird die Spannung um dieses Geheimnis bis zuletzt aufrechtgehalten. Überhaupt passiert in diesem Buch gar nicht so viel, aber es wird nie langweilig. Das liegt zum einen an dem Gefühl, dass jeden Moment etwas Furchtbares geschehen könnte und es zur Katastrophe kommt. Neben diesem Kloß im Hals steckt aber auch ganz viel Hoffnung und Humor zwischen den Seiten. Zum Beispiel, wenn Jim und Eileen nach imaginären Dingen auf dem Supermarkt-Parkplatz suchen, nur um sich nicht in die Augen schauen zu müssen: „So stehen sie Seite an Seite, berühren sich beinahe, aber nicht ganz, und suchen beide nach Dingen, die es vielleicht gibt, vielleicht auch nicht.“

Rachel Joyce eigentliches Geheimnis jedoch, um den Leser in ihren Bann zu ziehen und die Figuren für real zu halten, ist ihre unglaubliche Sprache. Sie ist sowohl schlicht in ihrem Satzbau, als auch verspielt in ihrem Bilderreichtum. Vor allem wirkt sie unverbraucht. Wenn sie schreibt, dass die Heide zartgelb wie Zitronensorbet leuchtet oder die Seligkeit in der Luft liegt als etwas Süßes, das man auf der Zunge schmecken und hinunterschlucken kann, dann wirkt das nicht wie klebriger Kitsch, sondern wie pure Magie. Weil es eine kindliche Welt ist, eine verzauberte Welt, in der solche Dinge möglich erscheinen.

Schöne Musikuntermalung zum Roman:

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13 Kommentare zu “„Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ von Rachel Joyce

  1. Karo! Du schadest langsam meinem Geldbeutel, weil du mich auf Bücher hinweist, die ich eigentlich schon mit dem Etikett „Trivialliteratur“ vom Bücherradar gestrichen hatte – jetzt muss ich es mir wohl doch holen, das Buch klingt einfach zu verlockend. 🙂

    • Kaufen, kaufen, kaufen!!! Ich schwöre dir: Du wirst es nicht bereuen – es ist das Gegenteil von trivial. Und vielleicht kannst du es dir ja zu Weihnachten wünschen 😉

  2. Am Anfang Deiner Besprechung bin ich ja noch ganz beruhigt gewesen: Einen großen Bogen hättest Du gemacht um die Autorin, haha, seht nur, genau Weihnachten kommt ihr neues Buch, was soll man schon davon halten…?! Und dann? Lobst Du den Roman in so hohen Tönen und machst so furchtbar neugierig auf die beiden Geschichten, dass man sofort in den Buchladen flitzen muss! – Vielen Dank für die schöne Besprechung :-).
    Und viele Grüße, Claudia

    • Haha, Claudia, da hab ich dich an der Nase rumgeführt – das war aber auch meine Absicht. Denn eigentlich ging es mir auch genauso: Watt, Bestseller? Mainstream? Muss ja trivial und doof sein. Aber es lohnt sich, seine Vorurteile über Bord zu werfen. Sophie von Literaturen hat übrigens den Vorgänger „Harold Fry“ gelesen und ist auch ganz begeistert von Rachel Joyce…also gib dir nen Ruck 😉 Herzlichst, Karo

  3. Oh, wie fein! Mochte Harold Fry schon so wahnsinnig gern. Und jetzt habe ich ne Idee für den nächsten vielversprechenden Schmöcker. Sehr gut. Hoffe, du wirst Harold Fry nun doch noch lesen. Geht echt ans Herz. LG

  4. Nee jetzt, Harold Fry fand ich so la la, also da sollte man nicht zu sehr an der Oberfläche kratzen, aber du machst mir jetzt hier wirklich den Mund wässrig. Seufz. Anna

  5. Ich habe es gerade heute ausgelesen .. ja, bestimmt dreihundert Seiten heute einfach so weggelesen, eben weil es genau so ist, wie du schreibst. Mehr ist dem eigentlich nicht hinzuzufügen. Ich mochte Harold schon, aber .. das ist eigentlich noch besser. 😉

  6. Ach wie schön, deine Rezension liest sich toll. Ich habe Mrs.Joyce ersten Roman gelesen und ihn trotz leiser und unspektakulärer Töne geliebt oder genau deswegen. Ich mag ihren nachdenklichen, erschreckend ehrlichen und zugleich hoffnungsvollen Stil. Dieser Roman hier wird mich sicherlich auch begeistern können. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum er noch nicht in meinem Regal steht. Liebe Grüße, Steffi

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