„Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf

Herrndorf_Arbeit und Struktur„Ein großer Spaß dieses Sterben. Nur das Warten nervt.“ Im März 2010 erfährt Wolfgang Herrndorf, dass in seinem Kopf eine Zeitbombe in Form eines bösartigen Tumors tickt. Die Zeit des Wartens auf den eigenen Tod füllte der Berliner Schriftsteller mit Arbeit und Struktur. So hat er auch seinen Blog genannt, der jetzt gemäß seines Wunsches in Buchform erscheint. Zum Schluss wollte Wolfgang Herrndorf nicht länger warten. Am 26. August nimmt er sich das Leben. Er wurde nur 48 Jahre alt.

Im Schnitt sei er kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, schreibt der Autor am 28.03.2011, nur die Ausschläge nach beiden Seiten seien größer. Euphorie und Trauer. Resignation und Verzweiflung. So gestalten sich Herrndorfs Tage ab jetzt. An einem Morgen fleht er zu Gott (an den er nicht glaubt, Herrndorf war Nihilist), ihm nur ein Jahr mehr Zeit zu geben, drei Stunden später witzelt er über den deprimierenden Anblick von ein paar Türstehern in der Reinhardtstraße: „Da geht’s mir doch verhältnismäßig gut.“ Insgesamt sei er sogar vielleicht ein bisschen glücklicher als früher, weil „ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind.“

Und er ist in dieser Zeit produktiver als je zuvor: Zwei preisgekrönte Romane, „Tschick“ (2010) und „Sand“ (2011), gelingen dem Mann, der früher Worte in seinem Kopf hin- und herrollte wie Sisyphos Steine, ohne wirklich etwas zu schaffen. Viele nennen „Arbeit und Struktur“ jetzt sein Hauptwerk. Und ja, dieses Tagebuch ist große Literatur, auch wenn Herrndorf in seiner typisch selbstzweiflerischen Art lediglich von der „mühsamen Verschriftlichung meiner peinlichen Existenz“ spricht. Es ist, natürlich, so viel mehr. Es ist die Wahrheit über die eigene Endlichkeit, wenn sie sich nicht länger verdrängen lässt, weil sie einem jeden Tag ins Gesicht springt. Es ist das kranke Lachen eines Superschurken, der besiegt ist, aber seine letzte Schlacht zu Ende kämpft.

Zunächst als „Mitteilungsveranstaltung“ für Freunde gedacht, lesen durch die wachsende Bekanntheit von Herrndorf und seinem Schicksal immer mehr Menschen seinen Blog, in dem er seine Krebserkrankung schildert und was sie mit ihm anstellt. Auch Stalker, Fanatiker und Irre, die zu kraniosakraler Therapie in Form von Handauflagen raten, zur Vermeidung von Energiesparlampen in Kopfnähe, oder wie Kieferorthopäde Dr. H.G. Fritz aus Bietigheim-Bissingen: „Nur schwarzer Kaffee ohne Zucker und Wasser mit Apfelessig und alle 2 Stunden frisch gepressten Gemüsesaft von Biogemüse.“ (Ja, Dr. Fritz ist rechtmäßig approbierter und praktizierender Arzt.) Schülerin Deneb ruft an, weil sie einen Werdegang über den „Tschick“-Autor schreiben soll. Ob er verheiratet sei? Bei Wikipedia stehe nichts dazu. Herrndorf bittet Deneb ihrer Lehrerin auszurichten, sie könne sich die Hausaufgabe in den Arsch schieben.

Übrigens komme ich indirekt auch vor. Wie ich bereits in meinem Nachruf auf Wolfgang Herrndorf erzählt habe, versuchte ich mal ein Telefoninterview mit dem Autor zu führen. Damals wusste ich noch nichts von seiner Krankheit und habe mich ziemlich dämlich benommen. Naja, es ist zwar in Anbetracht dessen, was er zu dieser Zeit durchgemacht hat, ziemlich egoistisch, aber ich war dennoch erleichtert, über diesen Vorfall lediglich zu lesen: „Versuchsweise einem Interview am Telefon zugestimmt, WDR, ging gar nicht. Zweiter Tag der Chemo, Konzentrationsschwierigkeiten, keinen Satz zu Ende geredet.“ (16.09.2010)

Nicht nur Bestrahlung, Chemo, Operationen zehren an Herrndorfs Kräften, auch der Tumor selbst greift immer mehr seine Substanz an. Seine größte Sorge ist es, irgendwann „nicht mehr Herr im eigenen Haus“ zu sein. Manchmal kann er nur beruhigt arbeiten, wenn die Pistole neben ihm auf dem Schreibtisch liegt. Warum zahlt die Krankenkasse eigentlich Globuli, aber keine Bazooka? Als seine Krebsdiagnose noch nicht feststeht, weist er sich selbst in die Psychiatrie ein. Im Pinguinkostüm, weil: Wenn schon Klapse, dann richtig! Zu den manischen Phasen kommen mit der Zeit Sichtfeldeinschränkungen, Orientierungslosigkeit, Sprachstörungen, Epilepsie. Er irrt stundenlang durch Berlin, weil er seine Wohnung nicht findet, braucht mehrere Versuche, um die Hausschuhe anzuziehen. „Könnte auch L und R auf die Sohlen schreiben, um das grausame Spiel abzukürzen. Aber es ist halt auch eine Herausforderung, den Morgen mit einem IQ-Test zu beginnen.“

In seinem Tagebuch finden sich einige Fotos, Selbstportraits, von Herrndorf. Stets schaut er direkt in die Kamera, er lächelt nie. Er will nicht gefallen oder etwas darstellen, was er nicht ist. Er wirkt kontrolliert und das war seine oberste Prämisse während dieser Erfahrung völliger Ohnmacht. Was wir von ihm zu sehen bekommen und was nicht, das bestimmt immer noch ganz allein er. Man erlebt seinen Verfall zwar volle Breitseite mit, das Gefühl von Echtzeit stellt sich ein, aber das stimmt so natürlich nicht. Der Blog dokumentiert ja keine unmittelbaren Ereignisse. Umso interessanter ist, was Herrndorf uns sehen lässt, was er preisgibt. Er schreibt von seiner Angst vor Monstern unterm Bett, davon, dass er beim Anblick von Kindern weinen oder gleich den Raum verlassen muss, wie er seine alten Tagebücher in der Badewanne einweicht, damit keiner seiner pubertären Ergüsse mehr lesen kann. Urängste, die irgendwie jeder kennt, genau wie das Sterben eine universelle Erfahrung ist. Und so habe ich aus diesem Text mehr Trost als Trauer, mehr Respekt als Mitleid gezogen. Und ich glaube, genauso wollte er es.

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11 Kommentare zu “„Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf

  1. Sterben wird ja so stark verdrängt. Wie kann man gut mit dem Gedanken leben zu sterben? Das ist absurd und paradox. Den eigenen Tod zu denken, ist ein paradoxer Gedanke. Man kann sich nicht lebend tot denken. Es ist spannend,dass Herrndorf hier scheinbar aus seiner schriftstellerischen Arbeit Kraft schöpft, eben auch die Kraft weiterzumachen. Wer weiß wohl wie lange er geplant hat, den Freitod zu wählen … Seine engsten Freunde werden es vielleicht wissen. Die lesen jetzt dieses Buch von ihrem Freund mit diesen privaten Gedanken. Das ist sicherlich nicht immer leicht und sehr befremdlich, sehr hart.
    Ich finde es interessant, dass man als Autor dieses Bedürfnis hat, solche Gedanken öffentlich zu machen. Es hilft ja scheinbar. Allerdings sehe ich es mit gemischten Gefühlen, wenn jetzt viele Leser erst auf ihn aufmerksam werden, da sein Freitod der Autoren-Aura einen interessanten Aspekt verleiht. Ähnlich dem Bedürfnis der Sensationsgier bei einem Verkehrsunfall, um es mal überspitzt zu sagen. Ein perverser Glücksfall für das Marketing und den Verlag, die ja ein rein kaufmännisches Interesse haben, wenn auch der Autor wohl hier verfügt hat, es solle veröffenlicht werden. Aus Nächstenliebe wird das Verlagsunternehmen nicht handeln …

    • Hallo, liebe Katja! Ich find’s total spannend wie du das Phänomen „Herrndorf – Blog – Öffentlichkeit“ erlebst. Denn sobald man den Text gelesen hat, empfindet man, glaub ich, etwas anders: Zum einen lässt sich dort ganz exakt nachlesen, wann Herrndorf erstmals an wie er es nenn t“Exitstrategien“ gedacht hat (schon sehr früh – er wusste ja nicht, ob er 3 Monate oder 3 Jahre durchhalten wird). Zudem war es ja ein öffentlicher Blog, das heißt, auch seine Freunde wussten das ziemlich früh – und haben seine Entscheidung respektiert und sogar unterstützt. Weil es Herrndorf wichtig war, dass andere in ähnlichen Situationen davon erfahren, wollte er den Blog so weit verbreitet wissen wie möglich. Das heißt, die Initiative zur Veröffentlichung ging auch zum starken Teil von ihm (sowie seiner Vertrauten Kathrin Passig) und nicht vom Verlag aus.
      Wenn die mediale Öffentlichkeit dabei hilft, dem Thema Tod und Krankheit mehr Aufmerksamkeit zu widmen, finde ich das auch positiv. Vielleicht verdrängen wir es gerade weil es so paradox ist…lg, Karo

      • Ja richtig, wir können mit dem Bewusstsein des Todes nicht leben – das meine ich ganz existentialistisch gedacht und von einem philosophischen Standpunkt her. Der Tod muss quasi verdrängt werden, wenn du leben willst. Was nützt es, jeden Tag zu denken „oh mein Gott, ich sterbe“ – wir ALLE WERDEN STERBEN. Dann sind wir weg, unbedeutet, alles ist vergangen, und wenn wir Glück haben erinnert sich jemand an uns. Ein Autor wie Herrndorf hat es geschafft, dass mehr von ihm überdauert. Aber wie viele Menschen sterben einsam und allein und es interessiert kaum jemanden, manchmal sogar nicht mal die eigenen Familie. So ist das eben. Und eigentlich hat es jeder verdient, dass irgendwer sich an ihn erinnert oder zumindest liebevoll an ihn denkt … Aber das ist eben nicht jedem vergönnt. Daher finde ich das so interessant, dass eine Person der Öffentlichkeit, wie ein Autor, der auch vom Veröffentlichen lebt, dem Veröffentlichen erst seine Existenz ermöglicht und diese auch bedeutet, dann quasi weiterlebt, weil immer noch etwas von ihm das ist, was andere lesen und damit leben seine Gedanken weiter … Schreiben, quasi, gegen die Angst schreiben, einmal vergessen zu sein – und dadurch zu überleben. Herrndorf ist ja nicht der erste und einzige Künstler, der sein Sterben oder Krankheit so öffentlich macht – bei Schlingensief war es ja auch ähnlich. Sein Buch möchte ich demnächst mal lesen. Und dennoch finde materialistischen Wert der posthumen Veröffentlichung interessesant. Dieser trägt ja alle Verlage, die mit Klassikern ihre Existenz sichern und Autoren veröffentlichen, die längst nicht mehr leben. So ist das eben. Auch paradox, denn es ist ja auch wichtig, dass Autoren durch ihr Geschriebenes weiterleben und kommenden Generationen zugänglich gemacht werden.
        Da bin ich eben zwiegespalten …

      • Mmh, jetzt frage ich mich: Wenn jemand Nihilist ist und nicht an eine Existenz über den Tod hinaus glaubt – was kümmert es ihn, ob die Welt sich an ihn erinnert oder nicht? Ich denke, dass Herrndorfs Intention eine andere war – Arbeit und Struktur eben. Schreiben also, um nicht verrückt zu werden.
        Ich persönlich verstehe auch gar nicht, was so schlimm daran ist, nach dem eigenen Tod vergessen zu werden. Wichtiger ist ja, dass man zu Lebzeiten nicht allein ist.
        Und überdauert der „priviligierte“ öffentliche Dichter wirklich durch sein Werk? Selbst wenn es ein so persönliches Sterbe-Tagebuch ist: Ich habe den Autor nie kennengelernt, er bleibt ein unvollständiger Fremder für mich. Ich kenne z.B. seine Gestik nicht, seine Launen, seine Stimme. Wir sind ja die Summe all dieser Dinge…irgendwie bleibt die Person hinter den Zeilen für mich seltsam fremd, selbst wenn ich mich in seinen Gedanken wiedererkenne. Grundsätzlich finde ich genau DAS so wunderbar: Dass ein wortbegabter Schriftsteller in der Lage ist, Worte dafür zu finden, was für mich häufig unsagbar ist 🙂

      • „Schreiben um nicht verrückt zu weren“ – das trifft es sicherlich. An dieser Stelle ist Schreiben ja immer auch Therapie und nicht nur Kunst.
        Zum Theme Nihilismus. Nicht nur Nihilisten glauben nicht an eine Existenz nach dem Tod … Im Grunde genommen, ist es ja für den Begriff von Existenz egal, ob es danach noch so etwas wie körperunabhängiges Sein gibt oder nicht … Man müsste definieren, woran Existenz geknüpft ist … Aber definitiv ist der Gedanke an ein Leben nach dem Tod nur für die Lebenden da, die Toten interessiert das nicht mehr.
        Das mit dem Vergessen nach dem eigenen Tod … Ich finde es schon traurig, wenn sich niemand an einen erinnert … Ein jeder hat doch das Bedürfnis nach diesem, was überdauert … Aber das ist sehr persönlich. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich erinner mich gern, auch an Menschen, die nicht mehr bei uns sind. Ich mag Friedhöfe schon seit ich klein bin und beschäftige mich gern mit dem Tod, wenn ich das auch naturalistisch sehe und nicht denke, dass etwas danach kommt, außer, dass wir von Maden und Würmern durchpflügt werden und zu Erde werden. Das finde ich sogar schön, denn Materie zu Materie, und irgendwann wächst vielleicht ein Baum aus uns. Ich denke nicht, dass es egal ist, ob jemand stirbt und sich niemand an ihn erinnert. Dazu haben wir ja Friedhöfe und in manchen Ländern ehrt man die Toten viel mehr als bei uns, ich finde sogar, dass wir Alter und Tod zu sehr verdrängen, gerade wenn wir jung sind.

        Bezüglich der Fremdheit gebe ich dir Recht – es ist ein Irrglauben, hinter jedem literarischen Text immer den Autor erkennen zu wollen. Völliger Blödsinn. Ein literarischer Text ist zu allererst fiktiv, eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen, natürlich aus den Gefühlen und Erlebnissen des Autors inspiriert, aber man wird dem Werk nicht gerecht, immer nur das Wesen des Autors dahinter oder darin erkennen zu wollen.

        Und ja, ich denke, dass ein Autor sozusagen dennoch durch sein Werk weiterlebt – seine Ideen leben weiter und das ist doch toll, wenn Generationen von Lesern die eigenen Geschichten durchleben. Das ist einer der großartigen Aspekte von Literatur, dass sie über Zeiten hinweg Ideen und Gedanken transportiert…

        Nachdenkliche Gedanken zu einer nachdenklichen Zeit. Schön, das mit dir zu teilen. Ist ja auf vielen Blogs nicht so beliebt …

        Ich wünsche dir besinnliche Festtage – Katja

      • Liebe Katja, für nachdenkliche Gedanken brauche ich Zeit zum Nachdenken, deshalb kommt jetzt etwas verspätet meine Antwort… 😉

        Zum Begriff „Existenz“ – ist das nun etwas Körperliches oder nicht? Mit der Definition kennst du dich, liebe Katja, mit deinen Philosophiekenntnissen bestimmt sehr viel besser aus. Für mich kann sich Existenz auf jeden Fall manifestieren in.Schrift bzw. einem Buch. Spannend und gruselig ist in dem Zusammenhang ja auch, wie wir auch nach unserem Tod im Internet unseren Fingerabdruck hinterlassen. Insofern ist das Netz auch eine Unsterblichkeitsmaschine. Aber das meiste, was wir dort hinterlassen, ist belangloses Zeug. Literatur dagegen: Ja, genau das liebe ich wie du daran! Dass ich das Gefühl habe, längst vergangene Ideen und Gedanken zu berühren.

        Ich glaube, dass Vergessenwerden nach dem Tod ist mir deshalb egal, weil ich es als Toter ja nicht mehr mitbekomme – vorausgesetzt natürlich, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Wer weiß das schon. Friedhöfe mochte ich auch immer gern. Ich finde, sie haben was tröstliches und feierliches. Allerdings glaube ich, dass die wenigsten von uns später von Würmern zerfressen werden, denn eine Erdbestattung kann sich heute kaum noch jemand leisten. Leider machen sich wirklich die wenigsten darüber Gedanken, weil wir in einer hedonistischen Spaß- und Jugendwahngesellschaft leben. In meiner Familie war Sterben nie ein Tabuthema. Das habe ich auch in Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ so erlebt: Dass man dem Tod seinen Schrecken nimmt, indem man ihn benennt und sich mit ihm auseinandersetzt. Auch und vor allem in seinen ekligen, entwürdigenden und ungerechten Facetten. Und ohne Happy End. Denn das Leben ist halt leider kein Roman.

      • Liebe Karo, es ist schön, dass du dir die Zeit nimmst, darüber nachzudenken. Ich wünschte so mancher Blogger würde mehr so handeln wie du. Sich mal Zeit nehmen über einen Gedanken zu sinnieren und später zu antworten. Wie schnell ist etwas geschrieben ….

        Herrje so gebildet bin ich jetzt auch nicht in Philsosophie. Ich habe im Nebenfach ja nur Grundlagen gelernt und mich so ein wenig mit den wichtigsten Strömungen und Texten befasst, aber da ist ja noch so viel … Existenz ist als solche materiell körperlich. Aber wir können ja auch von der Existenz von abtrakten Dingen reden – dann kommt es eben auf die Definition an. Man könnte sagen, alles, was es gibt, existiert. Das wäre eine Art der Definition. Weiter könnte man sagen, alles, was wir bezeichnen können, existiert, d.h. sobald wir ihm einen Namen geben, erwecken wir es zum Leben und es existiert für uns. Erinnerst du dich an die „Unendliche Geschichte“ ? So ungefähr kann man sich das vorstellen. Es gibt da verschiedene Ebenen und man kann sich argumentativ streiten, welcher Form der Existenz man zustimmen mag.

        Ich finde auch, man sollte mehr alltäglich mit Krankheit, Tod und Alter umgehen. Das nimmt ein wenig die Angst und lässt und das Akzeptieren. Der Jugendwahn nervt mich auch. Woher kommt der Eindruck das Publikum wolle nur junge knackige Künstler und Schauspieler sehen wie es die Pop- und Hollywoodwelt immer behauptet? Ich schätze reife Künstler, Autoren und Schauspieler ebenso wie junge, kreative Talente. Sehr seltsam … Da wird etwas suggeriert, was im Alltag teilweise nicht so sehr eine Rolle spielt. Oder es wird so suggeriert, das viele dann denken, es müsse so sein und plappern diesen Mist nach oder leben danach und spritzen sich Botox, weil es so scheint, als müsse man das. Anderes Thema …

        Es ist in jedem Fall spannend, wie ein Autor oder Künstler mit seiner Sterblichkeit umgeht und diese Emotionen gegenüber der krassen Situation in Kunst umgewandelt werden und die Kunst dabei sozusagen hilft, den Mist zu verkraften.

        Ich lese gerade Schlingensiefs „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“. Von Laura ausgeliehen, die Schlingensief ja sehr mag. Sehr traurig und gleichzeitig wahnsinnig stark und beeindruckend wie ein „Ausnahmekünstler“ wie Schlingensief einen so tiefen ehrlichen Einblick in seine Gefühlswelt während der Krebsdiagnose gibt. Kennst du es und wenn ja, könntest du es mit Herrndorfs Einstellung zu Tod und Krankheit vergleichen? Gibt es da Parallelen in der Wahrnehmung oder ist diese gänzlich unterschiedlich?

        Hab einen schönen Abend!

        Katja

  2. Eine Besprechung, die würde ich das Buch noch nicht haben, mich direkt in den nächsten Buchladen führen würde.Es ist ein buch dem man viele viele Leser wünscht.

    • Danke, liebe Xeniana, für dieses Kompliment! 🙂
      Vielleicht ist es auch ein Buch, dem man nicht nur viele Leser wünscht, sondern umgekehrt: Man wünscht, dass viele Leser zu diesem Buch finden. Es regt zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst an und gleichzeitig zeigt es – etwas flapsig gesagt – auch: Sterben ist zwar große scheiße, aber da müssen wir alle mal durch.
      Herzlichst, Karo

  3. Eine tolle Rezension. Habe das Buch selbst gestern zu Ende gelesen und es hinterlässt einen bewegt, inspiriert und begeistert. Es ist beeindruckend, von einem Menschen zu lesen, der den Blick auf etwas richtet, das man gerne mal verdrängt, und daraus enorm viel Kraft und Kreativität schöpft.

  4. Pingback: Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur | skyaboveoldblueplace

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